• aktualisiert:

    Lohr

    Ein europäisches Problem: Das bedeutet Corona für die Partnerstädte

    Mit dem Coronavirus gehen die Bürger in Europa ganz unterschiedlich um. Wir haben nachgefragt in den Städten, die eine Städtepartnerschaften mit Orten in Main-Spessart pflegen.
    In Duiven in den Niederlanden werden während der Corona-Pandemie Clowns mit einem Kran an das Fenster eines Altenheims gehoben, um den Menschen eine Freude zu machen. Duiven ist Partnerstadt von Gemünden.
    In Duiven in den Niederlanden werden während der Corona-Pandemie Clowns mit einem Kran an das Fenster eines Altenheims gehoben, um den Menschen eine Freude zu machen. Duiven ist Partnerstadt von Gemünden. Foto: Stadt Duiven

    Abstand halten, das falle den Franzosen besonders schwer. Keine Umarmung, kein Kuss auf die Wange zu Begrüßung – "unsere Vorstellung von dem, was uns zu Franzosen macht, können wir im Moment nicht leben", sagt Romain Bail. Als Bürgermeister der Gemeinde Ouistreham in der Normandie, Partnerstadt von Lohr, hat er im Moment alle Hände voll zu tun. 

    Der Grund ist die Corona-Pandemie: In ganz Europa sind die Menschen seit Wochen in Sorge, dass sie erkranken oder einen lieben Menschen verlieren könnten, dass der Lockdown sie den Job kostet und eine Wirtschaftskrise naht. Ein Blick in die Partnerstädte der Main-Spessart-Kommunen zeigt: So unterschiedlich die Mentalitäten in den europäischen Ländern auch sein mögen – in der Krise haben alle die gleichen Sorgen.

    Sorge um die Senioren

    Besonders gefährlich ist das Virus für ältere Menschen – und besonders hart waren die daher auch getroffen von den Lockdown-Maßnahmen. Vollständige Isolation im Seniorenheim, keine Besuche der Enkelkinder. "Wann kann ich meine Angehörigen wieder besuchen, das ist im Moment eine der Fragen, die ich am häufigsten gestellt bekommen", sagt Bürgermeister Bail.

    Ähnliches berichtet Huub Hieltjes, Bürgermeister der Gemündener Partnerstadt Duiven in den Niederlanden. Dort ist die Bevölkerung kreativ geworden: In einer besonderen Aktion wurden Kinder mit einem Kran an der Fassade des örtlichen Altenheims hochgefahren, sodass sie durch das Fenster mit ihren Großeltern kommunizieren konnten. Auch ein Clown wurde mit dem Kran hochgehoben, um den alten Menschen eine Freude zu bereiten.

    Menschen haben das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen

    Dass Menschen in Krisensituationen das Bedürfnis nach Nähe haben, und wenn es nur durch die Fensterscheibe oder am Telefon ist, diese Erfahrung hat man auch in Pobiedziska in Polen gemacht. In der Marktheidenfelder Partnerstadt haben daher drei Psychologen ihre Dienste am Telefon gratis zur Verfügung gestellt, berichtet Katarzyna Trawinska-Jakubiak, Sprecherin der Stadt. Dort informiert Bürgermeister jeden Tag per Facebook und auf der Website der Stadt über die aktuelle Lage.

    Den Redebedarf der Menschen hat auch Christian Gartner deutlich gespürt. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Gais in Südtirol, die eine Freundschaft mit Karlstadt pflegt und hat zu Beginn der Krise kurzerhand seine eigene Handynummer an die Bürger von Gais herausgegeben. "Viele rufen mit konkreten Fragen zu den Ausgangsbeschränkungen bei mir an. Bei anderen merkt man aber schnell, dass sie einfach mal quatschen müssen", sagt der Bürgermeister der 3300-Einwohner-Gemeinde.

