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    Arnstein

    Warum Unterfrankens Bauern die Düngeverordnung bekämpfen

    "Die aktuellen Vorgaben zur Düngung lassen uns Bauern dastehen als Buhmänner, die alles falsch machen", kritisiert Georg Scheuring. Der 52-jährige Ökolandwirt vertritt als Geschäftsführer des Bauernverbands Bad Kissingen die Interessen vieler seiner Kollegen.  Foto: Gisela Rauch

    Aus Protest gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung sind Ende Oktober Bauern aus allen Ecken Unterfrankens mit ihren Treckern nach Würzburg gefahren und haben den Verkehr zeitweise zum Erliegen gebracht. Das Chaos auf den Straßen hat sich der Bevölkerung eingeprägt. Die Gründe für den Protest aber kaum. Überhaupt: Warum wehren sich gerade unterfränkische Landwirte so massiv vor allem gegen die Düngeverordnung?

    „Es ist nicht in unserem Interesse, dass die Leute annehmen, wir Landwirte seien zu dumm oder zu faul, um uns beim Düngen umzustellen“, sagt Georg Scheuring. Der 52-jährige studierte Landwirt aus Gänheim bei Arnstein (Lkr. Main-Spessart) ist doppelt qualifiziert, die Anliegen der Bauern zu vermitteln. Einerseits hat er den bäuerlichen Betrieb seines Vaters übernommen und arbeitet seit Jahrzehnten als Ökolandwirt im Nebenerwerb. Andererseits ist Scheuring seit 25 Jahren Geschäftsführer des Bauernverbands Bad Kissingen und kennt deshalb die Sorgen seiner Kollegen.

    Bauern haben die Pflicht, den Stickstoffgehalt ihrer Felder zu untersuchen oder zu errechnen

    Scheuring zufolge entzündet sich der Ärger vieler Landwirte an den „überzogenen Vorschlägen“ zum Artenschutz und an der Düngeverordnung, die 2017 eingeführt wurde. 2018 gab es dazu die Ausführungsbestimmungen, 2020 soll die Verordnung nochmals verschärft werden. In der aktuellen Düngeverordnung basiert die Festsetzung „roter Gebiete“ auf Daten der Wasserwirtschaftsämter; dabei wurde vor allem die Nitratbelastung des Grundwassers erfasst. Derzeit gilt, dass Landwirte in "roten" Gebieten mit hoher Nitratbelastung bei der Düngung zusätzliche Auflagen haben. Sie müssen für Behörden mehr dokumentieren und unter anderem den Stickstoffgehalt ihrer Felder regelmäßig untersuchen oder wenigstens mit einem Simulationsprogramm errechnen. Außerdem müssen die Bauern die anfallenden Gärrückstände und den Wirtschaftsdünger auf Gesamtstickstoff, Ammoniumstickstoff und Gesamtphosphat prüfen. Landwirte in grün gekennzeichneten Gebieten mit niedriger Nitratbelastung, haben weniger Aufzeichnungspflichten und mehr Erleichterungen.

    Mit einem 30 Jahre alten Bus ist Landwirt Scheuring zu seinen Äckern bei Gänheim bei Arnstein (Landkreis Main-Spessart) unterwegs.  Foto: Gisela Rauch

    Dass Landwirte in Gebieten mit hoher Nitratbelastung weniger düngen dürfen, hört sich für den Laien logisch an. Für viele unterfränkische Bauern ist aber eben diese Regelung zu „eng gestrickt“ und zu simpel gedacht.  „Wir hier in Unterfranken haben bekanntermaßen viel Sonne und extrem wenig Niederschläge. Da kommt es dann schnell zu erhöhten Nitratkonzentrationen im Grundwasser“, sagt Scheuring. Trotz intensiverer Tierhaltung und entsprechend höherem Gülleanfall seien auf der bayerischen Düngeverordnungskarte weite Gebiete im regenreicheren Oberbayern als „grün“ gekennzeichnet. Im extrem regenarmen Unterfranken mit deutlich weniger Tierhaltung und weniger Gülle-Aufkommen aber gebe es dennoch viele rot gekennzeichnete Gebiete, vor allem rund um den regenarmen Main herum.

    In vielen deutschen Gebieten ist das Grundwasser zu stark mit Nitrat belastet. Wegen der hohen Nitratwerte stehen Landwirte, die (wie auf diesem Symbolfoto) Gülle ausbringen, bundesweit in der Kritik.  Foto: Ingo Wagner, dpa

    „Wir können das einfach nicht nachvollziehen, dass als Kriterium fürs Düngen nur die vom Wasserwirtschaftsamt gemessenen Nitratwerte gelten - unabhängig von Bodenbeschaffenheit und Niederschlagsmenge“, sagt Scheuring und stellt das Messstellennetz des Wasserwirtschaftsamts in Frage. „Wenn ich sehe, dass das Gebiet um Arnstein herum als rot gekennzeichnet ist, obwohl wir hier so gut wie keine Tierhaltung haben und das Gebiet um Bad Brückenau herum als grün gilt, obwohl dort infolge von mehr Tierhaltung mehr Gülle ausgebracht wird, dann ist das auch für die Landwirte schwer nachvollziehbar“, findet Scheuring.

    Ökolandwirt: "Wenn ich nicht mit Futterpflanzen düngen darf, ist das kontraproduktiv"

    Luzerne (im Bild) wird auch als Dünger verwendet.  Foto: Werner Knoth

    Der geplanten weiteren Verschärfung der Düngeverordnung im kommenden Jahr sieht Scheuring mit Sorge entgegen. Als Ökolandwirt, der vor allem Getreide und Ackerbohnen produziert, düngt Scheuring Zwischenfrüchte ohnehin nicht mit Gülle, sondern unter anderem mit Luzerne oder Klee. Also mit Futterpflanzen, die zuvor auf seinen Feldern gewachsen sind. „Nach der Düngeverordnung von 2020 darf ich das aber nicht mehr“, sagt Scheuring. „Das ist kontraproduktiv!“. Die Leguminosen Klee und Luzerne würden als Pflanzen gelten, die extrem gut Stickstoff binden können: „Wenn ich die Düngung unterlasse, wird verstärkt Humus im Boden abgebaut und dies wiederum führt dazu, dass mehr CO2 frei wird“.

    Bei der Gesetzgebung habe man zu wenig den Praxisbezug gesucht, zu wenig auf den „Sachverstand der Bauern gehört“, so der Landwirt. Bei der verschärften Düngeverordnung, die kommen soll, werde zum Beispiel auf Ausbringungsfahrzeuge gesetzt, die so groß seien, dass sie durch viele Dorfstraßen und in manche Betriebe überhaupt nicht kämen. Auch seien die Vorgaben zum Bau von Silos praktisch unrealisierbar. „Was wir brauchen, sind klare und praxisnahe Vorgaben, die es den Landwirten erlauben, vernünftig zu produzieren“, so der Gänheimer. Die aktuellen Düngevorgaben ließen die Bauern bloß dastehen als „Buhmänner, die alles falsch machen“.

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