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    Gemünden

    Verdammt teure Wurstpakete: Dieb muss 10.800 Euro zahlen

    Hätte er bezahlt, was er gestohlen hat, so wären rund 44 Euro fällig gewesen. Doch nun kam es für den 61-jährigen Wiederholungstäter zur Verhandlung vor Gericht.
    Symbolbild: Strafgesetzbuch  Foto: Oliver Berg, dpa

    Mal war es ein Wurstpaket im Wert von vier Euro, das sich ein 61-jähriger Mann in seine weite Jacke stopfte und an der Ladenkasse nicht bezahlte, mal waren auch Quark und Haferflocken dabei. Sechs Ladendiebstähle dieser Art brachten einen Arbeiter aus dem Raum Gemünden vor das Amtsgericht Gemünden.

    Insgesamt 44 Euro hätte das Diebesgut in diesen sechs Fällen gekostet. Doch wollte sich die Justiz diesmal nicht mit einem Strafbefehl begnügen. "Sie mussten unbedingt vor Gericht kommen, damit man ihnen zeigt, dass es so nicht geht", sagte Richterin Kristina Heiduck, nachdem sie ihn zu einer Gesamtgeldstrafe von insgesamt 10 800 Euro verurteilt hatte, die sich aus 180 Tagessätzen ergeben.

    Die Strafe fiel trotz Geständnisses so hoch aus, weil der Mann einschlägig vorbestraft ist: Vor vier Jahren hatte er in einem Geschäft Leergut aus dem Lager geholt und erneut zurückgegeben, was damals 3,30 Euro Schaden verursacht hatte. Zudem war er erst im März wegen eines vergleichbaren kleinen Diebstahls zu 30 Tagessätzen verurteilt worden. In beiden Fällen war ein Strafbefehl ergangen.

    Verhandlung statt Strafbefehl

    Dass es die Justiz diesmal nicht dabei beließ, war dem Angeklagten sichtbar unangenehm. Wenn er nicht redete, saß er meist mit gesenkten Haupt da. Zum ersten Verhandlungstermin war er unentschuldigt nicht gekommen, "weil ich mich furchtbar schäme", wie er einräumte. Diesmal nun wurde er von der Polizei vorgeführt - was insofern etwas unglücklich verlief, als die Beamten ihn direkt von der Arbeit geholt und ihm keine Gelegenheit gegeben hatten, zumindest seine Geldbörse aus dem Auto zu holen. So stand er nach der Verhandlung da ohne einen Cent in der Tasche und wusste nicht, wie er zurück kommen sollte.

    Zwei Anklagen verlas die Staatsanwältin. Eine für die Diebstähle im Edeka-Frischemarkt in Gemünden, wo er von Anfang April bis Ende Juni 2019 fünfmal vor allem Fleisch- und Wurstpakete im Wert zwischen vier und elf Euro eingesteckt hatte. Die zweite für den Fall im Tegut-Markt in Partenstein, wo er im August dabei ertappte wurde, wie er Nahrungsmittel und Kosmetikprodukte für knapp 13 Euro stehlen wollte. Letzteres wog besonders schwer, weil ihm da die erste Anklage bereits zugestellt worden war.

    Frustrierend: 300 erfolglose Bewerbungen

    Eine richtige Erklärung für die wiederholten Diebstähle gibt es nicht. Wie der Angeschuldigte angab, war er zwar lange arbeitslos, doch hat er in den zweieinhalb Jahren seiner neuen Tätigkeit sogar etwas hochgearbeitet. Davor hatte es offenbar einen Bruch in seinem Leben gegeben: Denn einst leitete der heute 61-Jährige eine Firma mit über 100 Mitarbeitern. Doch nachdem diese aufgekauft worden war, schrieb er über 300 Bewerbungen - vergeblich. Gleichzeitig war er zu stolz, Unterstützung zu beantragen. Auch seine Ehe litt wohl unter der Situation.

    Die ihm zur Last gelegten Diebstähle gab der Mann unumwunden zu. Mal sei ihm bewusst gewesen, etwas Falsches zu tun, mal nicht, beantwortete er eine entsprechende Frage der Richterin. Inzwischen versuche er seit rund einem Monat, professionelle Hilfe bei einem Psychologen zu bekommen.

    Videoaufzeichnungen überführten den Täter

    Im Rahmen der Beweisaufnahme erklärte ein Polizist, wie der Edeka-Markt dem Ladendieb auf die Schliche gekommen war: Weil laut Warenwirtschaftssystem mehr Wurstpakete nachgefüllt werden mussten als verkauft worden waren, hatte sich sich der Marktleiter die Videoaufzeichnungen genauer angeschaut und den Dieb entdeckt. Danach wies er das Personal an, ein Auge auf den Mann zu haben. Dadurch wurde er schließlich auf frischer Tat ertappt. Beide Geschäfte stellten auch Strafantrag und erteilten dem Mann ein lebenslanges Hausverbot.

    Die Staatsanwältin machte dem 61-Jährigen in ihrem Plädoyer klar, dass der Strafrahmen bei Diebstahl bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geht. Zwar hielt sie ihm das Schuldeingeständnis zu Gute, doch müsse man auch die enorme Rückfallgeschwindigkeit sehen und dass es sechs Taten innerhalb weniger Monate waren. Die Gesamtstrafe von 180 Tagessätzen bildete sie aus je 50 Tagessätzen für die ersten fünf Diebstähle und 70 Tagessätzen für die sechste.

    "Ich werde nichts mehr machen und mir Hilfe suchen. Ich hoffe, dass ich durch den Psychologen eine gewisse Stabilität erreiche. Für mich ist das alles sehr schlimm", wählte der Angeschuldigte als letztes Wort. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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