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    MARKTHEIDENFELD

    Zur 70. Laurenzi: Zeitzeugen erinnern sich

    Ernst und Karl Weißenberger begleiten Laurenzi seit der ersten Messe 1948: Damals waren sie vier und zehn Jahre alt, ihr Vater war Metzger und versorgte die hungrigen Messegänger mit Wurstspezialitäten. Foto: Schulte

    Wenn die Brüder Ernst und Karl Weißenberger an die erste Laurenzi-Messe zurückdenken, dann spielt Wurst immer eine große Rolle. „Unser Vater hat als Metzger schon auf der ersten Messe den Metzgerstand betrieben“, erinnert sich Karl Weißenberger. Wurst, Bratwurst und Kaltgelegte gab es damals zu kaufen. Um den Stand und die Metzgerei am Marktplatz im Gebäude der heutigen Metzgerei Pfister während der Messezeit besetzen zu können, kamen Verwandte aus ganz Deutschland – zum Helfen. Laurenzi bedeutete für die Sohne: Ausnahmezustand.

    Die erste Laurenzi-Erinnerung des jüngeren Bruders Ernst hat auch mit Wurst zu tun, aber nicht mit dem Familienbetrieb. „Ich war ja noch ein kleiner Lausbub bei der ersten Messe“, sagt er. „Aber ich weiß noch genau, wie damals unten am Mainkai ein Anhänger von der Martinsbräu stand. Darauf stand der Vergnügungsreferent der Stadt, wenn man ihn so nennen will. An einer Art Angel hatte der eine Bratwurst befestigt, am liebsten schon mit Senf drauf. Alle Kinder drängten sich vor dem Wagen, um die Wurst von der Angel zu schnappen“, erinnert er sich lachend. Auch ein Kettenkarussell hat es damals schon gegeben.

    Erster Preis: lebendes Schwein

    Ein Highlight auf Laurenzi: die Verlosung. „Lange Zeit war der erste Preis ein lebendes Schwein“, erzählt Karl Weißenberger. Er war später derjenige, der das Tier besorgte und am Abend in einer Kiste auf die Bühne schaffen musste. „Das muss man sich mal vorstellen, das arme Tier im lauten, heißen Festzelt – auf die Idee käme man heute gar nicht mehr.“ Oft war er auch derjenige, der eine Stunde später wieder mit dem Schwein nach Hause ging: „Viele Gäste kamen von weit her, aus Miltenberg zum Beispiel. Die hatten ja keine Möglichkeit, das Tier mit nach Hause zu nehmen.“ Also versuchten sie, das Schwein schnell zu verkaufen – an die Metzgerei Weißenberger.

    Als Karl Weißenberger seine heutige Frau Marga kennenlernte, unterzog er sie dem großen Laurenzi-Test: „Bevor wir geheiratet haben, hat er zu mir gesagt, wir stellen dich mal auf Laurenzi raus“, lacht Marga Weißenberger heute. Also hat sie Salate vorbereitet, Brötchen geschmiert und Würste verkauft. „Damals war es üblich, einfach einen Ring kalte Wurst zu kaufen und am Tisch mit dem mitgebrachten Taschenmesser mit allen zu teilen“, so Ernst Weißenberger. Besonders anstrengend für alle am Metzgerstand war dabei immer der Tag der Betriebe, der Freitag. „Die Firmen im Ort gaben häufig Verzehrgutscheine heraus, die die Mitarbeiter dann direkt am Freitagnachmittag einlösten,“ erinnert sich Ernst Weißenberger.

    Zur Laurenzi Tracht zu tragen, wie es heute in Mode ist, war damals undenkbar. „Die Lederhose ist ja überhaupt keine fränkische Tracht,“ so Karl Weißenberger. „Außerdem ist Laurenzi ja immer im Hochsommer, da waren wir froh, wenn wir uns so luftig wie möglich kleiden konnten.“ Die Marktstände waren auch damals schon ein wichtiger Bestandteil der Messe, soweit sich die Brüder erinnern. „Die Ernte war zu dem Zeitpunkt ja beendet, darum hatten die Bauern Zeit und Geld, um sich mit allem Wichtigen einzudecken“, sagt Ernst Weißenberger. Beim „Billigen Jacob“ kaufte man dann eine neuen Besen, eine Fliegenklatsche oder eine Schöpfkelle.

