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    Stetten

    Was sind das für Leute, die für Stempel und Abzeichen wandern?

    Reinhard Kimmel zeigt Andenken an Stetten und die Wandertage, die man vor Ort erwerben kann. Foto: Günter Roth

    Wärmende Sonnenstrahlen, ein frischer Wind weht um die Nase, die klare Luft macht den Blick weit und lässt das Auge freudig in die Ferne schweifen. Da hüpft das Herz des Wanderers und seiner Wanderfrau vor Freude im Leibe . . . Nein, solche Gefühle kamen bestimmt nicht auf beim Wandertag am vergangenen Wochenende in Stetten. Besonders am Samstag luden heftige Regenschauer, ein bissiger Nordwind und wolkenverhangene Berghänge gewiss nicht zum Wandern ins Werntal ein.

    Urige Wandertypen mit ihren Trophäen am Filzhut gibt es kaum noch bei den Wandertagen. Heute ist man in Funktionskleidung unterwegs. Foto: Günter Roth

    Und dennoch kamen viele hundert Menschen aus dem Dorf, den umliegenden Ortschaften und sogar von weit her. Reinhard Kimmel, der Chef der Wanderabteilung in der Spielvereinigung Stetten, zeigt an der Wandtafel den aktuellen Stand: Frankfurt, Fulda, Creglingen oder Volkach sind hinreichend bekannt.

    Daneben aber stehen auch Ortsnamen, die bei uns kaum einer kennt: Tambach, Unterthal, Wiebelsbach oder Dörlesberg. Da drängt sich doch die Frage auf: Was bringt einen Menschen dazu, bei diesem Mistwetter über hundert Kilometer anzureisen, um hier in Stetten beim Wandertag quasi in der Herde fünf oder elf Kilometer unter die Wanderstiefel zu nehmen. Ist es der Drang nach einem neuen Eintrag ins Wanderbuch, sind es die Abzeichen, die man erwandern kann?

    "Man sieht jedes Mal etwas anderes, hat neue Erlebnisse und trifft doch immer wieder dieselben inzwischen wohlbekannten Kollegen und Freunde."
    Wanderfreund Bruno Aland

    Die Mehrzweckhalle von Stetten ist Startpunkt, Ziel und Versorgungsstation zugleich. An einem Tisch sitzen sechs Herren mit blauem Anorak und blauer Schirmmütze. Seit 40 Jahren gibt es den Wandertag um Dreikönig in Stetten und die Wanderfreunde Hattenhof, südlich von Fulda, sind schon von Anfang an dabei. Im Gespräch wird klar: Was diese Herren hierher treibt ist die besondere Verbindung von Reisen, also weggehen und dennoch ankommen. "Man sieht jedes Mal etwas anderes, hat neue Erlebnisse und trifft doch immer wieder dieselben inzwischen wohlbekannten Kollegen und Freunde. Das ist dann fast so wie zuhause", sagt Bruno Aland.

    Stolz zeigt er sein Wanderbuch des Deutschen Volkssportverbands (DVV) mit der Nummer 388 282. Allein im vergangenen Jahr hat der 73-Jährige 715 Kilometer zurückgelegt. Das bedeutet, dass er und seine Wanderfreunde fast jede Woche unterwegs sind – gelegentlich sogar zweimal. Schnell kommt die Gruppe ins Schwärmen, schwelgt in Erinnerungen und erzählt Geschichten. Im vergangenen Fasching waren sie beim Karnevals-Wandern in Hürth bei Köln. Brunos Wanderfreund Elmar kriegt noch jetzt glänzende Augen: "Da gab es neben den Büttenrednern auch richtige Bauchtänzerinnen."

    Schöne Stempel im Wanderbuch machen Freude. Foto: Günter Roth

    Wie man zum Volkswandern kommt, erzählt auch die Stettenerin Elfriede Amthor. Noch lange bevor hier die Wanderabteilung 1978 gegründet wurde, wurde sie gemeinsam mit ihrem vor zwei Jahren verstorbenen Mann Edgar durch Freunde im Spessart mit dem Wandervirus infiziert. Auch für das damals noch recht junge Ehepaar war die Kombination von Bewegung in der Natur, neue Erfahrungen in anderer Umgebung und das gemeinsame Erlebnis mit Gleichgesinnten genau das Richtige, zumal man auch die ganze Familie problemlos mitnehmen konnte.

