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    Gemünden

    Richterin hat Zweifel: Ist der Geschädigte zuverlässig?

    Sein Gegner habe ihn aus dem Lkw gezerrt und ins Gesicht geschlagen, gab der Geschädigte an. Doch die Richterin am Amtsgericht Gemünden wollte ihm nicht glauben.
    Das Amtsgericht in Gemünden. (Symbolbild)
    Das Amtsgericht in Gemünden. (Symbolbild) Foto: Michael Mahr

    "Ich habe große Zweifel über den Ablauf, so wie er angeklagt ist. Die sind aber nicht so groß, dass es zu einem Freispruch kommen wird". Mit diesen Worten setzte Strafrichterin Laura Paczesny die Verhandlung gegen einen 54-jährigen Geschäftsführer aus. Der Mann soll einen Lkw-Fahrer aus dem Auto gezerrt und geschlagen haben. An der Glaubwürdigkeit des Geschädigten bestehen aber große Zweifel.

    Auslöser für diese Verhandlung am Amtsgericht Gemünden war eine Verkehrssituation, wie sie täglich etwa tausende Male auf Deutschlands Straßen vorkommt: Ein Fahrzeug blockiert eine enge Straße, ein entgegenkommendes Auto kann nicht passieren. So war es auch am 6. November 2018 in einem Ort im Raum Marktheidenfeld. Der 40-jährige ortsunkundige Fahrer eines Lkw hatte einem Kunden Ware auf einer Palette geliefert, dazu aber nicht in der breiten Straße vor der Firma gehalten, sondern in einer einmündenden schmalen Straße. 

    Das sagt der Angeklagte

    Nach dem Ausladen blieb der Fahrer in seinem Fahrerhaus und füllte in aller Ruhe die Ladepapiere aus, ungeachtet dessen, dass ein entgegenkommender VW Passat seinetwegen nicht weiter fahren konnte.

    Aus Sicht des Pkw-Fahrer entwickelte sich die Situation folgendermaßen: Dem Drängen des Pkw-Fahrers soll der Brummi-Fahrer mit der "Scheibenwischer-Geste" geantwortet haben. Nachdem der Geschäftsführer aus dem Passat ausgestiegen war, soll Lkw-Fahrer noch geantwortet haben, "der Lkw hat immer Vorfahrt" und weiter: "Ich bin Stabsfeldwebel außer Dienst und habe Recht", schilderte der Angeklagte die Situation. 

    Der Passat-Fahrer will ihn dann als "Stabsfeldwebel ohne Hirn" und als "dummen Menschen" bezeichnet haben. Nachdem der Lkw-Fahrer ausgestiegen war und kurz vor ihm stand, hat er diesen mit beiden Händen "auf Abstand gehalten". "Geschlagen hab ich ihn nicht", betonte der Passat-Fahrer mehrfach während der Verhandlung.

    So sah es der Geschädigte

    Der Brummi-Fahrer behauptete dagegen, sein Kontrahent wäre außen an den Tritten emporgestiegen und habe ihn am Pullover gepackt und nach unten gezogen. Auf der Straße habe der Lkw-Fahrer dann zwei Faustschläge ins Gesicht kassiert.

    Festzustellen, welchen Wert die beiden Aussagen haben, fiel dem Gericht sehr schwer. Schon aus dem Grund, weil der Geschädigte ehemaliger Soldat im Kriegseinsatz war und seitdem unter anderem an einer posttraumatischen Bewusstseinsstörung leidet. Einer "Entfremdung vom eigenen Körper", drückte es der Zeuge aus. Derzeit laufe auch das Rentenverfahren. Zudem befindet er sich in psychologischer und psychiatrischer Behandlung.

    Gericht zweifelt an Aussage des Geschädigten

    Als Lkw-Fahrer war der Geschädigte nur wenige Monate bei der Firma. Sein ehemaliger Fuhrparkleiter berichtete auch von Problemen am Arbeitsplatz, die der Fahrer hatte. Wörtlich bezeichnete er ihn als "guten Schauspieler" und einen Menschen, der "nicht immer die Wahrheit" sagt. Bei einem von ihm mit dem Lkw verursachten Unfall im Raum Miltenberg hatte er sich geweigert, seine Personalien anzugeben. Auf die Ankündigung, die Polizei zu rufen, hat er gesagt: "Ich war bei der NATO, wenn die Polizei kommt, die kann mich mal, die lege ich alle um". Auf Nachfrage erklärte der ehemalige Vorgesetzte, dass er es für möglich halte, dass sich sein früherer Fahrer die Verletzungen durchaus auch selbst zugefügt haben könnte.

    Der Polizeibeamte, der den Unfall zum damaligen Zeitpunkt aufgenommen hat, erklärte, dass der Lkw-Fahrer den Brummi nach dem Vorfall auch noch selbst eine kurze Strecke weggefahren hat, bevor er von Notarzt und Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht wurde.

    Verhandlung ist vorübergehend ausgesetzt

    Ursprünglich hatte der  Passat-Fahrer einen Strafbefehl über 12 000 Euro (150 Tagessätze zu 80 Euro) erhalten, gegen den er Einspruch erhoben hat. Dass dieses Strafmaß nach der durchgeführten Beweisaufnahme nicht mehr angebracht war, brachte Richterin Paczesny deutlich zum Ausdruck. Für eine gerechte Urteilsfindung müssten aber weitere Beweismittel erhoben werden. Dazu gehörte auch ein umfangreiches psychiatrisches Gutachten zum Zustand des Lkw-Fahrers.

    Deshalb schlug sie die Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage vor. Diesem Vorschlag wären der Angeklagte und sein Verteidiger auch bis zu einer Auflage von 3500 Euro gefolgt, "um die Sache aus der Welt zu schaffen". "Das wäre eine kaufmännische Lösung", so der Verteidiger. Der Staatsanwältin war das allerdings zu wenig. Nun ist die Verhandlung zunächst einmal ausgesetzt.

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    Bearbeitet von Herbert Hausmann

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