    Die Brüder haben Laurenzi auch noch aus anderer Perspektive begleitet: Beide waren lange Jahre Stadtratsmitglieder und im Messeausschuss. „Zu der Zeit konnte gar nicht anders, als am Samstagabend im Bierzelt vorbeizuschauen. Man musste ja schließlich prüfen, ob die Kapelle gut war und für das nächste Jahr wieder gebucht werden konnten“, lacht Ernst Weißenberger.

    Laurenzi-Leidenschaft als Bürgermeister entwickelt

    „Über die Jahre habe ich als Bürgermeister eine große Leidenschaft für Laurenzi entwickelt“, sagt Leonhard Scherg. Auf diesem Bild 2008 hatte er das Amt schon an Helga Schmidt-Neder abgegeben. In der Glasofener Tracht kam er trotzdem. Foto: Benedict Rottmann

    Auch Leonhard Scherg hat die Laurenzi-Messe lange begleitet – als Bürgermeister der Stadt, 24 Jahre lang. „Als ich 1974 nach Marktheidenfeld zog, habe ich um Laurenzi einen großen Bogen gemacht – für meine kleinen Kinder fand ich es zu laut.“ Zehn Jahre später wurde er Bürgermeister und plötzlich führte an Laurenzi kein Weg mehr vorbei. „Ich habe über die Jahre eine richtige Leidenschaft für die Messe entwickelt“, gibt er lachend zu. Zum Eröffnungsabend hat er es sich nicht nehmen lassen, in Glasofener Tracht zu kommen. Der Laurenzi-Besuch mit den Enkelinnen ist jedes Jahr einer seiner Höhepunkte. Die Mädchen tragen dabei – ganz unfränkisch – Dirndl.

    Der größte Einschnitt in der Laurenzi-Geschichte war der Umzug zum heutigen Festplatz, da sind sich Scherg und die Weißenberger-Brüder einig. „Die Messe hat am alten Standort einfach ihre Grenzen erreicht“, sagt Scherg. Man habe jeden Zentimeter Platz ausgereizt, und auch die Toleranz der Anwohner sei irgendwann strapaziert gewesen – verständlich, denn auch die wurden immer älter.

    Umzug hat viele positive Auswirkungen

    „Jetzt hat man auch endlich die Möglichkeit, draußen zu sitzen und nicht nur im heißen Festzelt.“ Der Umzug sei für Laurenzi durchweg eine positive Veränderung gewesen, so Scherg. Einige weitere Veränderung hat er während seiner Zeit eingeführt. „Ich hab irgendwann angefangen, die Leute am letzten Abend schon vor dem Feuerwerk zu verabschieden. So sind mir die bösen Pfiffe erspart geblieben von denen, die noch nicht nach Hause wollten.“ Auch die Verlosung hat er verlegt. „Nach dem ersten Wochenende hingen am Montag immer alle durch, deswegen wollten wir mit der Tombola mehr Leute am Montag ins Festzelt locken.“ Das Schwein als Hauptpreis war vor seiner Zeit, aber auch Scherg erinnert sich, dass die Preise oft noch am selben Abend weiterverkauft wurden. „Wer schon ein Fahrrad hatte, brauchte ja kein zweites zu gewinnen.“ Die Bedeutung des Festes hat sich aus seiner Perspektive mit den Jahren aber nicht gewandelt. Ein Volksfest sei immer ein Bekenntnis zu Heimat, findet er. „Zwischen 1939 und 1949 hat sich die Bevölkerung Marktheidenfelds durch Heimatvertriebene und Flüchtlinge etwa verdoppelt. Da braucht es so ein Fest, um ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen“, so Scherg. „Heute kommen Leute, die schon lange nicht mehr hier wohnen, zu Laurenzi nach Marktheidenfeld, um wieder Teil der Gemeinschaft zu sein.“

     
     

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