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    Retzstadt

    Warum die Königin ständig weitere Eier für Sommerbienen legt

    Keine blühenden Landschaften und auch nur wenig Grün war auf den Feldern zu sehen, zu denen Landwirt Karl Köhler die rund 70 Teilnehmer des von der Steuerungsgruppe der Fairtrade-Gemeinde Retzstadt und der Eine-Welt-Gruppe organisierten Rundgangs "Klimaschutzwandel konkret" führte. Foto: Jürgen Kamm

    "Der Weinberg steht schlaff da" und "ein trauriges Bild, nichts ist grün und nichts wächst" sind zwei Aussagen vom Rundgang zum Thema "Klimaschutzwandel konkret" aus dem Bereichen Weinbau und Landwirtschaft. Sechs Tage bevor die Bundesregierung ihr Klimaschutzpaket vorlegen will, machten sich rund 70 Interessierte in Retzstadt auf Einladung der Steuerungsgruppe der Fairtrade-Gemeinde Retzstadt und der Eine-Welt-Gruppe auf zu einem informativen und unterhaltsamen Ortsrundgang.

    Bei der Begrüßung erinnerter Bürgermeister Karl Gerhard stolz daran, dass Retzstadt die kleinste Fairtrade-Gemeinde ist. Aber auch daran, dass Klimaschutz derzeit ein Topthema ist. Mit Vorschlägen wie Abwrackprämien für Ölheizungen und einem 365-Euro-ÖPNV-Ticket gehe es gesellschaftlich rund.

    Der Winzer hofft auf Speicherseen

    Schon auf dem ersten Laufstück zu den Weinbergen des Weingutes May bekamen die Teilnehmer dank des schönen Spätsommerwetters einen praktischen Eindruck von warmen Temperaturen. Winzer Benedikt May berichtete, dass er und sein Vater vor vier Jahren die erste Bewässerungsanlage in Thüngersheim bauten und sich damals nicht vorstellen konnten, auch die Weinberge in Retzstadt bewässern zu müssen. Nach zwei extremen Sommern sehe das jetzt anders aus, rund 30 000 Liter je Hektar bewahrten die Rebstöcke vor dem Vertrocknen. Langfristig sollten solche Wassermengen durch Speicherseen bereit gestellt werden, in denen die Niederschläge im Herbst und Winter gesammelt würden.

    Zweites Problem der Winzer ist der deutlich frühere Austrieb der Reben. Kommt danach noch einmal Nachtfrost, drohen Erfrierungen. Dadurch kam es heuer in manchen Bereichen zu Frostausfällen im Bereich von 70 Prozent.

    Senf soll den Boden schützen

    Ein Stück weiter, oben auf der Höhe von Düntel und in der prallen Sonne, erklärte Landwirt Karl Köhler - er ist auch Ortsobmann und stellvertretender Kreisvorsitzender des Bauernverbands - dass er heute deutlich mehr auf den Zwischenfruchtanbau setzt als vor 20 Jahren. Zwischenfrüchte wie Senf sollen den Boden schützen, Wasser speichern und Humus bilden. Wenn es nach der Aussaat so wenig regnet wie diess Jahr, funktioniert das allerdings kaum. Auf einen Feld war von der Zwischenfrucht nichts zu sehen, auf dem anderen ein kümmerlicher gelber Blütensaum.

    Er ging auch auf die Nitrat-Problematik ein. Im Raum Karlstadt werde ausgerechnet ein stillgelegter Brunnen bei Aschfeld beprobt, mit deutlich höheren Werten als die genutzten Brunnen. Zudem dauere es im trockenen Unterfranken mit 500 bis 600 Millimeter Jahresniederschlag, in den letzten zwei Jahren seien es kaum 400 Millimeter gewesen, deutlich länger bis sich weniger oder gar nicht Düngen in den Werten auswirke als im mit 1100 Millimetern vergleichsweise feuchtem Oberbayern.

    Rapsanbau lohnt fast nicht mehr

    "Problemfrucht ist ganz klar der Raps", erklärte Karl Köhler weiter. Diese wird Mitte August gesät, doch ohne Niederschläge gehe die Saat nicht auf. Die noch erlaubten Spritzmittel führten zu Mehrarbeit – vier bis fünf Einsätze in sechs bis acht Wochen – und dennoch sinkenden Erträgen auch durch Insektenschäden. Die Erntemenge habe sich von früher vier bis fünf auf zwei bis drei Tonnen je Hektar praktisch halbiert. Biobetriebe können Raps gar nicht anbauen.

    Als dramatisch schilderte er die Lage im Wald. "Wir machen jetzt alle paar Wochen Holz", damit gehe es vor allem um Trockenschäden. Wobei er es für problematisch hält, alle dürren Bäume zu fällen, weil dann der Wind die verbleibenden Bäume stärker austrocknen kann. Die von Ministerpräsident Markus Söder angekündigte Aufforstung werde nur mit genügend Wasser funktionieren. Die Christbäume, die er vor zwei Jahren anpflanzte, seien alle vertrocknet. Man könne aber nicht auch noch den Wald gießen, auch der Bewässerung in der Landwirtschaft erteilte er eine Absage.

    Warum Blühflächen im Herbst kontraproduktiv sind

    "Für die Bienen sind Blühflächen im Herbst kontraproduktiv", erklärte Hobbyimker Stefan Kummer an den Maschinenhallen als letzte Station des Rundgangs. Denn dann fehle den Bienen die Zeit, den Bienenstock auf die Winterruhe vorzubereiten. Statt dessen lege die Königin ständig weiter Eier für Arbeitsbienen, die mit 60 Tagen eine deutlich geringere Lebenszeit haben als Winterbienen mit sechs Monaten, die Stockpflege und Arterhalt als Aufgabe haben. Im Frühjahr gäbe es in Folge zu wenige Bienen für die Bestäubung der Blüten.

    "Ich hätte es nicht gebraucht", sagte er zum Volksbegehren "rettet die Bienen". Er habe schon vorher mit den Bauern darüber reden können, das sie erst nach Ende des Bienenflugs im Raps spritzen. Dass beim derzeitigen Klima schwer anzubauen ist, sei auch ein Problem für die Imker: "Ohne Raps fehlen 50 Prozent der Blühfläche".

    Bevor es auf den Rückweg in den Ort ging bedankten sich Klaus Eisenbacher, der für die Steuerungsgruppe die Moderation übernommen hatte, bei den drei Erzeugern für die interessanten Ausführungen.

    Bearbeitet von Jürgen Kamm

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