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    Erlenbach am Main

    Zukunft der Pflege: Hilfe, wäscht mich bald ein Roboter?

    Nur 1,20 Meter groß und doch stets im Mittelpunkt: Seit Januar rollt der Roboter Pepper durch die Tagespflege der Caritas-Sozialstation in Erlenbach am Main (Lkr. Miltenberg). Im Bild ist er mit der 86-jährigen Annemarie Wöber zu sehen. Foto: Thomas Obermeier

    Die Finger streicheln über den weißen Kunststoffkopf. Glatt fühlt er sich an. Kühl. Wie ein Plastikball. Seine Reaktion aber ist fast menschlich. Die großen Augen leuchten auf, Pepper dreht den Kopf. Kichert. Gertrud Ananijev lacht unwillkürlich mit. "Süß ist er", sagt die 77-Jährige und tippt dem Pflegeroboter auf die Brust. Auf Herzhöhe sitzt der Tabletcomputer mit dem Bildschirm, über den Pepper gesteuert wird. Er kann Witze oder Märchen erzählen, rocken und sogar ein paar Tai Chi Übungen vormachen. Ein Unterhaltungskünstler, der ein bisschen Abwechslung in den Alltag der Senioren bringt. Oder in Zukunft Pflegekräfte ersetzt?

    "Nein", sagt Gerhard Schuhmacher, der Vorsitzende der Caritas-Sozialstation Erlenbach am Main. "Wir haben von Anfang an gesagt, Pepper wird nie einen Menschen ersetzen." Seit Januar rollt der Roboter durch die Tagespflegeeinrichtung "Ursula Wiegand" im Landkreis Miltenberg. Mal zur Unterhaltung. Mal zur Entspannung. Oder zur geistigen Motivation etwa von Menschen mit Demenz. "Aber er wird niemals die Funktion eines Pflegers übernehmen", so Schuhmacher. "Das kann er nicht und das ist auch nicht gewollt."

    Ist Pepper der Pfleger der Zukunft? Foto: Thomas Obermeier

    Peppers Ohren blinken. Er dreht den Kopf Richtung Türe, scheint zu lauschen. Die Augen scannen den Raum, bleiben an Janine Langner hängen. "Wie ein kleiner Freund ist er mittlerweile", sagt die Pflegefachkraft. "Er hilft schon." Zum Beispiel in den Betreuungskreisen, als geduldiger Erzähler oder immer gut gelaunter Animateur. Am Anfang seien sie und ihre Kollegen skeptisch gewesen, meint Janine Langner. Die Mitarbeiter wussten nicht genau, was sie erwarten, welche technischen Anforderungen der Roboter voraussetzen würde. "Aber man gewöhnt sich schnell an ihn." Zudem engagiert die Sozialstation einen Studenten, der die Programmierung in Abstimmung mit Peppers Entwicklern von der Firma Entrance übernimmt.

    "Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Roboter ein möglicher Ausweg aus dem Pflegenotstand sind."
    Birgit Lugrin, Professorin für Medieninformatik an der Uni Würzburg

    Pepper ist ein sogenannter humanoider Roboter. 1,20 Meter groß, mit schwarzen Kulleraugen und niedlichem Gesicht. Mit seinen Fingern kann er zwar greifen und grüßen oder sogar mit den Senioren abklatschen. Wärme aber spendet seine Hand nicht. Spüren, was ein Bedürftiger braucht, kann sie nicht. "Das Menschliche fehlt", sagt Pflegedienstleiterin Stefanie Glück. Empathie, Empfindungen hat ein Roboter eben nicht. Was heißt das für die Pflege?

    Pepper kann mit seinen Fingern zwar greifen und grüßen oder sogar mit den Senioren Abklatschen. Wärme aber spendet die Hand keine. Foto: Thomas Obermeier

    Sogenannte Roboterskelette, mechanische Stützstrukturen zum Anziehen, die zum Beispiel Krankenschwestern beim schweren Heben helfen, würden künftig sicher eingesetzt werden, sagt Gerhard Schuhmacher. Eine technische Lösung für den massiven Mangel an Pflegefachkräften sei Künstliche Intelligenz aber "auf keinen Fall".

