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    Lohr

    Lohr will eine Smart City werden

    Lohr soll smarter werden: Die Stadtverwaltung möchte am Modellprojekt 'Smart Cities' des Bundesinnenministeriums teilnehmen. Sie erhofft sich Fördergelder, um Lohr in eine digitalere Zukunft zu führen (Archivfoto).
    Lohr soll smarter werden: Die Stadtverwaltung möchte am Modellprojekt "Smart Cities" des Bundesinnenministeriums teilnehmen. Sie erhofft sich Fördergelder, um Lohr in eine digitalere Zukunft zu führen (Archivfoto). Foto: Petra Reith

    Kann man Parkgebühren in Lohr bald mit dem Handy zahlen? Vergibt demnächst der Sprachroboter Termine im Rathaus? Rollt der Stadtbus erst, wenn ihn jemand anfordert? Und leuchten Laternen irgendwann nur, wenn tatsächlich jemand vorbeiläuft? Noch ist all das Lohrer Zukunftsmusik.

    Im Rathaus jedoch will man sich intensiv mit solchen und anderen Fragen der Digitalisierung befassen. Deswegen hat sich die Stadt für das vom Bundesinnenministerium ausgerufene Modellprojekt "Smart Cities" beworben. Sie hofft auf Fördermillionen.

    Allerdings muss der Stadtrat die Bewerbung erst noch endgültig absegnen. Im Gremium gibt es neben dem grundsätzlichen Verständnis für die Erfordernisse des technischen Fortschritts jedoch auch große Bedenken. Das wurde in der jüngsten Stadtratssitzung deutlich.

    Dort stellte Lisa Straub, die Leiterin des Digitalen Gründerzentrums in Lohr, das Förderprojekt vor. 500 Millionen Euro schüttet der Bund dabei aus, um Modellkommunen bei der Entwicklung digitaler Strategien zu unterstützen. Die so erlangten Kenntnisse sollen über Wissenstransfer allen anderen Kommunen zugutekommen.

    Anschluss nicht verlieren

    Eine strikte Festlegung, womit sich die digitalen Strategien zu befassen haben, gibt es offenbar nicht. Stattdessen gehe es generell darum, Alltags- oder Verwaltungsabläufe durch digitale Lösungen zu erleichtern, Ressourcen zu schonen und lokale Strukturen zu festigen oder auf eine neue technische Ebene zu heben.

    Lisa Straub und Bürgermeister Mario Paul warben gegenüber den Räten eindringlich für die Teilnahme an dem Förderprojekt. Es biete die "Chance, zu den führenden Städten zu gehören", sagte die Leiterin des Digitalen Gründerzentrums. Man dürfe den Anschluss nicht verlieren. Paul warf die Frage auf, ob man es sich als Stadt überhaupt leisten könne, nicht dabei zu sein.

    Lohr habe auf dem Feld der Digitalisierung bereits viel angeschoben, betonten beide. Als Beispiele nannten sie neben dem Gründerzentrum die digitale Einkaufsplattform www.mainlokalshop.de und das Projekt LohrOnPlan. Die nun winkenden Fördergelder böten der finanziell überaus klammen Stadt die Möglichkeit, solche Projekte weiterzuentwickeln und neue aufzusetzen. Dabei gehe es um Themen, die Lohr früher oder später ohnehin anpacken müsste, wenn man mit der Entwicklung Schritt halten wolle, sagte Paul.

    Räte zum Teil sehr skeptisch

    Von den Räten indes kamen etliche skeptische Stimmen, auch wegen der Kosten. Trotz sehr hoher Förderung läge der Eigenanteil der Stadt zwischen 50 000 und 100 000 Euro pro Jahr – sieben Jahre lang. Er sehe die Gefahr, sagte Frank Seubert (CSU), dass man sich im Rathaus von den Fördergeldern blenden lasse und sich beim Eigenanteil überheben könnte.

    Andere Räte störten sich daran, dass für das Projekt im Rathaus vier neue Stellen geschaffen und aus der bestehenden Verwaltung eine weitere Stelle abgezwackt werden müsste, und das, obwohl schon jetzt immer wieder von Überlastung in den Amtsstuben gesprochen werde.

    Auch die Tatsache, dass die Leitung des Projekts in einer zusätzlichen Stabsstelle direkt unter Bürgermeister Paul angesiedelt wäre, sorgte für Kritik: Wenn Paul die Stadt nur noch mit mittlerweile mehreren Stabsstellen manage, welche Aufgabe bleibe dann noch für den Stadtrat, fragte Brigitte Riedmann (Freie Wähler).

    Bedenken weckte auch Pauls Vision, wonach ein "Chatbot" fürs Rathaus entwickelt werden könnte, also ein digitales Dialogsystem, das Termine vereinbart und Bürgern mitteilt, was sie dazu mitbringen müssen. Christine Kohnle-Weis (SPD) bekannte dazu, dass sie "große Bauchschmerzen habe, wenn wir Menschen einsparen und Maschinen für uns sprechen lassen". Auch Riedmann erklärte, dass sie eine menschliche Verwaltung wolle und keine Roboter.

    Tritt Bürgermeister Paul zu viele Projekte los?

    Mehrere Räte sprachen davon, dass Paul zu viele Projekte lostrete und die Personalkapazitäten im Rathaus überstrapaziere. "Es wird immer mehr und mehr", sagte Kohnle-Weis und fragte, von wem das alles eigentlich geführt werden solle, wenn sich Paul "mal das Bein brechen sollte".

    Aber es gab auch Zustimmung: Matthias Schneider (CSU) fragte zwar, ob sich die Stadt das leisten könne, sagte aber auch: "Wenn wir nicht aufspringen, sind wir nicht auf dem Zug dabei." Ulrike Röder (Grüne) hatte die Hoffnung, dass man mit dem Forcieren der Digitalisierung "ein bisschen die Attraktivität einer Großstadt zu uns holen" könnte.

    Keine klare Tendenz erkennbar

    Man müsse mit Experten Kompetenzen ins Boot holen, die in der Verwaltung derzeit schlicht fehlten, pflichtete Röder Paul bei. Eric Schürr (Bürgerverein) hegte gar die Hoffnung, dass mehr Digitalisierung im Rathaus Personalkapazitäten für die "wirklich wichtigen Dinge" freisetzen könnte.

    Am Ende war aus den Redebeiträgen keine klare Abstimmungstendenz zu erkennen. So wird sich also erst in der Stadtratssitzung am 22. Juli zeigen, wohin und in welchem Tempo die Digitalisierung in Lohr voranschreitet.

    Lisa Straub, Leiterin des Digitalen Gründerzentrums in Lohr, hat dem Stadtrat das Modellprojekt 'Smart Cities' vorgestellt. 
    Lisa Straub, Leiterin des Digitalen Gründerzentrums in Lohr, hat dem Stadtrat das Modellprojekt "Smart Cities" vorgestellt.  Foto: Boris Dauber
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    Bearbeitet von Johannes Ungemach

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