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    Lohr

    Lohr soll wilder werden

    Die Stadt Lohr will auf etlichen ihrer Grünflächen mehr Wildwuchs zulassen und so die Artenvielfalt steigern. Bauhofleiter Peter Bechold stellt eines der Schilder auf, die erklären sollen, was hinter dem Vorhaben steckt. 
    Die Stadt Lohr will auf etlichen ihrer Grünflächen mehr Wildwuchs zulassen und so die Artenvielfalt steigern. Bauhofleiter Peter Bechold stellt eines der Schilder auf, die erklären sollen, was hinter dem Vorhaben steckt.  Foto: Johannes Ungemach

    Die Stadt Lohr will die Artenvielfalt im Stadtgebiet steigern. Zu diesem Zweck sollen sich bisherige Grasflächen in vielfältige Blumenwiesen verwandeln. Mähen statt Mulchen heißt daher die Devise, deren Umsetzung bereits begonnen hat. Weil sich manch ein Passant über den ungewohnten "Wildwuchs" am Wegesrand wundern und mangelnde Pflege dahinter vermuten könnte, beugt der städtische Bauhof vor. Er hat Hinweisschilder aufgestellt. "Diese Fläche ist nicht ungepflegt", steht darauf. Es gehe um Artenvielfalt, "den Insekten zuliebe", so die Erklärung.

    Das Mühen um mehr Artenvielfalt hängt mit der Beteiligung der Stadt am 2018 gestarteten bayernweiten Modellprojekt "Marktplatz der biologischen Vielfalt" zusammen. Lohr ist eine von zehn Kommunen, die eine Jury aus 36 Bewerbungen ausgewählt hatte.

    Anderes Mähmanagement

    Ziel ist es, dass in den Kommunen bis Ende 2021 im Zusammenspiel mit Vertretern aus Landwirtschaft, Naturschutz, Forst, Jagd, Imkerei, Schulen, Verwaltung und Politik Strategien für mehr Artenvielfalt entwickelt werden. Dabei, so erklärt der städtische Umweltreferent Manfred Wirth, nehme man unter anderem innerstädtischen Grünflächen in den Blick.

    Der Schlüssel zum Erfolg ist laut Peter Bechold, dem Leiter des städtischen Bauhofs, eine Umstellung des Mähmanagements. Man werde bei der Pflege von Grünflächen künftig verstärkt auf den Balkenmäher statt den Mulcher setzen und die Flächen auch seltener mähen.

    Bechold erklärt den Hintergrund: Beim Einsatz eines Mulchers werde "alles zusammengeschlagen und liegengelassen". Das führe zu einer Anreicherung von Nährstoffen auf der Fläche. Diese Überdüngung fördere den Graswuchs. "An den Böschungen ist nichts mehr los", beschreibt Bechold die Folgen für die Artenvielfalt am Straßenrand.

    Für die Artenvielfalt seien Kräuter und Blumen wichtig, die sich nur auf nährstoffärmeren Böden gegen das Gras behaupten könnten. Deswegen müsse das Mähgut künftig entfernt werden, so der Leiter des Bauhofs, der rund 30 Mitarbeiter zählt, darunter zehn in der Gartenkolonne. Um den Flächen einen Impuls zu geben, hat der Bauhof bereits Samen ausgebracht. Als Arten, die sich einstellen sollen, nennt Bechold Margeriten, Wiesensalbei, Kornblumen oder Ehrenpreis. Bis eine deutliche Entwicklung hin zu mehr Artenvielfalt zu erkennen sei, werde es aber womöglich zwei, drei Jahre dauern, so Bechold.

    Das Mehr an Wildwuchs indes werden aufmerksame Lohrer sicher bald bemerken. Der Bauhofleiter rechnet mit Anrufen. Viele Menschen, so wisse er aus langjähriger Erfahrung, empfänden kurz gehaltene Rasenflächen als "saubere Sache", üppig wachsendes Grün sei vielen ein Dorn im Auge.

    Bechold selbst hingegen bekennt, in der Grünflächengestaltung seit Jahrzehnten "gegen den rechten Winkel" zu kämpfen. Auch die Bevölkerung, die ja mehrheitlich für mehr Artenvielfalt plädiert, müsse "sensibel dafür werden, dass nicht alles, was nicht gemäht ist, unsauber ist", so Bechold. Um zu zeigen, dass die womöglich manchem zu wild erscheinenden Bereiche bei der Pflege nicht vergessen wurden, werde der Bauhof zumindest größere Flächen einmal symbolisch mit dem Rasenmäher umkreisen.

    Der Leiter des Bauhofs bekennt allerdings, dass er auch innerhalb seiner Truppe zunächst Überzeugungsarbeit für die neue Linie leisten musste. Bisher sei bei der Pflege städtischer Gründflächen vor allem "in Richtung Parkanlage" gedacht worden. In internen Schulungen habe man den neuen Kurs erklärt, so Bechold.

    Dass die Mitarbeiter des Bauhofs bei diesem Kurs künftig die Hände in den Schoß legen und den Blumenwiesen einfach beim Wachsen zusehen können, sei im Übrigen nicht der Fall, betont der Bauhofleiter. Im Gegenteil sei das Vorhaben mit Mehrarbeit verbunden, da das Mähgut von Hand von den Flächen entfernt werden müsse. Man sei derzeit bemüht, Landwirte als Partner ins Boot zu holen, die das Grünzeug eventuell als Futter gebrauchen und selbst abholen könnten, erläutert Bechold.

    "Blumen-Peepshow"

    Er macht allerdings auch deutlich, dass das neue Konzept längst nicht für alle städtischen Grünflächen gilt. Man habe zunächst rund 20 Einzelparzellen mit zusammen rund 2500 Quadratmetern ins Auge gefasst. Als Beispiele nennt Bechold das "Ohrwatschel" an der B26 oder Bereiche entlang der Ruppertshüttener Straße.

    Nicht verwechselt werden sollten die angestrebten naturnahen Wiesenflächen laut Bechold mit den Blumenbeeten, mit der der Bauhof schon seit Jahren an ausgewählten Stellen Passanten erfreut, beispielsweise rund um die Kreuzung am Oberen Tor. Diese "Blumen-Peepshow", wie Bechold das ziergärtnerische Element nennt, werde es auch weiterhin geben.

    Beratung für private Gärtner

    Im Zuge der Teilnahme am bayernweiten Modellprojekt "Marktplatz der biologischen Vielfalt" berät die Stadt die Besitzer von Privatgärten seit geraumer Zeit dazu, wie sich dort die Artenvielfalt steigern lässt. Der Berater ist Peter Bechold, Leiter des Bauhofs und Gartenbaumeister. Er schildert, dass er in dieser Funktion neben etlichen Telefonaten auch rund 20 Ortstermine innerhalb eines Jahres absolviert habe, nicht nur in Privatgärten, sondern auch auf Friedhöfen. Dort spiele die naturnahe und pflegeleichte Gestaltung von Gräbern eine zunehmende Rolle.
    Häufig meldeten sich ältere Menschen bei ihm, die der aufwendigen Pflege eines Ziergartens nicht mehr gewachsen seien. Bechold betont, dass es in seiner Beratung nur darum gehe, wie man die Artenvielfalt auf den Flächen steigern könne. Eine Gartenplanung biete er hingegen nicht an.
    Wer sich über mehr Biodiversität im Garten beraten lassen will, kann sich unter Tel.: (09352) 848490 an Peter Bechold wenden. Im Rathaus liegt auch ein Flyer dazu aus.
    Quelle: joun
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