• aktualisiert:

    Lohr

    Wie ein Lohrer der Spielsucht entronnen ist

    Ein Spieler drückt in einem Spielcasino auf den Startknopf eines Spielautomaten (Symbolbild). In Lohr gibt es jetzt eine Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige. Foto: Marc Tirl/dpa

    Statt zu schlafen saß der Mann aus Lohr manchmal die ganze Nacht an Spielautomaten und verspielte sein Geld. Fatal für ihn war, dass er eine Zeit lang über einer Kneipe wohnte. Mitunter zockte der 53-Jährige an zwei oder drei Automaten parallel – in Lohr und auch im Umkreis, damit es nicht so auffiel. Sein größter Verlust waren 1200 Euro an einem Abend, erzählt er. Irgendwann zog er die Reißleine, suchte Hilfe: "Ich wäre sonst vor die Hunde gegangen." Er wollte die ständigen "Lügereien" nicht mehr. Seit April organisiert er mit anderen über die Caritas in Lohr eine Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige.

    Der Betroffene, der hier anonym bleiben soll, fing schon in der Jugend mit dem Automatenzocken an. "Da wusste ich sehr oft nicht, wie ich mein Monatsticket bezahlen soll." Er habe seine Sucht all die Jahre versucht geheim zu halten. Wurde er doch mal von Bekannten angesprochen, habe er das nicht hören wollen. Schon als Jugendlicher habe ein Bankangestellter mit Blick auf seinen Kontostand gesagt: "Sie leben über Ihre Verhältnisse." Er machte zwar Schulden, aber er war nie arbeitslos und hatte so immer Geld zum Zocken. Nebenher jobbte er auch noch in einer Kneipe und nutzte das Trinkgeld zum Spielen, weil das nicht so aufgefallen sei.

    "Ich wäre sonst vor die Hunde gegangen."
    Warum ein ehemaliger Spielsüchtiger aus Lohr Hilfe gesucht hat

    Bis zur Trennung von seiner Frau 2007 hatte er sich einigermaßen im Griff. Nur am Anfang ihrer Beziehung habe er ihr erzählt, dass er wohl ein Problem habe. Danach all die Jahre nicht mehr. Wenn es eine Betriebsfeier gab, war das für ihn ein willkommenes Alibi, um sich früh abzuseilen und zu zocken. "Man lügt, um seiner Sucht nachzugehen", sagt er. Während er an Automaten unfassbare Summen verspielte, achtete er bei Einkäufen penibel aufs Geld, kaufte nur das Billigste.

    Nach der Trennung "ging es richtig los", wie er sagt. Ihm sei alles egal gewesen. Er spielte und spielte. Manchmal fuhr er nach Gemünden oder Zellingen, wo ihn keiner kennt, damit es nicht so auffällt. Er löste seine Lebensversicherung und seinen Bausparvertrag auf, häufte Schulden an. Aber dennoch gab er sich nicht ganz auf. "Wenn ich keine Kinder gehabt hätte, wäre ich noch weiter abgesackt", glaubt er. Seine neue Partnerin habe zwar nichts von seiner Spielsucht gewusst, aber auch wegen ihr habe er sich nicht ganz aufgegeben. 2007 war er zum ersten Mal zur Caritas gegangen. Aber: "So richtig spielen aufhören wollte ich doch nicht."

    "2016 war der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr konnte."
    Nach seiner Scheidung spielte der 53-Jährige exzessiv

    "2016 war der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr konnte", erzählt er. An seinen letzten Abend am Automaten erinnert er sich noch genau. Am 31. August 2016 verlor er wieder einmal 500 Euro. Als er mitten in der Nacht heimkam, weckte er seine Freundin und erzählte ihr alles. Er habe den Druck des Doppellebens nicht mehr ausgehalten. Obwohl er mit ihr schon seit Jahren zusammen war, hatte sie nichts geahnt. Dass er mit ihr nicht in den Urlaub fahren konnte, habe er auf den Unterhalt geschoben, den er seinen Kindern zahlen musste. Gleich am nächsten Tag meldete er sich bei der Caritas. Er bekam einen Platz für einen 16-wöchige Therapie in einer Klinik im hessischen Bad Hersfeld. Jetzt weihte er auch seine Arbeitskollegen und seine Kinder ein.

    Während der Therapie ließ er sich in Hessen für sämtliche Spielotheken sperren. Das sei in Bayern nicht möglich, da müsse man sich bei jeder einzeln sperren lassen. Als er zur Halbzeit seiner Therapie zum ersten Mal wieder heimfahren durfte und zum Tanken anhielt, musste er vor dem Zahlen an der Kasse an zwei Spielautomaten vorbei. "Das hat mich geschockt", sagt er. Aber er habe nicht gespielt. Die lange Therapie habe er gebraucht. Ein Bekannter, der 2011 wegen Spielsucht in Bad Hersfeld war und jetzt spielfrei sei, habe ihm die Klinik empfohlen.

