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    Bad Königshofen

    Familientragödie über das Verschwinden eines Vaters

    Tobias Endres, der sein erstes Drama veröffentlicht hat. Foto: Feuerstein

    Tobias Endres hat sich als Regisseur über die Region hinaus einen Namen gemacht. Seit vielen Jahren setzt sein Theater Relatief mit modernen Inszenierungen gesellschaftskritischer Stücke Maßstäbe in der hiesigen Kulturszene. Jetzt ist er unter die Autoren gegangen. Mit "hilde brennt" legt Tobias Endres sein erstes Drama vor.

    Am Anfang war das Scheitern. "Ich wollte ein offenes Textprojekt starten", sagt Tobias Endres. Unterschiedliche Autoren sollten gemeinsam Ideen entwickeln, aus denen dann ein Drama entsteht. "Das hat nicht funktioniert", räumte Endres ein. Nach kurzer Zeit sei er der Einzige gewesen, der an dem Projekt noch gearbeitet habe.

    Dann eben allein. Morgens um fünf Uhr habe er sich an den Schreibtisch gesetzt und sich darauf eingelassen, wohin die Geschichte ihn trägt. Im richtigen Leben ist der 44-Jährige Studiendirektor am Matthias-Grünewald-Gymnasium in Tauberbischofsheim.

    Flucht in Mittelalterphantasien

    "hilde brennt" ist eine Familien- und Gesellschaftstragödie. Ein Vater kehrt nicht nach Hause zurück, steigt aus und verweigert sich der überlieferten Tragödie. Seine Abwesenheit wird zum Konvergenzpunkt der Sehnsüchte, Einsamkeiten und Verlassensängste der Zurückgelassenen und ihrer bisweilen tragisch-komischen Versuche, mit dieser Leerstelle zurechtzukommen.

    Während die Wut der Tochter auf den abwesenden Vater ins Leere zielt, verliert sich die Mutter in ihren projizierten Sehnsüchten. Friedrich, der Sohn, flieht in Mittelalterphantasien. Das Hildebrandslied kommt hier ins Spiel. Das früheste Textzeugnis in deutscher Sprache liefert die Folie und den mythologischen Hintergrund, vor dem sich die Tragödie abspielt.

    "Das Stück wirft die Frage auf, wie eine Gesellschaft auf den Verlust ihrer Helden und Mythen reagiert", erzählt Tobias Endres. Die archaische Gewalt und die Verrohung der verschworenen Jägergemeinschaft machen seiner Meinung nach deutlich, dass das Haltbarkeitsdatum ihrer überlieferten Glaubenssätze längst abgelaufen ist.

    Viel Anerkennung für sein Werk

    "hilde brennt" nennt sich Komödie. Die Lektüre erweist sich als wilder Ritt an der Grenze zwischen Gegenwart und grauer Vorzeit, eine irrwitzige Reise von der Sofaritze über mittelalterliche Schlachtfelder zum Ausbeinkeller. Die Familientragödie um einen verschwundenen Vater weitet sich zum Gesellschaftsdrama aus, als das gesamte Dorf zur Suche aufbricht. Verrohung und Gewalt schießen, so Endres, ins Kraut und die Weltenesche wächst durch die Eigenheime. Schließlich wuchern die Sofas und ein Aphasiker gerät ins Stück, wodurch die Suche endgültig eskaliert. Am Ende muss jeder Zuschauer für sich entscheiden, wie er das Stück zu Ende erleben möchte – auch das althochdeutsche Hildebrandslied reißt an der entscheidenden Stelle ab.

    Viel Anerkennung für Endres Erstlingswerk gibt es aus berufenem Munde. "Es gibt so viel Humor darin, und zwar, und das ist ja so selten, tatsächlich guten", versichert Wolfram Lotz. Der derzeit wohl renommierteste deutschsprachige Dramatiker hat den Entstehungsprozess des Dramas begleitet.

    Tobias Endres‘ Dramendebüt liegt mittlerweile in gedruckter Fassung vor. Ab sofort ist das im Eigenverlag veröffentlichte Werk erhältlich bei "Schwarz auf Weiß" in Tauberbischofsheim sowie "Moritz und Lux" in Lauda und Bad Mergentheim.

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