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    BURGSINN

    Von Korruption und Kameradentreue

    Einsatz in Mali: Als Militärpfarrer war er weltweit schon vielerorts im Einsatz. Doch immer wieder kehrt Pfarrer Johannes Müller auch nach Burgsinn zurück, wo er fast zehn Jahre wirkte.
    Aufstieg zum Mount Keita und Taufe eines Soldaten       -  Die Taufe eines Soldaten auf dem Tafelberg Keita bei Koulikoro war einer der Höhepunkte von Pfarrer Müllers Einsatz in Mali.
    Die Taufe eines Soldaten auf dem Tafelberg Keita bei Koulikoro war einer der Höhepunkte von Pfarrer Müllers Einsatz in Mali. Foto: Bundeswehr

    Der bis 2010 in Burgsinn tätige evangelische Pfarrer Johannes Müller wechselte als Militärseelsorger zur Bundeswehr am Standort Veitshöchheim. Die evangelische Kirchengemeinde Mittelsinn und besonders sein persönlicher Freund, Pfarrer Gunnar Zwing, luden ihn jetzt zu einem Vortragsabend seiner Mission „Im Auftrag des Herrn unterwegs in aller Welt“ ein.

    Rund 35 Besucher erlebten einen überaus lebendigen Bildvortrag über Müllers zweimonatigen Auslandseinsatz 2017 in Mali, der im Rahmen eines UN-Mandats erfolgten Stabilisierungsmission der Bundeswehr im vom Bürgerkrieg beherrschten Land im Westen Afrikas.

    Müller erklärte die Gründe des Bundeswehr-Engagements im seit 2012 durch Konflikte geschüttelten 19-Millionen-Einwohner-Land. Das UN-Mandat, an dem – neben anderen westlichen Staaten – besonders Frankreich beteiligt ist, gilt als „Einsatz für den Frieden und Sicherheit“.

    „Zweifelsohne ist diese Militärmission zur Zeit eine der gefährlichsten der Bundeswehr“, beurteilte Müller. Die Tuareg im Osten des Landes dienten dem ehemaligen Herrscher Libyens, Muammar al-Gaddafi, in dessen Bürgerkrieg und sorgten nach seiner Beendigung für einen Zustrom von Waffen und Kämpfern, was den Sturz der Regierung zur Folge hatte. Ein weiterer Grund für den Einsatz der Bundeswehr dürfte die Lage Malis am Hauptflüchtlingsstrom gen Norden sein. Insgesamt sind in Mali 11.000 UN-Soldaten stationiert.

    Das Bild, das Müller von Mali zeichnet: Auf den verstopften Straßen sind alte Mercedes-Benz-Karossen in allen Phasen der Verrottung die am häufigsten gefahrenen Autos. Kaum noch fahrtüchtige Mopeds sind zuhauf unterwegs. Früh um sechs Uhr zeigt das Thermometer bereits satte 32 Grad und klettert tagsüber auf 48 Grad im Schatten bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das Mobilfunknetz ist optimal ausgebaut. Die organisierte Kriminalität ist deutlich angestiegen. Das Leben in den großen Städten spielt sich auf der Straße ab. Ein „Sandschipper“ am Fluss Niger verdient am Tag drei Euro.

    Der Militärseelsorger ist für viele ein wichtiger Partner der Truppe. Es muss nicht das schlimme Ereignis sein, das der Einzelne verarbeitet. Es sind auch viele kleine Dinge wie der Alltag, der Lagerkoller im Camp, eingeschränkte Privatsphäre, das Klima und die Entfernung von den Lieben zuhause, die den Soldaten beschäftigt. „Ich bin Beichtvater und für das religiöse Leben im Lager zuständig“, erläuterte der 52-jährige Geistliche. Sonntags gibt es gemeinsame Gottesdienste im internationalen Camp mit verschiedensten Nationalitäten und Religionen. Viele der Soldaten sind konfessionslos; aber auch einer aus der neuapostolischen Kirche kam zu seinen Gottesdiensten. Zweifelsohne war die Taufe eines Soldaten am Pfingstsonntag auf einem Berg einer von Müllers persönlichen Höhepunkten.

    Die meiste Zeit wendete er für die Seelsorge auf. Einmal ist bei einem Kameraden die geliebte Oma im fernen Deutschland gestorben. Aber er flog nicht zur Beerdigung, er wollte seine Kameraden nicht verlassen, die seinen Job hätten übernehmen müssen. Da war die Begleitung des Pfarrers mehr als nötig. Auch aufmunternde Aktionen stehen in Müllers Betreuungskatalog: So hat er am Himmelfahrtstag aus seinem Budget der Mannschaft 32 Torten und Kuchen spendiert. Gerade das Schwitzen ist für Europäer eine Herausforderung: Bei permanent zu schleppendem 15 Kilogramm schwerem Gepäck plus der Waffen und in einer Kampfuniform steckend ist das leicht verständlich. Der rote Staub, der immer in der Luft flirrt, setzt sich unerbittlich auf Uniform und Autos fest und überzieht diese mit einer roten Farbe. Die Deutschen sind in Mali höchst angesehen und die Bevölkerung, besonders die Kinder, gehen ohne Berührungsängste zu den Soldaten, berichtete Müller.

    Jedoch sind ständig offene Augen überlebenswichtig: So zeigte Müller ein Foto einer idyllischen Landschaftsszene. Einheimische Soldaten wurden hier trainiert, um eine im Busch vermeintlich achtlos weggeworfene Flasche als Rohrbombe zu erkennen. „Einen Schritt weiter und der Auslösekontakt könnte per Handy gezündet werden“.

    Die politische Situation Malis ist sehr schwierig, niemand weiß so recht, wer gegen wen kämpft. Vieles ist von Korruption geprägt. Der Präsident schwelgt im Luxus. Das aus Deutschland fließende Geld kommt immer wieder auf „sonderbaren Wegen“ nach München, Untertürkheim oder Ingolstadt für Luxuskarossen zurück. Das Volk selbst hat die Unterdrückung satt und wünscht sich eine ordentliche Verwaltung.

    „Ein Krebsgeschwür Malis und des gesamten Afrika ist jedoch China“, sprach Müller deutliche Worte. Die Chinesen bauen Straßen und stampfen die Infrastruktur aus dem Boden. Dafür „kaufen“ sie sich den korrupten Präsidenten und bedienen sich der reichen Vorkommen an Bodenschätzen wie Uran, Gold, Erdöl und Erdgas. Umweltschutz oder Menschenrechte bleiben völlig außen vor.

    Der Bevölkerung mit einer Analphabetenquote von 60 Prozent fehlt jegliche Perspektive. Jede Generation verdoppelt sich und Wirtschaftsflüchtlinge nach Deutschland oder Frankreich sind mehr als verständlich. „Trotz allem ist Mali ein faszinierendes Land.“

    Müller hat in seinen Auslandseinsätzen im Kosovo, Afghanistan und Mali unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Sein nächster Auslandseinsatz steht bereits fest: Im Rahmen der Beistandsinitiative der Nato wechselt er nach Litauen, wo rund 1100 Soldaten der Bundeswehr ausbilden und üben.

    Militärpfarrer Johannes Müller war zwei Monate im Auslandseinsatz in Mali in der Nähe der Hauptstadt Bamako stationiert.
    Militärpfarrer Johannes Müller war zwei Monate im Auslandseinsatz in Mali in der Nähe der Hauptstadt Bamako stationiert. Foto: Jürgen Gabel
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