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    Retzstadt

    Wenn Bäume Sonnenbrand kriegen und grünes Laub abwerfen

    Abgeplatzte Rinde und Reste von verpuppten Insekten beweisen zusammen mit dem Schleimfluss den schweren Befall der Buche im Retzstadter Oberloch. Foto: Günter Roth

    "Es wird heute keine schöne Waldbegehung geben!", warnte der zuständige Revierförster Werner Trabold die Mitglieder des Gemeinderats Retzstadt. Der Klimawandel und der daraus resultierende Temperaturanstieg ist zusammen mit der enormen Trockenheit seit zwei Jahren auch im Retzstadter Wald angekommen und zeigt an vielen Punkten besorgniserregende Folgen. Trabold zeigte großflächig lichte Baumkronen, Schleimfluss an Buchen und Ahornblätter, die noch grün vom Baum fallen.

    Erster Schadensort: das "Oberloch" in Richtung Güntersleben. Im durchgewachsenen 19 Hektar großen Mittelwald mit einem Bestand, der bis zu 180 Jahre alt ist, stehen hauptsächlich Eichen und Buchen, insgesamt sind mehr als zehn Baumarten zu finden. "Das Jahr 2018 war grausam und auch heuer fehlt dem Wald das Wasser", klagte der Förster. Dazu kam in diesem Jahr der Schwammspinner in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. Im Juni war das Oberholz fast kahl gefressen und nur durch den sogenannten Johannistrieb kam wieder etwas Laub nach. Das aber waren eigentlich die Knospen für das nächste Jahr. Was 2020 kommt, weiß niemand. Jetzt will Trabold die neuen vorhandenen Schwammspinnergelege aufnehmen und gemeinsam mit der Forstbehörde und der Gemeinde Gegenmaßnahmen erörtern.

    "Wir holen uns die Todgeweihten"

    Allenthalben rote Kreise finden sich an Ort und Stelle bei den Buchen. Das Zeichen, dass diese Bäume gefällt werden müssen. Schwarze, wässrige Flecken rinnen an den Stämmen hinunter: Schleimfluss, strichförmige Rindennarben und fleckenweises Absterben sowie Ablösen der Rinde sind hier die Symptome für den Befall durch holzbrütende Insekten. Dazu können noch Pilze und Bakterien kommen. Sehr schwer befallene Bäume sind nicht mehr zu retten. "Wir holen uns die Todgeweihten", sagt der Fachmann. Lange habe man gedacht, die Buche trage uns ins nächste Jahrhundert, doch jetzt stehe alles auf der Kippe. Nun gelte es, in der Waldwirtschaft umzudenken: Walderhalt vor Wirtschaftlichkeit.

    Als Folge von starkem Wildverbiss vertrocknen auch junge Büsche. Foto: Günter Roth

    Totaler Kahlschlag am nächsten Ort. Im 0,7 Hektar großen Hanggebiet am "Steffling" hat der Borkenkäfer fast den gesamten Bestand der 70-jährigen Fichten mit rund 180 Festmetern niedergemacht. Hier gibt es fast nur noch Buschwerk und spärliche Naturverjüngung. Kiefer will heute kein Mensch mehr, deshalb stellt sich die Frage nach der Wiederaufforstung. Der Förster spricht von Douglasie, Weißtanne, von der Flatterulme und Edellaubhölzern. Ob es nicht sinnvoll wäre, das begrenzte Gebiet als Sukzessionsfläche sich selbst zu überlassen und abzuwarten, welche Bäume sich aus dem Buschwerk entwickeln, wurde gefragt. Eine Entscheidung soll noch getroffen werden.

    Keine Zeit, um Nährstoffe zu speichern

    An einer anderen Stelle im "Steffling" ist dem gestandenen Forstmann Trabold die Verzweiflung anzumerken. Eichen mit Sonnenbrand, denen die "Haut", also die Rinde wegen Hitze und Trockenheit großflächig abplatzt. Und dann hebt er ein Ahornblatt auf. Es ist noch grün. Der Baum hatte also gar keine Zeit, die notwendigen Blattnährstoffe wie das Chlorophyll aus den Blättern in den Stamm zu ziehen und sie dort fürs nächste Jahr zu speichern, bevor er es herbstlich bunt verfärbt abwirft. Diese Nährstoffe fehlen im Frühjahr.

    Kurz wird beim Waldbegang diskutiert, welchen Einfluss der Wildverbiss und der Tierbestand auf die Naturverjüngung hat. "Was noch da ist und nachwächst, muss erhalten bleiben. Das geht nur zusammen mit der Jagd", betont der Förster und zeigt auf abgefressene und dadurch verdorrte Büsche. Ein Ratsmitglied formuliert es drastischer: "Schießt das Rehwild runter, wir brauchen die Naturverjüngung!". Der Jagdpächter Edgar Bauer hält dagegen. Auch starke Bejagung werde den Wald nicht retten, meinte er. Außerdem werde dadurch die Jagd an sich weniger interessant - wer soll es dann tun? Zuletzt aber wies er darauf hin, dass auch das Wild im Wald furchtbar unter der Trockenheit leide. Viele Tiere verdursteten und einige Jungtiere seien jetzt schon so schwach, dass sie kaum durch den Winter kommen könnten.

    Nachdenklichkeit und Sorge macht sich bei den Gemeinderatsmitgliedern breit. "Es muss jetzt etwas geschehen, jeder Einzelne ist gefordert und der Erhalt des Waldes geht vor der Wirtschaftlichkeit", so die Botschaft des Försters.

    Magerer Gewinn im kommenden Jahr

    Im Jahresbericht für heuer und dem Jahresbetriebsplan 2020 unterstrich Werner Trabold die zuvor beim Waldbegang in Augenschein genommenen Erkenntnisse "Wald vor Gewinn". Während für das vergangene Jahr ein Überschuss von rund 15 000 Euro erwirtschaftet werden konnte, der auch 2019 noch fünfstellig ausfallen wird, rechnet man für das nächste Jahr mit einem mageren Gewinn von unter 3000 Euro.

    Auch weil dem Borkenkäfer rund 300 Festmeter zum Opfer gefallen sind, wird der Hiebsatz 2019 deutlich übertroffen. Man will versuchen, das 2020 auszugleichen. Zur Aufforstung sollen probeweise neue Baumarten gepflanzt werden. Eine Herausforderung wird die Bekämpfung des Schwammspinners sein, man könne wohl nicht den gesamten Gemeindewald spritzen. Nach der eingehenden Befallsanalyse sollen die Ergebnisse auch mit den privaten Waldbesitzern besprochen werden. Grundsätzlich aber hält Trabold eine Behandlung für nötig. Der Jahresbetriebsplan wurde einstimmig gebilligt. Im weiteren ließ der Gemeinderat die seit zwei Jahren stabilen Brennholzpreise unverändert, zusätzlich aber will man auch Fichte- und Kiefer-Industrieholz für 20 Euro pro Festmeter anbieten.

    Eichen mit Sonnenbrand: Hitze und Trockenheit lassen die Rinde abplatzen. Foto: Günter Roth

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