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    Büchold

    Wandel in der Landwirtschaft: Wie Bauern Büroarbeiter wurden

    Immer mehr Bürokratie. Die meisten Landwirte verbringen heute rund ein Viertel ihrer Arbeitszeit mit am Computer. Hier ein Stellvertreterbild mit Markus Kreßmann aus Wiesenbronn zusammen mit dem Berater Manfred Lilli vom Landwirtschaftsamt. Foto: Siegfried Sebelka

    Ein Landwirt verbringt heute etwa ein Viertel seiner Arbeitszeit mit Bürokratie, schätzt Notker Wolf. Auch das ist ein Kennzeichen des Strukturwandels in der Landwirtschaft. In dem Zusammenhang berichteten wir bereits darüber, dass künftig ein Landwirt wohl 500 Hektar bewirtschaften wird– und über die Abnahme der Sortenvielfalt.

    Das mit der Bürokratie sei etwa in den 1990er Jahren losgegangen, blicken Notker Wolf und Helmut Rüth zurück. Beide kommen aus Sachserhof. Rüth ist Biolandwirt, Wolf ist bei der Baywa Verkaufsberater für Agrarprodukte.

    Getrieben von Programmen

    Der Weg hin zum "Bürolandwirt" begann schrittweise. Ende der 1950er jahre kamen die Bulldogs. Zusätzlich verbreitete sich Kunstdünger und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln begann. "Die Bauern waren begeistert, weil die Ernte enorm anstieg", berichtet Wolf. Zur damaligen Zeit nachvollziehbar, denn der Hunger der Nachkriegzeit steckte den Menschen noch in den Gliedern.

    Für mehr Rationalisierung sorgte die Flurbereinigung. Sie kam zu völlig unterschiedlichen Zeiten in die Dörfer - nach Sachserhof zum Beispiel schon in den 1950er Jahren. Und erste Programme setzten ein, von denen die Bauern getrieben wurden. So gab es in den 1970er Jahren Prämien für die Beseitigung der bis dahin üblichen, aber störenden Obstbäume auf den Äckern. Rüth erinnert sich an den Spruch eines Vorstandsmitglieds der Bücholder Flurbereinigungsgenossenschaft: "Leut, macht die Bäum raus, es geit Geld." So seien bei Büchold rund 2000 Obstbäume "geflogen".

    Plötzlich kam die Überproduktion

    In den 1990er Jahren kam es dann zum Problem der Überproduktion. Um den "Milchsee" und den "Butterberg" in den Griff zu bekommen, wurden Kontingentierungen und Zwangsstillegungen eingeführt. Stilllegung bedeutete, dass auf einer Fläche keine Nahrungsmittel mehr produziert werden durften. Zu anderen Zwecken war die pflanzliche Erzeugung auf diesen Flächen noch möglich, beispielsweise der Anbau von Raps für Treibstoff.

    "Das alles ist schlimmer als eine Steuererklärung."
    Biolandwirt Helmut Rüth über die heutige Bürokratie 

    In dieser Zeit ging es mit dem "Bürokratiehorror" los, wie es Rüth und Wolf nennen. "Die Preise wurden auf das angebliche Weltmarktniveau gesenkt", schildert es Rüth, und damit fast halbiert. Dafür gab es von da an Ausgleichszahlungen der EU, für die aber genaue Aufzeichnungen und Dokumentationen erforderlich wurden. Das waren schwierige Jahre, in denen die Bauern sich plötzlich mit solchen Dingen beschäftigen mussten.

    Manche waren auch ganz gewieft. Notker Wolf weiß von Bauern aus dem Ochsenfurter Gau, die in der Rhön Flächen pachteten, dafür die Stilllegungsprämie kassierten und in Ochsenfurt voll weiterproduzierten. Regelungen führen fast immer auch dazu, dass es Schlupflöcher gibt. Helmut Rüth urteilt über dieses System: "Ich glaube nicht, dass auch nur ein Bauer mit den Subventionen glücklich ist. Es wäre sicher allen Bauern lieber, ihr Einkommen mit fairen Preisen für ihre Produkte zu erwirtschaften." 

    Immer mehr Formulare

    Seitdem habe sich das mit der Bürokratie nach und nach gesteigert. Seit einigen Jahren laufen alle Anträge und Nachweise, die Bauern zu erledigen haben, online. Aufwändig sind die Flächenverzeichnisse. Jedes Jahr macht das Amt für Landwirtschaft zwischen Frühjahr und Herbst Luftbilder von den Feldern und Vor-Ort-Kontrollen.

    Es geht dabei um die Einhaltung der 97-seitigen Düngeverordnung. Darin sind die Düngebedarfsermittlung, der Nährstoffvergleich, die Feld-Stall-Bilanz und die Stoffstrombilanz festgelegt. Aus letzterer ist ersichtlich, welche Düngermenge ausgebracht wurde und welche Stoffmenge geerntet wurde. Auch ist für jede Kultur eine Bodenuntersuchung zwingend. Rüth: "Das alles ist schlimmer als eine Steuererklärung."

    Was bedeutet "Cross Compliance"?

    Zurzeit wird eine schärfere Düngeverordnung von der EU gefordert und wohl im Herbst mit neuen Auflagen und Verpflichtungen kommen. Für Landwirte ist der Begriff "Cross Compliance" kein Fremdwort mehr. Das bedeutet, dass überkreuz Verpflichtungen eingehalten werden. Wenn die Bauern Umweltstandards und Tierschutzbestimmungen einhalten, gibt es dafür Prämienzahlungen.

    Rüth: "Wir werden ein Land mit einer immer mehr ausgeräumten, kahlen Flur mit immer größeren Feldstücken." Und alle Landwirte würden die Kontrollen des Amts für Landwirtschaft fürchten, weil keiner davor gefeit sei, etwas zu übersehen. Denn dann drohe selbst bei kleinsten Abweichungen Sanktionen, zum Beispiel eine Kürzung der Prämien.

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