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    RETZSTADT

    Win-Win für Winzer und Wirtin

    Der Ratskeller Retzstadt floriert wieder dank Wirtin Gaby Burdyl. Reinhold Full, der Vorsitzende des Weinbauvereins, freut sich. Foto: Markus Rill

    Allerorts schließen oder siechen die Dorfkneipen – auch in Retzstadt schien es mit dem Ratskeller bergab zu gehen. Ein halbes Jahr lang war die Gaststätte in der Ortsmitte geschlossen, der zuständige Weinbauverein war Anfang 2017 in großer Sorge. Doch knapp ein Jahr nach der Wiedereröffnung durch die neue Wirtin Gabriela Burdyl strahlt Reinhold Full, der Vorsitzende des Weinbauvereins: „Es läuft hervorragend; Jung und Alt besuchen das Lokal.“

    1992 eröffnete der Ratskeller im Retzstadter Rathaus. Der Weinbauverein sanierte die ehemaligen Weinkeller, richtete sie als Gaststätte her und erhielt das Pachtrecht für 99 Jahre. Nach einem Viertel der Zeit und fünf Wirten in 25 Jahren sah es nicht gut aus. Der letzte Wirt steckte im Herbst 2016 auf, im Jahr zuvor war die Gaststätte nur noch spärlich besucht gewesen. In vielen anderen Orten in Main-Spessart und Unterfranken gibt es keine Dorfkneipe mehr; das gleiche Schicksal drohte Retzstadt.

    Die Bürger wurden gefragt

    Doch der Weinbauverein wollte sich damit nicht abfinden. Reinhold Full berichtet: „Wir bekamen die Möglichkeit, einen „Terroir f“, einen sogenannten magischen Ort des Frankenweins, in Retzstadt zu errichten. Doch uns war klar, dass es nichts bringt, einen Ausflugsort im Ort zu haben, wenn die Gäste nirgendwo einkehren können.“ Die Wiederbelebung des Ratskellers besaß Vorrang. Der Weinbauverband ging einen ungewöhnlichen Schritt: Bürgerbeteiligung.

    Rund 40 Retzstadter kamen zu einem Abend, bei dem der Weinbauverein sich umhörte, was die Bürger sich vom Ratskeller erwarten. Vor allem die Meinung der jungen Menschen war gefragt. „Es wurde klar, dass die gutbürgerliche, fränkische Küche die Jungen nicht anlockt“, so Full. Also erstellte der Verein ein Konzept, mit dem er Wirte ansprechen wollte. Eine Anzeige in der Lokalpresse brachte nichts, aber die Resonanz auf eine Online-Kleinanzeige mit Fotografien vom fränkischen Gewölbekeller war umso größer. „Bilder sagen mehr als 1000 Worte“, sagt Full.

    Gleich auf einer Wellenlänge

    Die erste Bewerbung erhielten die Retzstadter ganz aus der Nähe, aber auch aus Hamburg, Hannover und Berlin meldeten sich Interessierte. Zuerst trafen sich die Verantwortlichen mit Gabriela Burdyl, die zuvor sieben Jahre lang mit ihrem Mann das italienische Lokal „La Gondola“ in Veitshöchheim betrieben hatte. Nach der Trennung wollte sie sich selbstständig machen. „Wir hatten gleich beim ersten Treffen mit ihr ein gutes Gefühl, aber wir haben uns trotzdem alle Kandidaten angeschaut“, berichtet Full. Den Zuschlag erhielt aber die 32-jährige Rumänin.

    „Es hat mir von Anfang an sehr gut gefallen. Ich wollte gern in eine kleinere Gemeinde, es war toll, dass das Inventar vorhanden war und mit den Leuten vom Weinbauverein verstand ich mich sehr gut“, erzählt Gabriela Burdyl. Auch die zentrale Lage im Ort und vorhandenen Parkplätze weiß sie zu schätzen. „Ich musste gar nicht viel verändern“, sagt sie.

    Einige Neuerungen

    Für die Retzstadter hat sich freilich einiges geändert: Die mediterrane Küche kommt gut an, Wandmalereien vom Colosseum und eine Nachempfindung von Michelangelos Deckengemälde in der sixtinischen Kapelle sowie die Dekoration und Hintergrundmusik passen gut dazu. Die Weinbauer zögerten auch nicht, eine Anlage für Fassbier zu installieren. „Aber dass auch italienischer Wein ausgeschenkt werden sollte, gefiel anfangs nicht jedem fränkischen Winzer“, sagt Reinhold Full mit einem Lachen. Doch auch diese Maßnahme fruchtete: „Die Absatzzahlen sind auch für fränkische Weine gestiegen“, so Full.

    Gewünscht waren auch regelmäßige, lange Öffnungszeiten, keine Teilzeitlösungen. Täglich (außer montags) hat Gabriela Burdyl ab 11 Uhr geöffnet, ohne Mittagsruhe. Sie beschäftigt einen Pizzabäcker und eine Köchin, ihr Partner hilft mit und an Wochenenden eine weitere Servicekraft. „Die Retzstadter haben's mir leicht gemacht. Ich fühle mich sehr gut angenommen“, sagt Burdyl. Full schwärmt: „Ihre Herzlichkeit öffnet die Türen. Sie ist noch kein Jahr hier und schon sagen die Leute, sie gehen zur Gaby.“

    Magischer Ort

    Die jungen Leute kommen zum Pizza essen, die älteren trinken ihre Schoppen. Für den Sommer wurde schon die Anzahl der Plätze auf der Terrasse erhöht. Obwohl der Vertrag zunächst nur für zwei Jahre geschlossen wurde, planen beide Seiten langfristig. Gabriele Burdyl möchte mit ihrem Partner und der sechs Wochen alten Tochter nach Retzstadt ziehen. „Das ist tatsächlich eine Win-win-Situation“, freut sich Full. Der Weinbauverein hat's nicht eilig mit dem Terroir f. „Der Ratskeller ist unser magischer Ort“, sagt Full. Gabriela Burdyl muss derweil ans Telefon – für den Abend wird ein Tisch reserviert.

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