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    LOHRHAUPTEN

    Wo die Spessarträuber wohl keine Chance hätten

    Wald ohne Ende, bis zum bergigen Horizont – plus eine Horde Räuber: Das ist der Spessart, zumindest im Klischee. Wer im Norden des Mittelgebirges wandert, ist davon aber weit weg. Denn im Grenzland zwischen Hessen und Bayern kommt der Spessart ganz anders daher.

    Gäbe es jene Räuber noch, sie hätten kaum eine Chance – der Wanderer würde sie schon von Weitem sehen. Schließlich ähnelt der Nordspessart mehr der benachbarten Rhön mit ihren offenen Fernen.

    Gut zu erleben ist all das auf den sechs „Spessartfährten“. So heißen die zehn bis 16 Kilometer langen Rundwanderwege, die eine Art Begleitprogramm des Spessartbogens sind. Das wiederum ist ein 90 Kilometer langer Fernwanderweg in Hessen zwischen Schlüchtern und Langenselbold.

    Was die Spessartfährten eint, ist die betörende Beschaulichkeit. Oft stundenlang begegnet man in dieser hügeligen Melange aus Wiesen und Wäldern keiner Menschenseele. Allein das aufgeregte Krächzen der Eichelhäher oder die Rufe der in der Luft kreisenden Bussarde unterbrechen bisweilen die Stille. Wer das Wandern zum Runterkommen nutzen will, ist hier richtig.

    Es gibt auch was für den Geist

    Wobei diese Beschaulichkeit nichts mit Langeweile zu tun hat. Die Spessartfährten bieten auch was für den Geist – in Lettgenbrunn zum Beispiel was für den geschichtlich orientierten. Denn das Dorf sucht seinesgleichen: Es wurde in über 300 Jahren drei Mal aus dem Nichts wieder aufgebaut. Diese besondere Historie bietet Einblicke in drei große Kriege.

    Wer auf der Spessartfährte „Junge Jossa“ auf den unscheinbaren Ort blickt, erkennt sofort seine Besonderheit: Lettgenbrunn fehlt ein Mittelpunkt. Andernorts zeigt mindestens ein alles überragender Kirchturm, wo das Herz des Dorfes schlägt. In Lettgenbrunn ist der Kirchturm kaum höher als die Wohnhäuser um ihn herum. Einen Dorfplatz gibt es nicht.

    Lettgenbrunn ist etwas Besonderes

    Dafür aber jede Menge Straßennamen, die ahnen lassen, wem Lettgenbrunn seine dritte Wiederauferstehung nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken hat: Heimatvertriebenen. Sudetenstraße, Südmährer Weg, Stettiner Straße oder Karlsbader Straße – die Straßenschilder von heute weisen symbolisch den Weg in jene Zeit, als Lettgenbrunn in Schutt und Asche lag, nach einem Beschluss des Landkreises Gelnhausen aber wieder aufgebaut werden sollte – von Heimatvertriebenen eben. Selbst die beiden Gaststätten im Ort erinnern daran: Sie heißen „Sudetenhof“ und „Znaimer Hof“, benannt nach der Stadt im heutigen Tschechien.

    Was die Nazis anrichteten

    Lettgenbrunn mit heute 800 Einwohnern war von den Nazis 1935 geräumt – und regelrecht platt gemacht – worden. Sie wollten ein Testgelände für Bombardierungen aus der Luft. Wer heute im Ort ein Haus baue, müsse noch immer mit Blindgängern rechnen, berichten Anwohner.

    Schon 1912 hatte das Militär einen Würgegriff angesetzt: Lettgenbrunn wurde geräumt, weil die kaiserliche Armee in der Gegend einen Truppenübungsplatz einrichtete. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Ort zum zweiten Mal wieder bevölkert. Die erste Wiederbesiedlung hatte es nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) gegeben.

    Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

    Zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren hat die nahe Stadt Bad Orb im Übrigen noch bis November eine Veranstaltungsreihe aufgelegt. Dabei geht es in Form von Führungen und Ausstellungen auch um die Wunden jener Zeit in Lettgenbrunn.