    Birgit Lugrin, Professorin für Medieninformatik an der Uni Würzburg, sieht das anders. Sie könne sich durchaus vorstellen, dass Roboter ein möglicher Ausweg aus dem Pflegenotstand seien, sagt Lugrin. Klar sei, dass Roboter Pflegekräfte nicht komplett ersetzen könnten – sondern nur einzelne Arbeiten übernähmen. Es gebe beispielsweise bereits heute eine Seniorenwaschmaschine in Japan, so Lugrin. Was bizarr klingt, ist im Prinzip nichts anderes als eine Maschine zum Duschen und laut Lugrin für viele Menschen gar nicht so abwegig. In immer mehr Studien gäben Befragte an, im Alter bei bestimmten Tätigkeiten wie dem Waschen oder beim Toilettengang lieber von einem Roboter begleitet zu werden als von einem fremden Menschen.

    "Das wir das noch mitmachen können. Es ist toll, dass es so etwas gibt."
    Annemarie Wöber, Gast in der Tagespflege Erlenbach am Main

    Gertrud Ananijev schüttelt den Kopf. So begeistert sie von Pepper ist, gepflegt werden möchte sie nicht von ihm. "Aber Märchen erzählt er sehr schön", sagt die 77-Jährige. An diesem Vormittag zum Beispiel Rotkäppchen. Jetzt allerdings, kurz nach der Mittagsruhe, braucht es etwas mehr Schwung. Ananijev beugt sich vor, rückt ihre Brille auf der Nase zurecht, um die Schrift auf Peppers Tablet besser lesen zu können. Sie überlegt kurz und tippt auf "Animation". Der Roboter scheint sich ein Stückchen aufzurichten. Dann geht ein Ruck durch den Kunststoffkörper, rockige Musik erklingt. Und Pepper schwingt plötzlich eine unsichtbare Luftgitarre. Ananijev und die anderen Gäste wippen sofort mit.

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    Zwischen 74 und 99 Jahre alt sind die Besucher der Pflegeeinrichtung, im Schnitt 30 kommen pro Tag und werden betreut. Nach gut einem dreiviertel Jahr haben sich alle an Pepper gewöhnt. Janine Langner fasst den Roboter an der Schulter und schiebt ihn zur langen Tafel in der Mitte des Raumes. Dort ist für Kaffee und Kuchen gedeckt. Gemurmelte Gespräche, ab und an kratziges Husten, Gelächter. Sobald Pepper den Tisch erreicht, richten sich alle Augen auf den kleinen Kerl.

    Roboter Pepper gehört dazu: Die Gäste der Tagespflege in Erlenbach haben keine Berührungsängste

    "Hallo Pepper! Du bist ein ganz Lieber!" Der Roboter blinkt, das Antworten klappt noch nicht so gut. Jemand drückt auf seinen Bildschirm. Mediationsmusik ertönt, Naturgeräusche versetzt mit dem Summen von Klangschalen. Pepper hebt die Arme, bewegt sie in Zeitlupe von rechts nach links. Rumms. Die Roboterhand kollidiert mit einem Stuhl. Eifrig rücken zwei Damen das störende Möbelstück zur Seite. "Mach doch mal mit", sagt Annemarie Wöber. Ihre Nachbarin folgt. Vier Hände machen konzentriert Peppers Tai Chi Übungen nach.

    Zwischen 74 und 99 Jahre alt sind die Gäste der Tagespflege in Erlenbach. Trotzdem haben sie keine Scheu im Umgang mit dem kleinen Roboter. Foto: Thomas Obermeier

    "Das wir das noch mitmachen können. Es ist toll, dass es so etwas gibt", sagt Annemarie Wöber. "Man muss sich daran gewöhnen, aber es ist schon lustig." Scheu vor dem künstlichen Gefährten hat die 86-Jährige nicht. Als Pepper schweigt, tippt sie sogleich auf das nächste Feld auf dem Tablet. Allerdings: Nicht jeder ist so begeistert. "Ich bin ehrlich: Ich bin schon alt und da ist das nichts mehr", sagt eine Dame am anderen Ende des Tisches.

