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    Lohr

    »Wir haben Angst, zu versagen«

    Michaela Muthig aus Lohr ist Ärztin für Psychosomatik. Sie hat aufgrund ihrer Berufserfahrung ein Buch über innere Widerstände geschrieben. Mit ihrem eigenen Saboteur hat sie sich arrangiert und ist – zunächst für ein Jahr – nach Antibes in Südfrankreich gezogen. Foto: Burkhard Zink

    Als Fachärztin für Psychosomatische Medizin ist die gebürtige Lohrerin Michaela Muthig immer wieder auf der Suche nach seelischen Ursachen für körperliche Leiden. Auch im Freundeskreis und an sich selbst hat sie festgestellt, wie schwer es ist, die Gründe zu finden, warum es im Leben nicht so läuft, wie man es gerne hätte.

    Um Menschen die Suche nach den Fallen, die man sich selbst stellt, zu erleichtern, hat sie das Buch »Der kleine Saboteur in uns - Unbewusste Widerstände erkennen und auflösen« geschrieben. Es ist am Freitag bei dtv erschienen.

    Spaß beim Lesen

    Warum scheitern Menschen immer wieder an Prüfungen, kriegen Projekte nicht fertig, versemmeln den Karrieresprung? Es ist laut Muthig, wie der Buchtitel sagt, »Der kleine Saboteur in uns«. Er wendet sich gleich zu Beginn des Buches persönlich im Vorwort an die Leser und von ihm Gepiesackten. In den folgenden Kapiteln spürt Michaela Muthig diesem Wesen im Untergrund unseres Bewusstseins detektivisch nach.

    In dem sie die inneren Blockaden personifiziert, macht die Medizinerin das Problem anschaulich. Sich mit diesem »kleinen Saboteur«. Der einen schon vom Buchdeckel anblickt, zu beschäftigen macht mehr Spaß als sich durch graue Theorie zu kämpfen.

    Saboteur versucht, zu schützen

    Muthig belässt es nicht bei der Spurensuche, sondern veranschaulicht, wo der Saboteur herkommt und wie man mit ihm auskommt, ohne dass er Schaden anrichtet. Ihn zu bekämpfen, wäre der falsche Weg erläutert Michaela Muthig im Telefongespräch. Der Saboteur versuche schließlich, einen zu schützen und vor Schmerz zu bewahren.

    Meist stamme der Saboteur aus der Kindheit und sei geprägt von nicht hinterfragten Glaubenssätzen, wie »Das kannst Du sowieso nicht«.

    »Wir haben Angst, zu versagen«, sagt die Psychosomatikerin. Der Saboteur verkörpere diese. Auch Angst vor Erfolg und das Streben nach Sicherheit steckten mitunter in ihm. Als die Welt noch gefährlich und sich die Menschen gegen wilde Tiere verteidigen mussten, habe es sich kein Mensch leisten können, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden.

    Die Angst, wir könnten allein sein, weil wir Fehler machen, stecke auch heute noch in den Menschen. In der heutigen Gesellschaft werde immer noch vermittelt, man müsse gefallen, dürfe nicht enttäuschen und versagen. Das führe zu Scham, wenn es einem doch passiert. Deshalb sei es wichtig, sich seine Ängste anzuschauen und auszuprobieren, ob es wirklich so schlimm ist, sagt Muthig. »Die meisten Leute mögen Menschen mit Fehlern. Fehler sind notwendig, um zu wachsen.«

    Kann es nicht einfach Pech sein, wenn man die erhoffte Stelle nicht bekommt, krank wird oder mit Kollegen nicht klar kommt? »Bei einem Mal: Ja, bei zweimal ist es großes Pech, aber wenn immer wieder das Gleiche passiert, steckt meistens System dahinter«, sagt Muthig.

    An sich selbst erprobt

    Besonders betroffen sind laut Muthig Menschen mit narzisstischer Akzentuierung, die nach außen ein »top Selbstwertgefühl präsentieren und innerlich total fragil« sind. Bei ihnen habe der Saboteur besonders viel zu tun, deren Selbstwertgefühl zu schützen.

    Was sie in ihrem Buch an Strategien vorstellt, habe sie an sich selbst entwickelt, erzählt die Ärztin. »Ich habe dabei viel über meinen Saboteur kennengelernt.«

    Sie hat zurzeit einen Jahresvertrag mit ihm laufen. So lange ist die Testphase für ihren Aufenthalt in Antibes in Südfrankreich angesetzt. Mit dem Umzug habe sie sich einen Jugendtraum erfüllt. »Mit Träumen soll man nicht lange warten.«

    Michaela Muthig
    Michaela Muthig, Jahrgang 1977, ist in Lohr aufgewachsen und hat in Würzburg Medizin studiert. 2004 begann sie als Ärztin im Krankenhaus Alzenau zu arbeiten. Sie war in Allgemeinarztpraxen am Bodensee und in Berlin tätig. An der Uniklinik Tübingen absolvierte sie ihre Ausbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin und legte 2010 die Prüfung ab. Weil sie im Kontakt mit ihren Patienten, das Gefühl hatte, mehr Wissen über Psychosomatik zu benötigen, schloss sie die Ausbildung in dieser Fachrichtung an und wurde 2017 Oberärztin für Psychosomatik an der Uniklinik in Tübingen. Seit Ostern lebt sie mit ihrem Mann in Südfrankreich und bietet Online-Coaching an. (mb)
    Am Freitag ist der Ratgeber von Michaela Muthig bei dtv erschienen. Foto: dtv Verlag

    Bearbeitet von Monika Büdel

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