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    TAUBERBISCHOFSHEIM

    Zwischen Ghetto und Germanen

    Hüne mit wuchtiger Statur: Comedian Abdelkarim beherrschte die Bühne im ausverkauften Tauberbischofsheimer Engelsaal. Foto: Ulrich Feuerstein

    Migranten aus Nordafrika haben bei uns seit einiger Zeit keinen besonders guten Ruf, und das mag auch ein Grund dafür sein, dass die meisten einem Typen, der so aussieht wie der Comedian Abdelkarim, wohl lieber nicht allein auf dem Bürgersteig begegnen möchten, besonders nicht bei Dunkelheit. Der gut zwei Meter hohe Hüne mit der wuchtigen Statur, dem kahlgeschorenen Schädel und dem feschen Harald-Glööckler-Bart, von marokkanischer Abstammung und im westfälischen Bielefeld aufgewachsen, wirkt ja auch wirklich einigermaßen einschüchternd und furchteinflößend: Ein Machthaber, bei dem es nicht so wichtig ist, auf welcher Seite er nun steht, der guten oder der bösen, Dealer oder Streetworker, Bulle oder Zuhälter, ein Boss, der die kleine Bühne im seit langem ausverkauften Engelsaal allein schon körperlich beherrscht, auch und gerade wenn er sich mit bärenhaften und gelassenen Ruhe und Behäbigkeit darauf hin- und herbewegt.

    Gar nicht behäbig, sondern blitzschnell und hellwach ist er freilich mit dem Mundwerk, das ganz nach einem gemischtrassigem Bielefelder Problemviertel (woher hat diese Stadt eigentlich ihren miesen Ruf?) klingt, allerdings mehr germanisch als afrikanisch, mit einer hellen, leicht heiser und bissig klingenden Stimme, die urplötzlich zuschnappen kann, manchmal auch in ein etwas schnuddelig-undeutliches Stakkato verfällt.

    „Zwischen Ghetto und Germanen“ heißt der Titel seines gerade auslaufenden Programms, und es ist unschwer zu erraten, was hier alles angesprochen wird, die Lebenssituation der Menschen mit „Migrationshintergrund“ in ihrer „Parallelwelt“ in jener vagen Zwischenwelt zwischen Anpassung und Abschottung, äußerlicher Integration und innerer Identitätssuche, vor allem wenn man - wie die große Mehrzahl – als Muslim in einer halb-säkularen, halb noch christlich geprägten Umwelt seinen eigenen Standort suchen muss.

    Davon weiß der Nachkomme marokkanischer Einwanderer, der vielbeschäftigte und mehrfach preisgekrönte Comedian vom Jahrgang 1981 eine Menge zu erzählen und verständlicherweise liegt dabei der Schwerpunkt auf den komischen und lustigen Aspekten seiner Biografie, auf der Skizzierung der kulturellen Gräben und Missverständnisse, der Vorurteilen und Voreingenommenheiten von beiden Seiten – Germanen und nichtgermanischen Ghettobewohnern. Köstlich porträtiert: ein gewisser Ali, ein angeblicher Bekannter oder Kumpel des Erzählers, ein Kleinkrimineller mit großem physischen Selbstbewusstsein und ebenso großem intellektuellem Nachholbedarf. Wie er an einer Stelle erwähnt: Weniger der Witz selbst – gut oder weniger gut – sondern die „Performance“ zählt nach Comedy-Standards, und hier hat der Performer des Abends einiges zu bieten mit seiner ungewöhnlichen Präsenz und Geistesgegenwart und seinen lapidaren Pointen, die oft mit einem gewissen Zeitzündereffekt versehen sind.

    So gibt er – ironisch mit Klischees spielend – rassen- und klassentypische Erlebnisse mit Polizeikontrollen zum Besten (so erinnert er sich, dass er früher nur dann nicht kontrolliert wurde, wenn irgendwo noch ein Schwarzer in der Nähe war, der offenbar noch verdächtiger aussah) und dann jede Menge Erinnerungen an die Kindheit und Jugend seiner Generation in Bielefeld (inzwischen lebt Abdelkarim in der Rumänenhochburg Duisburg). Dabei wird immerhin deutlich, dass die Jugend eines in den 90er Jahren in Deutschland aufgewachsenen muslimisch-marokkanischen Migrantenkindes von der seiner germanischen Altersgenossen nicht ganz und gar so verschieden war, wie man zunächst denken möchte. Merkels „Wir schaffen das“ – an diesem Abend erschien es einmal nicht mehr ganz so unwahrscheinlich wie vor Monaten...

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