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    Gerchsheim

    Abiturient durfte mit Bundespräsident nach Polen reisen

    Lukas Stoy (Mitte) im Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler

    Unterwegs mit dem Bundespräsidenten: Lukas Stoy begleitete Frank-Walter Steinmeier nach Warschau. Dort nahm er als einer von drei Preisträgern des Geschichtswettbewerbs an der zentralen Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen teil. Der Abiturient des Tauberbischofsheimer Matthias-Grünewald-Gymnasiums hatte in seiner Arbeit Folgen des Zweiten Weltkrieges thematisiert.

    Lukas Stoy forschte für seinen Wettbewerbsbeitrag zu den Fluchterfahrungen seiner Großmutter, die nach Kriegsbeginn aus der Bukowina fliehen musste. Während der Reise nach Polen konnte der Abiturient auch dem Bundespräsidenten von seiner Forschungsarbeit berichten. Ziel der Reise war Lodz, wo Stoy auch Spielerinnen der deutschen und polnischen Volleyball-Nationalmannschaft traf, denen das Hotel während der Europameisterschaft als Quartier diente.

    Lukas Stoy hatte im Rahmen seiner Recherchen herausgefunden, dass seine aus der Nordbukowina stammende Großmutter Ingeborg Massier zwei Jahre in Lodz gelebt hat. "Das war ein schöner Zufall", so Stoy. Bezüge zur Familiengeschichte gab es auch an anderer Stelle. Auf der Speisekarte standen Piroggen und Borschtsch, Gerichte, die er aus Erzählungen über seine Urgroßmutter kannte.

    Die ganze Stadt auf den Beinen

    Nach einer einstündigen Autofahrt erreichte die Delegation am folgenden Tag Wielun. Die heute rund 23 000 Einwohner zählende Stadt wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges als erste bombardiert und durch deutsche Sturzkampfbomber weitgehend zerstört.

    Lukas Stoy nahm an der offiziellen Gedenkstunde teil, die mit Sirenen um 4.40 Uhr in der Nacht eröffnet wurde. In vorderster Reihe, gleich hinter dem Bundespräsidenten und Weltkriegsveteranen, konnte er die Zeremonie verfolgen. Und war beeindruckt. "Die ganze Stadt war auf den Beinen", erinnert er sich. Ungewohnt war für ihn das große Militäraufgebot. "So etwas kennt man bei uns nicht."

    Ganz dicht dran war Lukas Stoy auch, als der deutsche und der polnische Präsident Kränze am Denkmal für die Opfer niederlegten. Und staunte über das riesige Medieninteresse. Aus ganz Europa seien Pressevertreter zugegen gewesen. Als der Bundespräsident für die Kameras ungünstig gestanden sei, habe er seinen Platz wechseln müssen.

    Bundespräsident als guten Zuhörer erlebt

    Im Anschluss ging es nach Warschau. Lukas Stoy besuchte das multimediale Museum des Warschauer Aufstandes. Abends stand ein Konzert auf dem Programm. In Warschaus Großem Theater wurde Krysztofs Pendereckis Polnisches Requiem aufgeführt. Das Werk thematisiert Eckpunkte der polnischen Geschichte, die mit der deutschen so verwoben ist. Von dem Konzert zeigte Lukas Stoy sich sehr beeindruckt. Die atmosphärisch dichte Musik habe man mit filmischen Originalaufnahmen vom Zweiten Weltkrieg kombiniert. "Die Aufführung hat Spuren hinterlassen", so Stoy. Direkt nach dem Konzert wartete schon der Flieger zurück nach Berlin.

    Der Kurztrip hat Lukas Stoy nachhaltig geprägt, sagt er. Zweimal konnte er persönlich mit dem Bundespräsidenten sprechen und hat ihn dabei als sehr aufmerksamen Zuhörer kennengelernt. "Die Möglichkeit, mich mit dem Bundespräsidenten über meine Arbeit zu unterhalten, hat mich sehr begeistert und auch bewegt", erzählte Stoy nach seiner Rückkehr aus Polen.

    Großen Respekt hat er vor dem Arbeitspensum des Bundespräsidenten. "Von früh bis spät steht er im Blickpunkt der Öffentlichkeit." Dass das umfangreiche Programm anstrengt, lässt er sich, so Stoys Eindruck, nicht anmerken. Die Reise hat ihm auch eine neue Perspektive auf seinen Wettbewerbsbeitrag ermöglicht: "Ich habe erkannt, dass nicht nur meine Familie, sondern ganz Europa durch Hitler­-Deutschland Leid in Form von Flucht, Vertreibung und Deportation erfahren musste. Insbesondere in Polen, wo auch meine Familie nach der Flucht aus der Bukowina angesiedelt worden war."

    Mit seiner Wettbewerbsarbeit will Lukas Stoy auch einen Beitrag zur Erinnerung leisten. Das Fazit des Preisträgers: "Das Wichtigste, das ich aus dieser Reise mitnehme ist, dass das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät. Das unendliche Leid, das viele Menschen ausgehend von den Deutschen ertragen mussten, wird nicht verschwiegen, sondern immer wieder in Erinnerung gerufen.“

    Lukas Stoy (links) bei der Gedenkfeier in Wielun Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler

    Ulrich Feuerstein

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