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    Lohr

    Umsatzeinbruch bei „The Vape Guru“: E-Zigarette unschuldig, Vitamin-E-Öl schuld

    E-Zigaretten-Händler Marco Cerchia in seinem Laden "The Vape Guru" in Lohr. Foto: Björn Kohlhepp

    Es lief schon mal besser bei "The Vape Guru", dem Lohrer Fachgeschäft für E-Zigaretten und Zubehör. Inhaber Marco Cerchia, 38, sagt: "Die letzten paar Monate hatten wir einen Umsatzeinbruch von 35 Prozent." Schuld daran sind die Berichte über die plötzlich aufgetretenen rätselhaften Erkrankungen und Todesfälle in den USA nach dem Dampfen von E-Zigaretten. Aber Cerchia ist sich sicher: "Die E-Zigarette ist unschuldig." Die Fälle in den USA seien auf bei uns verbotene und noch dazu gepanschte THC-Liquids (als "Liquid" wird die Flüssigkeit zum Verdampfen bezeichnet) vom Schwarzmarkt zurückzuführen.

    Cerchia, der seinen Laden im Sommer 2017 eröffnet hat, dampft selbst seit sechs Jahren. Er habe auch Kunden, die schon seit zehn Jahren E-Zigaretten rauchen – und keine gesundheitlichen Probleme hätten. Grundsätzlich enthalte eine E-Zigarette 95 Prozent weniger Schadstoffe als Zigaretten und es gebe keine Feststoffe, die sich auf die Lunge setzen könnten. "Bei uns in Europa sind die Liquids streng reguliert und geprüft", sagt Cerchia, Grundlage sei die Tabakprodukt-Verordnung (TPD2).

    Öl als Ursache für schwere Erkrankungen in den USA?

    Als Ursache für die innerhalb kurzer Zeit aufgetretenen schweren und zum Teil tödlich verlaufenen Lungenerkrankungen in den USA sieht der Lohrer gestreckte THC-Liquids, gewissermaßen E-Joints. Wohl aus Profitgier seien sie mit einem aus Vitamin-E gewonnenen Öl (Vitamin-E-Azetat) gestreckt worden, das sich in der Lunge abgelagert habe. Öle, so Cerchia, dürften nicht verdampft werden, da sie eine Lungenentzündung (Lipidpneumonie) hervorrufen könnten. Sucht man im Internet nach "Lipidpneumonie" findet man etwa auch Warnungen vor öligen Nasensprays und -tropfen.

    Dass viele Kunden nun verunsichert seien, verstehe er, sagt Cerchia, der das Geschäft mit seiner Lebensgefährtin Daniela Christ führt. "Es sind auch Leute reingekommen, die mit dem Dampfen nix zu tun haben, und wissen wollten, was an den Vorfällen dran ist." Nach den ersten Meldungen aus den USA sei auch bei ihm "der Schock auch groß gewesen", aber es sei ihm recht bald klar gewesen, dass die Fälle dort nichts mit normalen E-Zigaretten zu tun hätten. Schon früh sei in der Branche der Verdacht auf Verunreinigungen gefallen.

    Offenbar kein grundsätzliches Problem von E-Zigaretten

    Dass es sich um ein recht spezifisches Problem handelt, glaubt auch Frank Henkler-Stephani vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), der auf Spiegel-Online mit folgenden Worten zitiert wird: "Dass die Probleme in den USA innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums aufgetreten und vor allem junge Menschen betroffen sein sollen, spricht dafür, dass es sich um ein akutes Problem in den USA handelt und nicht etwa um langfristige Auswirkungen von E-Zigaretten."

    Er habe rund 18 Jahre lange geraucht, zuletzt "gute zwei Schachteln am Tag", erzählt Marco Cerchia. Durch das Dampfen sei er von der Zigarette losgekommen. "Mein Lungenvolumen hat zugenommen", sagt er. Manche Kunden schwärmten, wie gut es ihnen ohne Zigaretten gehe. Auch der in seinem Geschäft gerade zufällig anwesende Reinhard Steinert erzählt, dass er seit dreieinhalb Jahren nicht mehr rauche und es ihm viel besser gehe. Früher habe er alle zwei, drei Tage ein neues Päckchen Tabak gebraucht. Irgendwann sei ihm das Röcheln der Lunge zuwider gewesen, wenn er sich abends ins Bett gelegt hat, das Abhusten, "die Schleimerei". "Das ist alles weg."

    Zwei Testbars für Liquids und Aromen

    Cerchia verkauft in seinem Laden rund 60 verschiedene Liquids, außerdem rund 200 Aromen, die zum Selbermischen einer Basisflüssigkeit aus Propylenglykol, bekannt aus Disco-Nebelmaschinen, und pflanzlichem Glyzerin beigegeben werden. Geschmacksrichtungen sind etwa Pistazienpudding, Erdnusscreme oder schlicht Pfirsich – alles von "kuchig-cremig" bis "fruchtig-frisch", so Cerchia. Es gebe auch Tabak-Liquids, die nach Tabak schmecken, wobei das die wenigsten wollen. An zwei Testbars können Kunden im Geschäft Liquids und Aromen testen.

    Seine Stammkunden kämen weiterhin, was fehlt seien die Neueinsteiger. Seine Kunden sind vor allem ehemalige Raucher, aber auch Shisha-Raucher, die zur E-Zigarette greifen. Es seien überwiegend Männer zwischen 20 und 26 Jahren, er habe aber auch Dampfer, die älter als 60 sind. Verkaufen darf er nur an Erwachsene.

    Nikotinshots für die Dampfflüssigkeit

    In der Regel sei in Liquids Nikotin enthalten, aber es gebe auch Kunden, die ohne Nikotin dampfen – wie auch seine Lebensgefährtin. Mit Hilfe von "Nikotinshots" können Kunden den Nikotingehalt in ihren eigenen Mischungen selbst bestimmen. Cerchia: "Man kann sich langsam reduzieren." Manche Neukunden, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen, beschwerten sich anfangs etwa über Zahnfleischbluten oder dass sie nicht mehr auf Toilette könnten, aber das seien Auswirkungen des Entzugs, nicht der E-Zigarette. Das gebe sich bald wieder.

    Zu Meldungen über explodierte E-Zigaretten sagt Cerchia, dass man wie bei allen Geräten mit Lithium-Ionen-Akkus gewisse Sicherheitstipps beachten sollte, etwa Akkus nicht lose mit Schlüsseln oder Kleingeld in der Hose transportieren oder im Auto lagern.

    Vor der Eröffnung seines Ladens in der Färbergasse hat der 38-Jährige in der Rexroth-Gießerei Schicht gearbeitet. Als Personal abgebaut wurde, nahm er eine Abfindung und machte sich selbstständig, erzählt er. Zuletzt habe er schon manchmal Zweifel gehabt, wie es mit dem Geschäft weitergeht und ob er doch wieder in die Fabrik solle. Nun hofft er darauf, dass es bald wieder aufwärts geht und es sich herumspricht, dass die schlimmen Fälle in den USA nicht vom normalen Dampfen kämen.

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