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    ZELLINGEN

    Wasser-Warnung: Bürgermeister fühlen sich allein gelassen

    Wasser aus dem Wasserhahn
    Seit mittlerweile einer Woche müssen fast 50 000 Menschen in der Region nordwestlich von Würzburg ihr Trinkwasser abkochen. Jetzt wird auch bei Bürgermeistern der Gemeinden Kritik laut (Symbolbild). Foto: Robert Günther

    Seit mittlerweile einer Woche müssen fast 50 000 Menschen in der Region nordwestlich von Würzburg ihr Trinkwasser abkochen. Jetzt hagelt es nicht nur von Bürgern Kritik, die sich unzureichend über die Gefahren informiert fühlten, sondern auch von Bürgermeistern, die beklagen, von den Gesundheitsämtern mit der Situation allein gelassen worden zu sein.

    Freitag, 14. September, 14 Uhr in Unterfranken: Die Angestellten vieler Gemeinden sind längst im Wochenende, als eine E-Mail des Zweckverbands Trinkwasserversorgung Mittelmain (FWM) die Gemeindeverwaltungen im westlichen Landkreis Würzburg und Zellingen mit Retzbach (Lkr. Main-Spessart) erreicht: Das Trinkwasser ist mit Fäkalkeimen verunreinigt, wird gechlort und muss bis auf weiteres abgekocht werden. Radio und örtliche Medien sind informiert. Die Warnung kursiert im Internet. Eine Hotline des Gesundheitsamtes ist übers Wochenende stundenweise eingerichtet. Doch viele Verbraucher wissen zu diesem Zeitpunkt dennoch: von nichts.

    Mundpropaganda statt offizieller Kanäle

    Auf der Straße erfährt die Bürgermeisterin von Hettstadt, Andrea Rothenbucher, von einer Bürgerin mit Kontakten zum Wasserversorger von der Gefahr aus dem eigenen Wasserhahn. Sie eilt in ihr Büro und druckt die Pressemitteilung aus. In der Gemeindeverwaltung in Hettstadt ist längst niemand mehr. Kurzentschlossen ruft sie einen Bauhofmitarbeiter an.

    Auf dem Fahrrad verteilen sie die Warnung, sprechen Menschen auf der Straße an, verständigen Purzelgarde, Kindergarten und Schule über Whats-App-Gruppen und soziale Medien, klappern Bäcker, Metzger und Betriebe ab, die das Wasser mit Lebensmitteln in Berührung bringen. „16 000 Haushalte – das ist logistisch ein Problem“, sagt Rothenbucher. „Trinkwasser ist unser höchstes Gut! Ich verstehe nicht, warum ich nicht früher informiert wurde.“

    Auch der Bürgermeister der betroffenen Gemeinde Erlabrunn ist zu diesem Zeitpunkt ahnungslos, da der E-Mail-Server der Verwaltung kurz zuvor die Grätsche macht. Doch die Mundpropaganda funktioniert: Thomas Benkert wird von Alexander Hild vom technischen Bauamt im benachbarten Margetshöchheim verständigt. Er wiederum erhält die Nachricht aus Hettstadt.

    Krisenmanagement in jedem Ort anders

    Jedes Gemeindeoberhaupt versucht am Freitag auf andere Art, seine Bürger zu warnen: In Erlabrunn rückt bereits am Abend zwei Mal die Feuerwehr aus. Ähnlich ist es in Hettstadt. In Zellingen wird Feuerwehrmann Ulrich Endrich zum Star in den sozialen Medien, da er die Bürger per Lautsprecher dazu auffordert, auf „Bier und Schoppe“ umzusteigen.

    Peter Stichler, Bürgermeister von Höchberg, beklagt, er habe keine klaren Anweisungen von den zuständigen Behörden erhalten. Ähnlich sieht es Heribert Endres, Bürgermeister von Uettingen. Noch am Freitag schreibt er auf eigene Faust E-Mails an die örtlichen Vereine, macht Anschläge an Schautafeln, informiert Discounter und die Diakonie-Station. Seine Feuerwehrkommandanten entscheiden sich gegen Lautsprecherfahrten, um „die Menschen nicht noch mehr zu verunsichern“. Ähnlich sah es Stichler, der seine Entscheidung im nach hinein bedauert. 60 Beschwerden von Bürgern waren daraufhin bei ihm eingegangen.

    Maximilian Pfister, Geschäftsleiter in Waldbüttelbrunn, belässt es bei der Veröffentlichung im Internet. Ähnlich läuft es in Leinach, dessen Geschäftsleiter Rainer Reichert von der Feuerwehrführung im westlichen Landkreis die Auskunft erhält, dass keine zusätzliche Benachrichtigung der Bevölkerung angeordnet werde.

