• aktualisiert:

    Lohr

    Aufbruchstimmung in der Bevölkerung

    Der Siedlerbund der Lindig-Siedlung fuhr mit einem typischen Siedlerhäuschen im Festzug mit. 
    Der Siedlerbund der Lindig-Siedlung fuhr mit einem typischen Siedlerhäuschen im Festzug mit.  Foto: Hans Lembach

    Mit einem Altstadtfest mit Theaterstück und Handwerkervorführungen im Juni und einem Festzug mit 1350 Teilnehmern und 20 000 Zuschauern im Juli hat Lohr 1995 seine Ersterwähnung 700 Jahre zuvor gefeiert. In diesem Jahr gibt es nicht nur wegen der Corona-Krise keine Feiern zum 725-jährigen Jubiläum.

    Am 3. Januar 1295 wurde eine Urkunde ausgestellt, in der Lohr erstmals erwähnt wird. Ein noch älterer zweifelsfreier schriftlicher Nachweis Lohrs wurde bislang nicht entdeckt. In der Urkunde geht es um ein Grundstücks- und Geldgeschäft.

    Wie zu dieser Zeit üblich, als es keine Grundbuchämter und Notare gab, wurde dieses Geschäft durch anwesende Zeugen bestätigt, die in der Urkunde genannt werden und teilweise daran ihre Siegel hängten. Darunter befand sich ein "Swickerus plebanus in Lare", also ein "Swicker, Pfarrer oder Priester in Lohr".

    Prominenz im Theaterstück

    Den Auftakt zum zweitägigen Altstadtfest im Juni machte ein Historienstück über diese Szene, das Rolf Sultan geschrieben hatte. Bei der Aufführung auf dem oberen Marktplatz übernahm Lohrer Prominenz die Rollen. So stellte Bürgermeister Siegfried Selinger den Swicker dar.

    Das Altstadtfest hatte ein Festausschuss unter Vorsitz des unvergessenen Stadtrats und Polizisten Theo Endres organisiert. Es bot eine Art Querschnitt durch die Jahrhunderte. Musik und Tanz auf den Bühnen auf dem Markt- und Schlossplatz wurden kombiniert mit der Darstellung alter Handwerkskünste in der gesamten Altstadt.

    Dabei engagierten sich die Vereine aus Lohr und den Stadtteilen. So bauten die Halsbacher vor dem Polizeigebäude eine Kelterei auf. Wombacher Frauen hatten eine Spinnstube aufgebaut. Auf dem Schlossplatz ratterte eine alte Kornmühle. Zwei Küfer zeigten, wie Fassmacher früher zu Werke gingen.

    Die Kapazitäten der Verpflegungsstationen waren zeitweise erschöpft. Theo Endres schätzte seinerzeit, dass rund 25 000 Besucher nach Lohr gekommen waren. Der Erlös des Altstadtfestes floss in einen Topf zur Finanzierung des Festzugs zu 700 Jahre Ersterwähnung und 50 Jahre Festwoche Ende Juli 1995.

    Daran beteiligten sich 1350 Menschen in 67 Gruppen und Wagen, rund 20 000 Zuschauer säumten die Straßen der Altstadt. Auch Vereine aus den Stadtteilen und dem Altkreis Lohr nutzen die Chance zur Vorführung: Kapellen und Gruppen in Trachten und historischen Gewändern zogen durch die Stadt mit Bauwerken, die in der Region Geschichte gemacht hatten, wie Burgen, Kirchen und Schlössern, aber auch einem einfachen Siedlerhäuschen aus der Lindig-Siedlung.

    Fußballer als Rienecker

    Besonders stark vertreten war die TSV-Fußballabteilung, die den Grafen von Rieneck und seinen Hofstaat darstellte. Selbst aus Rothenbuch, das seit über 20 Jahren nicht mehr zum Kreis gehörte, war eine große Abordnung in die frühere Kreisstadt gekommen. Besonders gut kamen die Wagen mit Motiven aus Blumen an, etwa das Stadtwappen und der Sendelbacher Sandhas.

    Heuer gab und gibt es kein offizielles Gedenken an den 725. Jahrestag der Ersterwähnung. Die Stadt sehe das Stadtrechtsjubiläum, dessen 650. Wiederkehr 1983 gefeiert worden sei, als "weit bedeutender" an, erklärte Rathaussprecher Dieter Daus (seinerzeit einer der Darsteller des Theaterstücks) auf Anfrage. Zur Stadt erhoben wurde Lohr am 29. Juli 1333. Bis zum nächsten Jubiläum 2033 ist also noch reichlich Zeit...

    Beim Altstadtfest im Juni 1995 zeigten Vertreterinnen und Vertreter alter Handwerkskünste in der gesamten Innenstadt ihr Können.
    Beim Altstadtfest im Juni 1995 zeigten Vertreterinnen und Vertreter alter Handwerkskünste in der gesamten Innenstadt ihr Können. Foto: Archiv Lohrer Echo

    Altbürgermeister Siegfried Selinger, 1995 in seiner ersten Amtszeit, erinnert sich noch an die Aufbruchstimmung, die seinerzeit durch Lohr ging. Die Bevölkerung habe sich gefreut, die Lohrer Geschichte darstellen zu können. Die Bürger seien sehr stark engagiert gewesen – auch bei der Organisation durch den Festausschuss. Er selbst sei dabei "mehr schmückendes Beiwerk gewesen".

    Spezielle Erinnerungen an den Festzug hat Reinhold Scherg. Der frühere Techniker des Spessartmuseums in Lohr und viele seiner Partensteiner Mitbürger beteiligten sich mit einem Modell der Burg Bardenstein, das Scherg gebaut hatte, am Festzug. "Es war unheimlich heiß und wir hatten nichts zu trinken", so Scherg im Gespräch mit der Redaktion.

    Ritter müssen leiden

    Besonders zu leiden gehabt hätten die Ritterdarsteller, als man in der Vorstadtstraße Aufstellung genommen und auf den Zug gewartet habe. Dennoch habe er schöne Erinnerungen an den Zug, nach dem man noch eine oder zwei Stunden vor der Festwoche gestanden sei. Der Wagen mit Überbreite für die Burg, der ein Begleitfahrzeug benötigt habe, sei vom Frammersbacher Faschingsverein geliehen worden: der neue Wagen fürs Prinzenpaar.

    Zwei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Main-Spessart-Newsletter!

    Bearbeitet von Thomas Josef Möhler

    Kommentare (0)

      Anmelden