    Die Folge: Tochter Silvia läuft heute beim New-York-Marathon mit, Sohn Steffen ist Sportlehrer. Absoluter Wanderkönig aber war wohl ihr Edgar, der seinerzeit von seinem Verein für über 50 000 Kilometer Wanderstrecke geehrt wurde. "Einmal um die ganze Welt" hatte für ihn so eine ganz besondere Bedeutung. Einmal um die ganze Welt – und noch tüchtig was extra.

    "Junge Leute kommen einfach keine mehr nach!"
    Manfred Hirsch, Terminkoordinator des DVV-Bezirks

    Allerdings geht die moderne Zeit auch an der Wanderbewegung nicht spurlos vorüber. Noch vor 15 Jahren war die Stettener Mehrzweckhalle mit über 2000 Besuchern oft hoffnungslos überfüllt, heute kommen meist nur noch knapp die Hälfte. Wie in vielen anderen Breitensportvereinen fehlt einfach der Nachwuchs. Ein Blick in die Halle beweist, dass drei Viertel aller Wanderfreunde im Rentenalter oder kurz davor sind. Manfred Hirsch, der Terminkoordinator des DVV-Bezirks bestätigt den rückläufigen Trend. "Junge Leute kommen einfach keine mehr nach!", klagt er. Dabei bemüht sich sein Verband durchaus um neue, attraktive Angebote. Es gab Wandertage mit Geocaching, Crosslauf und Nordic-Walking-Strecken, doch der Erfolg blieb aus. Womöglich müsste hier mehr Wert auf die Action und den Eventcharakter wie bei den aktuellen "Battle-Races" oder beim "Pokemon-Hype" gelegt werden.

    Wanderabzeichen waren einst beliebte Andenken. Der Stettener Reinhard Kimmel hat Hunderte davon. Foto: Günter Roth

    Veränderungen bemerkt auch der Stettener Wanderchef Kimmel. "Früher haben die Wanderer gerne die angebotenen Medaillen, Anhänger oder Stecker als Andenken genommen, manche sind sogar mehrfach gegangen, um beispielsweise die vom letzten Jahr zu erwandern", sagt er und zeigt als Beweis seine eigen umfangreiche "Trophäensammlung". Jetzt ist die Nachfrage nach Trophäen eher gering.

    Ein weiterer Wandel zeigt sich auch im Outfit der Wandervögel. Der einstmals typische Wanderer in Kniebundhose, Janker und Filzhut mit den Orden und Abzeichen ist passé. Heute trägt man entweder normale Freizeitmode oder moderne Funktionskleidung. Sogar die Wanderstiefel werden nicht mehr mühsam geschnürt, stattdessen schlüpft man in die Hightech-Laufschuhe.

    Gemeinsam mit Freunden macht die Bewegung an der frischen Luft noch mehr Spaß, meinen die Wanderfreunde. Foto: Günter Roth

    So vielfältig wie die Menschen, die zum Wandertag kommen, sind heute auch die Motivationen. Da ist der "Hardcore-Sportler" Walter Zimmermann aus Marktheidenfeld, der die elf Kilometer lange Strecke gar zweimal im Dauerlauf zurücklegt, da sind die geselligen Typen mit Hund und Kinderwagen, die fröhlich plaudernd unterwegs sind, und da sind die Meditativen, die ja eigentlich auch alleine im Wald unterwegs sein könnten.

    Aber dann würde doch der krönende Abschluss fehlen: Das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten am Ziel bei Kesselfleisch, einem Schoppen oder einem Glas Bier, die schönen Gespräche und vor allem die Verabredungen für den nächsten Wandertag - zum Beispiel an diesem Wochenende in Unterpleichfeld.

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