    Zu Hause wird es schnell eng

    Da Italien von der Pandemie besonders starkt betroffen war, waren hier auch die Lockdown-Maßnahmen besonders streng. "Es ist schon komisch, die Straßen so leer zu sehen. Man hört nur noch Vogelzwitschern, kein Flugzeug ist mehr am Himmel", beschreibt Gartner. 

    Mitte April konnte er zum ersten Mal nach vier Wochen den Recyclinghof wieder öffnen. "Das war dringend nötig, denn die Menschen hatten zu Hause ja viel Zeit zum entrümpeln."

    In Ouistreham in der Normandie war die Nachfrage nach der Deponie für Gartenabfälle besonders hoch, erzählt Bürgermeister Romain Bail. "Die häufigste Frage war aber ganz eindeutig: Wann macht der Strand wieder auf?" Die Gemeinde liegt an der Küste des Ärmelkanals, die Menschen hier seien mit dem Meer sehr verbunden, so Bail.

    Schwierige Situation für Unternehmen und Tourismusbranche

    Die schöne Lage am Meer zieht normalerweise viele Touristen an – wirtschaftlich könnte die Pandemie daher schlimme Auswirkungen für die Stadt haben. "Wir rechnen im Moment damit, dass wohl ein Drittel der Restaurants im Ort dauerhaft schließen wird", so Bail. Auch der Gemeinde wird Geld fehlen – ein großer Teil der Einnahmen von Ouistreham kommt aus Steuern eines großes Casinos im Ort.

    Sorgen um die wirtschaftliche Situation macht man sich in allen Städten, überall werden Hilfspakete geschnürt. Aus Großbritannien berichtet Brian Chasser, der regelmäßig mit einer Abordnung aus Cuckfield in Karlstadt zu Besuch ist: "Natürlich hat die Regierung Hilfe versprochen. So ein Versprechen ist schnell gemacht, aber schwer einzuhalten."

    Krise erfordert kreative Lösungen für Probleme

    Um den Alltag neu zu organisieren, hat man sich in den Partnerstädten und -gemeinden verschiedene Lösungen einfallen lassen. In Lubniany, der polnischen Partnergemeinde von Arnstein, hat die Verwaltung zum Beispiel einen eigenen Kurierfahrer eingestellt, der Senioren Medikamente, Lebensmittel und warme Mahlzeiten nach Hause liefert.

    In Cuckfield, berichtet Chasser, ist der Supermarkt morgens zwischen 7 und 8 Uhr für Menschen über 70 reserviert. Das soll die Ansteckungsgefahr für sie verringern. Ähnlich wie zeitweise in Deutschland kommen in Großbritannien die Menschen jeden Donnerstagabend um 20 Uhr vor ihre Häuser, um den Mitarbeitern im Gesundheitssystem mit Applaus und Trompetenspiel zu danken. "In Cuckfield spielen wir dazu auch Dudelsack", erzählt er.

    Menschen kümmern sich umeinander

    In der Gemündener Partnerstadt Duiven in den Niederlanden haben die Einwohner Teddybären in die Fenster gesetzt. "Auf Radtouren und Spaziergängen haben die Kinder deswegen etwa zu sehen, sie suchen so viele Teddybären wie möglich auf der Strecke", erklärt Bürgermeister Hieltjes

    Was die Öffnung der Schulen angeht, fahren die Niederlande einen ganz anderen Kurs als Deutschland: Dort kamen am 29. April zuerst die Kleinsten zurück in die Schule, organisierter Sport ist für Kinder schon ab dem 11. Mai den wieder erlaubt. Man verlasse sich auf Studien, die zeigen, dass Kinder von Corona am wenigsten bedroht sind, erklärt Hieltjes. "Außerdem ist die Isolation für kleine Kinder und ihre Eltern besonders schlimm."

    Hieltjes blickt nun nach vorn. "Es kommen wieder bessere Zeiten", sagt er. "Dann werden wir unseren Freunden in Gemünden wieder auf die Schulter klopfen und ein Bier zusammen trinken."

    Zwei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Main-Spessart-Newsletter!

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!