• aktualisiert:

    Wernfeld

    Wenn Medikamente krank machen: Deborah Frey aus Main-Spessart kämpft ihr Leben lang

    Hätte sie nicht so einen Dickschädel, würde die 25-jährige Deborah Frey aus Main-Spessart wohl nicht mehr leben. Gerne wäre die Familie mobiler, doch dafür fehlt ihr die Unterstützung.
    Eine starke, junge Frau: Deborah Frey aus Wernfeld. Foto: Jennifer Weidle

    Das Schicksal kann grausam sein. Die kleine Deborah war drei Jahre als, als bei ihr Rheuma diagnostiziert wurde. Das Medikament wirkte, doch es zerfraß das Mädchen von innen. Schleichend, über zwei Jahrzehnte lang. 2014 ein Darmdurchbruch, 35 Minuten Wiederbelebung mit irreparablen Schäden. Wenige Jahre später eine Lungenentzündung: Erneute Wiederbelebung.

    Deborah Frey ist heute 25 Jahre jung, hübsch und willensstark. "Einen Dickschädel hat die!", korrigiert ihre Mutter. "Zum Glück", setzt sie leise hinzu. "Sonst wäre sie nicht mehr am Leben." Die Wernfelderin kann sich nun wieder allein bewegen: Fünf Meter im Rollstuhl fahren, zehn Meter ohne Sauerstoffgerät gehen. Andrea und Alexander Frey versuchen ihrer Tochter ein möglichst normales Leben zu bieten. Haben ihr kürzlich sogar den Besuch einer Tattoo-Messe ermöglicht. "Mit Bodyguards, zwei Riesenkerle", lacht die junge Frau. Dort hat sie sich eine Eule auf den Unterarm stechen lassen. Als Symbol ihrer Stärke.

    Drei große Anliegen – bislang unerfüllbar

    Die Familie scheint vom Pech verfolgt. Die Mutter wegen Rheuma in Rente, der Vater bekommt nach schweren Bandscheibenvorfälle nur einen geringen Anteil Hartz IV. Es fehlt hinten und vorne. Die drei wichtigsten Dinge für ihre Tochter: Ein rollstuhlgerechtes Auto, ein Umbau der Wohnung und ein elektrischer Rollstuhl, ein sogenannter e-Fix.

    Über 20 000 Kilometer verbringt die Familie jedes Jahr auf der Straße zwischen Wernfeld und Kranken- und Atemgymnastik, Ergotherapie, Reittherapie, Ärzten.  Sie hatten dafür extra ein neues Auto angeschafft, durch Spenden finanziert. Nur der rollstuhlgerechte Umbau stand noch bevor. Dann der Schock: Das Auto stellte sich plötzlich als nicht umbaufähig heraus. Der Fachbetrieb in Fulda, auf dessen Rat sie das Auto gekauft hatten, war wie vom Erdboden verschwunden.

    Vater Alexander Frey vor der Ordnerwand mit den Unterlagen seiner Tochter. Foto: Jennifer Weidle

    "Wir haben 12 000 Euro in den Sand gesetzt und nun fehlt uns dieses Geld für das richtige Auto." Das stehe schon in Karlstadt beim Händler. "Aber selbst nach Inzahlungnahme des jetzigen fehlen uns noch 13 000 Euro. Dann kommt noch der Umbau hinzu."

    Von den Ämtern und der AOK fühlen sich die Freys im Stich gelassen. Die nötigen Therapien für die 25-Jährige würden zwar bezahlt, sie bekämen auch Kilometergeld, aber "ein Auto hat keine Hilfsmittelnummer. Keine Hilfsmittelnummer, kein Zuschuss". Andrea Frey, selbst Rettungssanitäterin, schüttelt resigniert den Kopf. "Es gibt einen Fahrdienst, für Freizeitbeschäftigungen. Doch zur Therapie müssen wir irgendwie selbst kommen. Wo steckt da die Logik?" Das jetzige Auto sei eine Notlösung, mit der es nicht mehr weitergehen könne.

    Wegen benötigter Begleitperson keinen e-Fix-Rollstuhl

    "Ich habe das Gefühl, die knobeln". Deborah bräuchte dringend einen e-Fix. Doch "nur Menschen, die das Haus allein verlassen dürfen, bekommen einen. Deborah benötigt aber immer eine Begleitperson. Daher keine Genehmigung."

    Ergotherapeuten, Neurologen und Krankengymnasten hätten bestätigt, dass Deborah den e-Fix steuern könne. Sie hat ihn erst 2019 zum wiederholten Male erfolgreich probegefahren. "Dennoch kommen wir nicht voran." Der normale Rollstuhl reiche aber noch nicht mal für die Bewegung im eigenen Haus. "Ich kann aus eigener Kraft fünf Meter fahren. Dann geht nichts mehr", erzählt die junge Frau und schlägt die braunen Augen nieder. Die Mutter ergänzt: "2015 konnte sie 240 Meter laufen. Jetzt sind es noch zehn. Die Muskeln werden schwächer. Keiner weiß warum."

    Zwei Anwälte habe Deborah nun. Einer kämpft für den e-Fix, einer mit dem Sozialamt. Allein würde die Familie der Bürokratie nicht mehr Herr. "Aber man lernt viel", lacht Alexander Frey, "zum Beispiel Paragrafen".

    Freunde geben der Familie Kraft

    Ihre Freunde, viele in der Rehaklinik kennengelernt, geben der Familie Kraft. Kontakt halten sie über Facebook. Ebenso zu anderen Familien, die an ähnlichen Fronten kämpfen. "Eigentlich müssten alle Betroffenen sich zusammenschließen und gemeinsam vor die Ämter marschieren", sinniert Andrea Frey. "Aber wir sind in ganz Deutschland verstreut. Das brächte gar nichts." Und die übergeordnete Politik? Andrea Frey lacht "Die Politiker tun nichts für Menschen, die unnütz sind."

    Trotz allem ist die Familie nicht verbittert, hat einen Sinn für das Gute im Leben entwickelt. Als sie 2015 eine rollstuhlgerechte Wohnung suchten, kamen sie nach Wernfeld. "Unser Vermieter ist ein Traum", schwärmt Andrea Frey. Auch in der Nachbarschaft seien tolle Menschen.

    "Runter da!", zischt Deborah Frey einer der Hauskatzen zu. "Sie könnten Krankheiten mit reinbringen, deswegen müssen sie drin bleiben." Auch öffentliche Verkehrsmittel oder Menschenmengen sind für Deborah tabu: zu hohe Ansteckungsgefahr. "Ich mag’s eh nicht, wenn zu viele Menschen um mich sind", sagt Deborah schulterzuckend.

    Was macht und mag sie gerne? "Ich bastel viel. Und Susi, mein Therapiepferd", strahlt sie. Sie liebt ihre Reittherapie. Physisch und psychisch mache sie hier unglaubliche Fortschritte. Doch auch die Therapiestunde mit Pferd wird mittlerweile von der AOK nicht mehr bezuschusst. Denn Susi hat keine Hilfsmittelnummer.

    Wer die Familie unterstützen möchte, kann ihr über den Lions Club Förderverein Mittelmain Karlstadt-Gemünden eine Spende überweisen: Stichwort "Deborah", IBAN DE92790691500005744890.

    Fotos

      Kommentare (1)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!