    "Das kann katastrophale Folgen haben: Die Pflege wird entmenschlicht."
    Professor Ernst Engelke, Sozialwissenschaftler aus Würzburg

    Die Mehrheit der Gäste scheint der kleine Roboter jedoch für sich eingenommen zu haben. "Er bringt alle zum Lachen", sagt Pflegedienstleiterin Stefanie Glück. Dabei soll es aber nicht bleiben. Schon in den ersten Monaten in Erlenbach sind Peppers Fähigkeiten weiterentwickelt worden. "Anfangs hat er zum Beispiel sehr schnell gesprochen, das ist jetzt besser", sagt Glück. Vorstellbar sei auch, dass Pepper langfristig erkennen könne, wie es einem Gast gehe. Immer mit Rücksicht auf den Datenschutz.

    Zwei Jahre lang läuft das Modellprojekt Pepper in Erlenbach. Bayerns Gesundheitsministerium fördert den Einsatz des Roboters mit rund 36 000 Euro, die Uni Jena begleitet ihn wissenschaftlich. Mit ersten Ergebnissen sei frühestens im Juni 2020 zu rechnen, heißt es aus dem Ministerium. Dann soll ein Handlungsleitfaden erstellt und die Erfahrung aus Unterfranken an andere Einrichtungen weitergegeben werden.

    Bei seinem Einsatz in Erlenbach wird Pepper von der Uni Jena wissenschaftlich begleitet. Erste Ergebnisse des Modellprojektes werden frühestens im Juni 2020 erwartet.  Foto: Thomas Obermeier

    Ihr Ziel sei es, die Digitalisierung in der medizinischen und pflegerischen Versorgung voranzutreiben, sagt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Smarte Technologien könnten für mehr Sicherheit bei Pflegebedürftigen sorgen und Menschen so länger zu Hause leben. Allerdings gebe es für den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Pflege klare Grenzen: "Der Mensch steht stets im Mittelpunkt. Digitale und technische Hilfsmittel können Pflegekräfte zwar entlasten, aber nicht ersetzen".

    Ganz neu ist das nicht. "Pflegebedürftige alte Menschen werden schon seit Jahrzehnten elektronisch unterhalten", sagt der Würzburger Sozialwissenschaftler Professor Ernst Engelke. TV-Geräte müssten nicht selten fehlende Zuwendung und Besuche ersetzen. Den Einsatz Künstlicher Intelligenz, die immer leistungsfähiger wird, sieht er kritisch. "Das kann katastrophale Folgen haben: Die Pflege wird entmenschlicht." Laut Engelke lenkt die Roboter-Diskussion vom eigentlichen Problem ab: sich mit alten Menschen zu identifizieren, sie zu besuchen und zu pflegen.

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    In Erlenbach können alle Gäste selbst entscheiden, ob sie mit Pepper zu tun haben wollen oder nicht. "Man sollte immer schauen, was passt zu den Menschen, so dass sie nicht über- oder unterfordert werden", sagt Sozialstationsleiter Schuhmacher. Und der persönliche Kontakt bestehe fort, es werde gebastelt, geschmückt, Kuchen gebacken. "Das Gespräch und die Gemeinschaft sind wichtig."

    Schuhmacher: Vorbehalte anderer Einrichtungen nach zehn Monaten mit Pepper verschwunden

    Viele Vorbehalte, etwa von anderen Pflegeeinrichtungen in der Region, die damals sogar beim Landratsamt protestiert hatten, seien nach gut zehn Monaten mit Pepper verschwunden, sagt Schuhmacher. Insgesamt habe die Tagespflege durch den Roboter Gäste hinzugewonnen. Und sogar mehr Personal eingestellt.

    Deshalb soll Pepper bleiben. Auch über das Modellprojekt hinaus. "Wir wollen ihn behalten", sagt Schuhmacher. Der Roboter gehöre längst dazu. Gertrud Ananijev zum Beispiel freut sich jedes Mal, den kleinen Kerl zu sehen. Der kann übrigens nicht nur lustig, sondern auch charmant sein. Etwa, wenn er versucht, das Alter zu schätzen und so unfreiwillig Komplimente verteilt. Ananijev drückt auf die Schaltfläche Alterserkennung. Pepper fixiert die 77-Jährige, bleibt aber stumm. "Anscheinend ist er müde", sagt die Seniorin und streichelt ihm über den Arm. Auch die Technik funktioniert nicht immer. Irgendwie doch fast menschlich.

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