    "Früher hatte ich Angst vor jedem Tag."
    Der ehemalige Spielsüchtige aus Lohr

    "Früher hatte ich Angst vor jedem Tag", sagt er. Heute könne er sein Leben genießen. "Es ist keine Maschine da, die den Tagesablauf bestimmt." Seit dem Frühjahr ist er schuldenfrei. Jetzt fühle er sich wie befreit. Er gehe mit seiner Partnerin auf Konzerte, verreise, gehe in die Sauna, Essen, ins Kino. Und wenn er einmal Frust habe, dann spiele er nicht, sondern ziehe die Laufschuhe an und laufe durch den Wald.

    Seit der Gründung im Januar 2018 ist der Lohrer Mitglied des Betroffenenbeirats der Landesstelle für Glücksspielsucht. Der Beirat setzt sich dafür ein, dass der Spielerschutz besser wird und die Werbung für Glücksspiel verboten wird. Fatal findet er, dass man in Online-Casinos mit bis zu 50 Euro Einsatz spielen könne – und ein Spiel dauere nur ein paar Sekunden. Den Schritt ins Internet habe er zum Glück nie getan.

    "Die meisten sagen, sie haben kein Problem damit, aber das muss man sich selbst erst eingestehen."
    Der 53-Jährige ehemalige Spielsüchtige

    Schon vor Gründung der Lohrer Selbsthilfegruppe besuchte der Lohrer eine solche Gruppe der Caritas in Würzburg sowie die Caritas-Männergruppe in Lohr, bei der es um alle möglichen Süchte geht. Die neue Selbsthilfegruppe für Spielsucht, wo auch Computerspielsüchtige willkommen sind, hat bislang fünf Teilnehmer. Die Gruppenstunden unterliegen der Schweigepflicht. Alles, was in der Gruppe besprochen wird, ist vertraulich und bleibt in der Gruppe. Zwei weitere, die auch angesprochen wurden, seien bis jetzt nicht aufgetaucht: "Die meisten sagen, sie haben kein Problem damit, aber das muss man sich selbst erst eingestehen."

    Nach der Therapie habe er einmal mit einem Bekannten in einer Kneipe gesessen, wo er ständig die Töne eines Spielautomaten hörte. Da habe er seinen Kumpel gebeten, dass sie woanders hingehen. "Man weiß halt nie, was einen antriggert, was einen reizt", erzählt der 53-Jährige. Wenn es heute einen Automaten in einer Kneipe gebe, setze er sich möglichst weit weg. Als zusätzliche Sicherheit gehe er mit seiner Freundin regelmäßig seine Kontoauszüge durch – nicht dass er unbemerkt doch rückfällig wird.

    Die Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige trifft sich dienstags (in geraden Wochen) im Gruppenraum des Caritasgebäudes, Vorstadtstraße 68, in Lohr. Beginn ist 16 Uhr. Tel.: (0 93 52) 84 31 21, E-Mail: psb@caritas-msp.de

    Was BKH-Leiter Prof. Dr. Bönsch zum Thema Spielsucht sagt
    Dominikus Bönsch ist Ärztlicher Direktor des Lohrer Bezirkskrankenhauses und Leiter der dortigen Forensik. Foto: Johannes Ungemach
    Auch am Bezirkskrankenhaus in Lohr gibt es für BKH-Patienten seit dem Frühjahr eine stationsübergreifende Gruppe von Spielsüchtigen. Einmal die Woche treffen sich fünf bis zehn Betroffene. "Es ist sicher ein unterschätztes Problem", sagt BKH-Leiter Prof. Dr. Dominikus Bönsch. Das Problem Spielsucht werde nach seiner Beobachtung immer gravierender. "Die Frequenz nimmt ganz langsam zu." Als Grund sieht er die heutigen Angebote im Internet.
    Patienten, bei denen eine Spielsucht im Raum steht, kämen nur selten wegen der Spielsucht ins Bezirkskrankenhaus. Meist kämen sie wegen begleitender Erkrankungen, etwa einer Alkoholabhängigkeit. Bönsch schätzt, dass jeder zehnte Patient, der wegen Alkoholproblemen ins BKH kommt, auch eine Spielsucht habe. Oft kämen die Patienten auch wegen der Folgen der Spielsucht, etwa Depressionen, Suizidversuchen, Krisen und Trennungen. Junge Patienten hätten häufiger Probleme mit Computerspielsucht, etwa die World-of-Warcraft-Zocker, oder Online-Casinos. Ins BKH kämen sie aber überwiegend wegen Depressionen oder anderen Suchtproblemen.
    Bönsch findet wichtig darüber aufzuklären, dass es sich um eine Sucht handelt. Ist sie schwerer ausgeprägt, verweist das BKH auch in darauf spezialisierte Rehakliniken. Werbung für Online-Wetten oder -Glücksspiele findet Bönsch eine "Katastrophe". "Auch die steigende Zahl der Spielcasinos ist eine Katastrophe." Der Spielsalon um die Ecke und weniger die Angebote im Internet sei "der erste Schritt in die Spielsucht". "Ich wäre unbedingt dafür, das strenger zu regulieren." Bei Tabak sei es durch Einschränkung ja auch besser geworden.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!