    Da die Spessartfährte „Junge Jossa“ mitten durch den Ort führt, kommt der Wanderer neben der Jossa-Quelle an einer anderen interessanten Stelle vorbei: der Dorfkirche. Nachdem der Vorgängerbau von den Nazi-Bomben zerstört worden war, beschloss die Bevölkerung 1952 einen Neubau.

    Eine Kirche für zwei Konfessionen

    Die Besonderheit: Die neue Kirche dient bis heute beiden christlichen Konfessionen gleichermaßen – man baute damals einfach rechts an den Kirchturm einen Raum für die Katholiken, links einen für die Protestanten. Jedes Gotteshaus erhielt einen eigenen Segen, den Turm teilen sich die beiden Konfessionen. Ökumene kann recht einfach sein.

    Oberhalb von Lettgenbrunn führt die Spessartfährte an einer Stelle vorbei, die Geologen wie Historikern etwas bietet: der Beilstein. Der auf den ersten Blick unscheinbare Waldhügel entstand, weil sich vor Millionen von Jahren bei einem Vulkanausbruch Basalt durch den dominierenden Sandstein schob.

    Besondere Natur bei Burgjoß

    Die auch aus der Rhön bekannten Basaltkegel sind noch heute Zeugen dieses Vorgangs. Auf ihrer Spitze stand einst eine Burg. Die Nazis bauten dort einen Bunker, um die Bombenabwurftests in Lettgenbrunn beobachten zu können. Von Burg und Bunker sind heute nur noch ein paar Reste erhalten.

    Interessant sind die Spessartfährten auch für Naturkenner. Bei Burgjoß etwa gibt es noch seltene Wacholderheiden. Infotafeln informieren über den Wert und die Geschichte dieses Landschaftsteils, in dem unter anderem noch die Kreuzotter vorkommt.

    Auch für Mountainbiker geeignet

    Wer es sportlicher mag, kann mit dem Mountainbike vor allem die Gegend um das Flörsbachtal, Frammersbach. Partenstein und Lohr/Main erkunden. Das Tourennetz Bikewald Spessart bietet dort eine Reihe markierter Strecken mit bis zu 40 Kilometern Länge. Auch die Spessartfährten sind für Mountainbiker geeignet.

    Apropos Flörsbachtal: Wer dort auf der Spessartfährte „Sonnenhänge Lohrhaupten“ wandert, kann einen bequemen Abstecher zu einer der beliebtesten Ausflugsadressen der Gegend machen: zur Bayerischen Schanz. Allein das ehemalige Zollhaus mitten im Wald zeigt von einer bewegten Geschichte. Heute ist es ein vor allem von Wanderern, Radlern und Motorradfahrern frequentiertes Gasthaus.

    Immer an der Grenze entlang

    Die Schanz liegt an der Birkenhainer Straße, einem 70 Kilometer langen Heer- und Handelsweg aus dem Mittelalter. Er verbindet Hanau und Gemünden/Main. Heute ist er ein Fernwanderweg – ein schwarzes B auf weißem Grund weist den Weg. Und immer wieder sind alte Grenzsteine zu sehen, in die mitunter das „KP“ für „Königreich Preußen“ und das „KB“ für Königreich Bayern gemeißelt wurden. Auch Symbole für das einstige Kurfürstentum Mainz und die Grafschaft Hanau sind auf den Steinen zu sehen. Der Wanderer kommt also an die Grenze. Nicht an seine eigene, sondern an die von Hessen und Bayern.

    Tipps zum Trip

    Die Spessartfährten eignen sich als Tagestouren – auch für Familien oder Mountainbiker. Die Strecken sind exzellent und sehr zuverlässig in beide Richtungen beschildert. Beginn und Ende sind jeweils frei wählbar. Auch lassen sich die Spessartfährten nach eigenem Geschmack mit anderen Wanderstrecken kombinieren, zum Beispiel mit dem geschichtsträchtigen „Eselsweg“. Wegbeschaffenheit: meistens geschotterte oder naturbelassene Feld- und Waldwege.

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