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    Gerchsheim

    Steinfund im Sellinger Wald gibt Rätsel auf

    Am früheren Geleitweg von Würzburg nach Tauberbischofsheim wurde eine rätselhafte Steinanordnung gefunden. Das Landesdenkmalamt hat eine Sperrung des Gebietes veranlasst.
    Ein Rätsel gibt diese Steinanordnung im Gebiet zwischen Großrinderfeld und Gerchsheim auf. Wahrscheinlich handelt es sich um einen 'Zollstock' mit Hinweistafel an der alten Geleitstraße.
    Ein Rätsel gibt diese Steinanordnung im Gebiet zwischen Großrinderfeld und Gerchsheim auf. Wahrscheinlich handelt es sich um einen "Zollstock" mit Hinweistafel an der alten Geleitstraße. Foto: Matthias Ernst

    Ein schräg stehender Buntsandsteinklotz, der im Sellinger Wald in der Nähe der offiziellen Gemarkungsgrenze von Gerchsheim und Großrinderfeld liegt, gibt Rätsel auf. Entdeckt hat ihn Walter Kees, Mitglied im Heimat- und Kulturverein Großrinderfeld sowie der Arbeitsgruppe "Geleitstraßen".

    Was Kees auffiel: Im Umfeld des Steins befindet sich ein weiterer massiver Steinbrocken, von 80 mal 90 Zentimetern, bei einer Tiefe von etwa 40 Zentimetern. Der Steinbrocken hat damit ein Gewicht von mindestens 650 Kilogramm. Oben in der Mitte weist er eine eingehauene rechteckige Mulde auf. Da der stehende Stein exakt in die Vertiefung hineingesteckt werden könnte, dürfte es sich bei dem freigelegten Stein um den Sockel des stehenden Steines handeln, vermutet Kees. "Eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches", so Kees. "Immer, wenn ein neuer Grenzstein gesetzt wurde, ließ man in der Vergangenheit die bisherigen einfach stehen."

    Doch wieso wurde der Stein einst aus seinem Sockel genommen - nur um ihn dann sorgsam direkt dahinter wieder aufzustellen? Sorgsam auch deshalb, weil er an seinem neuen Standort ringsum mit flachen Kalksteinen umrandet und verziert wurde. Eine Vermutung ist, dass er so symbolisch "außer Dienst" genommen wurde.

    Experten sind ratlos

    Auch Experten, unter anderem von den Landesdenkmalämtern von Baden-Württemberg und Hessen sowie vom Deutschen Zollmuseum, konnten auf Nachfrage der Redaktion bisher keine Angabe zur exakten Funktion des Steinfunds machen. Die Vermutungen gehen von einem Zollstock (Zolltafel) über einen Schlagbaum, von einem Poller bis zu einer Armsäule (ein alter Wegweiser, in dessen Einkerbungen oben hölzerne, beschriftete Arme eingesteckt waren) oder einem Zigeunerstock, der auf mögliche Strafen bei Vergehen hinwies.

    Welche Funktion der Stein auch immer hatte, es muss offensichtlich eine sehr wichtige gewesen sein. Zudem muss es von großer Bedeutung gewesen sein, dass er exakt an seinem Standort blieb, was der gewaltige, nahezu überdimensioniert wirkende Sockel zeigt. Die zwei Steine, die zusammen über 750 Kilogramm wiegen dürften, müssen mit großem Aufwand kilometerweit transportiert worden sein.

    Alte Fernstraße durch Großrinderfeld

    Zum Hintergrund: Geleitstraßen, wie die bei Großrinderfeld, waren die Autobahnen des Mittelalters. Als sichere Wege für Kaufleute mit ihren Waren führten sie quer durch Deutschland. Bis mindestens ins achte Jahrhundert lassen sich Nachweise in Großrinderfeld über die Existenz dieser Fernstraßen finden. Hier wurden neben Waren auch die Reichsinsignien von Nürnberg nach Frankfurt transportiert, wenn ein neuer Kaiser gekrönt werden sollte.

    An den Übergabepunkten von Geleitstraßen, also an Gebietsgrenzen, gab es sogenannte "Zollstöcke" oder "Zigeunerstöcke". Dabei hat der Zollstock nichts mit dem Maßstab heutiger Prägung zu tun, sondern war ein Hinweis auf den in der nächsten Ortschaft zu entrichtenden Zoll. Das Grenzgebiet des heutigen Bayern und Baden-Württemberg war bereits im Mittelalter eine Herrschaftsgrenze, allerdings zwischen dem Gebiet von Churmainz und dem Hochstift Würzburg.

    Die alten Geleitstraßen führten meist auf Höhenzügen direkt von einer Ortschaft in die nächste, in diesem Fall von Würzburg kommend über Kist, das Forsthaus Irtenberg, Gerchsheim und Großrinderfeld nach (Tauber)Bischofsheim. Ausgangspunkt der Geleitstraßen in der Region war entweder Nürnberg oder Augsburg.

    Einzelreisende mussten im Mittelalter Zoll zahlen

    Um Geleitschutz zu erhalten, zahlten fahrende Kaufleute im Mittelalter eine Art Geleitgeld an die jeweiligen Herrscher und wurden dafür von bewaffneten Truppen begleitet. Meist war mit diesen Zahlungen auch der notwendige Zoll abgedeckt.

    Einzelreisende mussten rechtzeitig darauf hingewiesen werden, dass sie in der nächsten Siedlung Zoll zu zahlen hatten. Dies zeigten auf den Geleitstraßen sogenannte "Zollstöcke" an, also Stelen mit Tafeln mit dem jeweiligen Tarif. Das Gebiet, in dem der rätselhafte Stein gefunden wurde, trägt noch heute den Flurnamen Zollstock; das Gebiet nebenan heißt "Brücklein", weil es früher eine Brücke über einen Wasserlauf des oberhalb gelegenen Sumpfgebietes gab.

    Walter Kees versucht, die Inschrift des Steins zu entziffern.
    Walter Kees versucht, die Inschrift des Steins zu entziffern. Foto: Matthias Ernst
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