• aktualisiert:

    Lohr

    Von 23 bis 7 Uhr morgens: Wie Anton Siegler einsamen Menschen hilft

    Anton Siegler setzt sich seit 2012 ehrenamtlich als Telefonseelsorger für Menschen ein, die dringend jemanden zum Zuhören brauchen.
    Anton Siegler setzt sich seit 2012 ehrenamtlich als Telefonseelsorger für Menschen ein, die dringend jemanden zum Zuhören brauchen. Foto: Helga Siegler

    Wie das ist, wenn es einem schlecht geht und die Mitmenschen das ignorieren, hat Anton Siegler selbst schon einmal erlebt. Bitter ist das. Total verstörend. "Wer weiß, vielleicht engagiere ich mich heute deshalb so sehr für Menschen in Not", sinniert der 68-Jährige aus Lohr-Sendelbach. Anton Siegler ist Diakon, Notfall- und Feuerwehrseelsorger, zusätzlich setzt er sich seit 2012 ehrenamtlich als Telefonseelsorger für Menschen ein, die dringend jemanden zum Zuhören brauchen.

    Damit hat sich Siegler ein Ehrenamt ausgesucht, das kein Honiglecken ist. Mindestens einmal im Monat fährt er am späten Abend von Sendelbach in die Würzburger Geschäftsstelle der Telefonseelsorge, um in der Nacht Dienst zu tun. "Die Schicht beginnt um 23 Uhr", erzählt er. Bis um 7 Uhr am nächsten Morgen telefoniert er in solchen Nächten mit Menschen, die Ängste haben, in Sorge sind oder sich einsam fühlen. "Man ist danach schon ziemlich gerädert", gibt Siegler zu. Doch Siegler empfindet sein Ehrenamt als erfüllend, kommt er dadurch doch mit Menschen jeglicher Couleur in Kontakt.

    "Man muss zuhören können"

    Um als Telefonseelsorger einen guten Job machen zu können, ist vor allem eines unabdingbar, sagt Siegler: "Man muss zuhören können, und genau das habe ich bei der Telefonseelsorge gelernt." Viele Anrufer wollen keinen konkreten Rat hören.  Sie wollen reden. Wollen ihr Herz ausschütten. "Wir meinen als Seelsorger oft, dass wir unbedingt was sagen müssen, aber das Zuhören ist meist sehr viel wichtiger", hat Siegler erkannt.

    Manchmal hat Siegler einen Anrufer an der Strippe, in dem die Wut gärt: "Mich rief in der Nacht ein Obdachloser an, der am Telefon immer lauter wurde, weil er nicht wusste, wo er hinsollte." Siegler kennt das Hilfenetz. Er verwies den Nichtsesshaften an die Bahnhofsmission. Doch der Anrufer sagte, die habe zu. Ob er denn schon bei der Polizei gewesen sei. Ja, brüllte der Mann, die hätten ihm aber auch nicht geholfen. Eine halbe Stunde lang schrie der wahrscheinlich alkoholisierte Mensch seine Verlassenheit heraus. Konkret helfen konnte Siegler ihm nicht: "In solchen Fällen kann man als Seelsorger die Situation einfach nur mit aushalten."

    Siegler hat dem Mann nicht krummgenommen, dass er am anderen Ende der Leitung fast aggressiv wurde. Der Obdachlose war nun einmal verzweifelt. "Ich nehme jeden Anrufer ernst und so, wie er ist", betont der gelernte Großhandelskaufmann, der vor 20 Jahren entschied, hauptberuflich Diakon zu werden. Selbst Scherzanrufer wimmelt er nicht ab: "Also, wenn zum Beispiel eine Jugendliche anruft und sagt, sie sei schwanger, und im Hintergrund hört man drei andere Mädchen kichern." Siegler möchte, dass sich dieser Teenager, sollte er je einmal in Not kommen, daran erinnert, dass es die Telefonseelsorge gibt.

    Anton Siegler ist ein feinfühliger Mensch. Er möchte helfen, jedoch niemandem etwas aufdrängen. Kürzlich im Telefonseelsorge-Chat, erzählt er, schilderte ihm eine Jugendliche ihre Not: Sie hatte in der Familie Stress ohne Ende. Krisenbedingt hockten die Familienmitglieder aufeinander. Dauernd gab es Zoff. Die junge Frau ertrug das nicht mehr. Sie wollte ausbüxen. Doch wohin? Siegler schlug dem Mädchen vor, einen Plan für die Familie mit festen Auszeiten für jedes Mitglied zu entwerfen. Ob die Jugendliche den Rat beherzigt hat, weiß Siegler nicht. Nach 45 Minuten war der Chat zu Ende.

    Sieglers seelsorgerlicher Leitspruch lautet "Bei den Menschen sein!" Es sei kein Lippenbekenntnis. Gerade in der Krise will der Sendelbacher Menschen in Not zur Seite stehen: "Deshalb biete ich derzeit täglich mindestens einen Telefonseelsorge-Chat an." An dem Abend war das wieder so. Da kontaktierte ihn anonym ein Mann, der etwas Schockierendes losließ: "Ich habe einen Menschen umgebracht." Anton Siegler ließ sich auch auf diesen Chat ein. Obwohl er dem Mann nicht glaubte. Warum der wohl ein solch krudes Ammenmärchen erzählte? Siegler lächelt. Auch das, weiß er, kann eine Form sein, sich zu entlasten.

    Telefonseelsorge

    Die Telefonseelsorge Würzburg wird von der Arbeitsgemeinschaft "Ökumenische Telefonseelsorge und Krisendienst Würzburg/Main-Rhön" getragen. Sie ist unter Tel.: 0800-1110111 rund um die Uhr erreichbar, auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Im September beginnt eine neue Ausbildung für Ehrenamtliche. Die Qualifizierung dauert zehn Monate und umfasst drei Wochenenden sowie 34 dreistündige Abendtermine.
    Unter dem Button "Download" auf der Seite www.telefonseelsorge-wuerzburg.de erhalten Interessierte nähere Infos zur Schulung.
    Quelle: pat
    Zwei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Main-Spessart-Newsletter!

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!