    Das ändert sich schlagartig Montagnachmittag, als den Verantwortlichen offenbar deutlich wird, dass die Informationen für die Betroffenen nicht ausreichen: Der Katastrophenstab des Landkreises fordert die örtlichen Feuerwehren zu Fahrten auf und stellt ihnen eine Datei sowie die technische Ausrüstung zur Verfügung. „Die Lautsprecheranlagen des Katastrophenschutzes sind viel hochwertiger als die der örtlichen Feuerwehr. Da versteht man wenigstens, was gesagt wird“, so Andrea Rothenbucher.

    So sieht es derzeit am Hochbehälter in Zellingen (Lkr. Main-Spessart) aus: Die Bauarbeiten sollten seit März abgeschlossen sein, dauern aber noch an. Foto: Achim Muth

    Auch die Hotline des Gesundheitsamtes wird ausgeweitet. Immer noch rufen täglich mehrere Hundert Bürger per Telefon an. Viele kamen am Wochenende zu dem einen Hygienekontrolleur am anderen Ende der Leitung überhaupt nicht durch. „Aufgrund der zahlreichen Nachfragen aus der Bevölkerung wurde ein größerer Informationsbedarf deutlich. Aus diesem Grund wurden zusätzlich Lautsprecherdurchsagen und eine Meldung über die App KATWARN veranlasst“, schreibt Dagmar Hofmann, Pressesprecherin des Landratsamtes Würzburg.

    Bürgermeister fordern bessere Information

    Im nach hinein sind viele Bürgermeister unglücklich über die Informationspolitik von offizieller Seite: „Man hat die Bürgermeister draußen alleine gelassen. Es wäre nötig, dass wir näher und besser informiert werden – auch über die Dringlichkeit der Maßnahmen, die zu ergreifen sind“, sagt Heribert Endres aus Uettingen.

    Anders lief es in der Gemeinde Zell am Main, die ans Netz der Trinkwasserversorgung Würzburg angeschlossen ist. Sie bekam als erste das Problem der Verunreinigung in den Griff. Eigene Wagen der Mainfrankennetze GmbH fuhren am Wochenende mit Lautsprecheransagen durch Zell. Bürgermeisterin Anita Feuerbach bekam schon Freitag um 10.30 Uhr eine Warnung auf elektronischem Weg. Allerdings konnte sie diese nicht öffnen: Die E-Mail war verschlüsselt.

    Wer informiert die Verbraucher im Ernstfall?

    Die Deutsche Trinkwasserverordnung regelt, was bei einer Verunreinigung des Trinkwassers im Krisenfall zu tun ist. Werden bei einer Routinekontrolle meldepflichtige Enterokokken gefunden, muss sowohl der Wasserversorger, in diesem Fall der Zweckverband Fernwasserversorgung Mittelmain (FWM) dies dem Gesundheitsamt melden, die Verbraucher informieren und einen Maßnahmeplan vorlegen, um die Gesundheit der Verbraucher nicht zu gefährden. Das Gesundheitsamt als staatliches Organ wiederum segnet den Plan ab, setzt zeitliche Fristen zur Behebung des Problems und stellt sicher, dass die betroffene Bevölkerung unverzüglich und umfassend vom Betreiber informiert wird.

    Was Verbraucher wissen müssen

    Betroffen ist der Versorgungsbereich West des Zweckverbands (FWM). Dazu gehören die Gemeinden Eisingen, Erlabrunn, Helmstadt, Hettstadt, Höchberg, Kist, Leinach, Neubrunn, Thüngersheim, Uettingen und Waldbüttelbrunn (alle Lkr. Würzburg) sowie Zellingen mit Retzbach (Lkr. Main-Spessart).

    Wer dort das Wasser aus der Leitung trinkt, Lebensmittel wäscht, Geschirr von Hand spült, sich die Zähne putzt, das Wasser zur Wundreinigung oder Nasenspülung nutzt oder Haustiere damit versorgt, sollte das Wasser vorher einmal kurz und kräftig sprudelnd aufkochen, um Krankheitserreger abzutöten. Für Säuglingsnahrung sollte auf Flaschenwasser zurückgegriffen werden.

    Die Wasserversorgung ist in Unterfranken wie in ganz Deutschland eine kommunale Aufgabe. Das Wasser kommt aus über 560 Brunnen und 200 Quellen von rund 300 Unternehmen und Verbänden. Die kleinteilige, dezentrale Versorgungsstruktur ist historisch bedingt, weil viele Gemeinden beim Thema Wasser selbstständig bleiben wollten.

    Die Hotline des Gesundheitsamtes ist unter der Tel. (0931) 8003-5984 von Montag bis Freitag 7.30 bis 12 Uhr und Montag und Donnerstag von 14 bis 16.30 Uhr erreichbar.

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