• aktualisiert:

    Bad Neustadt

    30 Jahre Mauerfall: Wo sind die wahren Interpreten des Geschehens?

    Der Mehlwurm, das Meininger Theater und der Fall der Mauer von vor 30 Jahren, Teil 2 - Feuilletonistische Erinnerungen an den Mauerfall von unserem Autor Siggi Seuß.
    Zeit-Dokument von 1990: Das „Wunder von Meiningen“ beginnt. Der Große Saal des Meininger Theaters ist fast bis zum letzten Platz gefüllt mit Theaterfreunden aus Thüringen, Franken und Hessen. Aufgezeichnet wurde damals die DDR-Unterhaltungssendung „Showkolade“ mit Gunther Emmerlich. Foto: Siggi Seuß

    Die Resonanz auf   die satirische Mehlwurmbetrachtung „Der Kannibalismus hält sich in Grenzen“ in der Wochenzeitung DIE ZEIT im April 1990 überraschte. Mehlwurmforscher Benedikt aus Mellrichstadt wurde von Frank Elstner angerufen und hätte es fast in dessen Samstagabendshow „Nase vorn“ geschafft. Er wurde in der WDR-Radioquizsendung „Quatsch mit Soße“ vorgestellt. Ein Fernsehbeitrag für eine Wissenschaftssendung von Radio Bremen entstand und in einer der letzten Tagungen der DDR-Volkskammer echauffierten sich Abgeordnete darüber, dass die Lage der Nation nun schon auf zoologischem Niveau behandelt werde.

    Spannungsbogen zwischen einem "Jugend forscht"-reifen Projekt und Realsatire

    Die mediale Aufmerksamkeit hätte Benedikt schmeicheln können, wenn die Mitschüler seine Augenblicksprominenz nicht mit Spott überzogen hätten. Weder sie noch die Klasslehrer wussten einen Bogen zwischen diesem „Jugend forscht“-reifen Projekt und seiner realsatirischen Interpretation zu spannen. Darunter litt der Junge lange Zeit. Hätten seine Altersgenossen damals geahnt, was aus Einzelgängern, die in Garagen irgendwelche verrückte Sachen zusammenbastelten, werden konnte, wären die Reaktionen wahrscheinlich anders ausgefallen. Aber zu dieser Zeit hießen die Außenseiter noch nicht Nerds, und vor allem nicht Steve Jobs oder Mark Zuckerberg, sondern waren nur komische Vögel, über die man gerne den Kopf schüttelte.

    Das war der unschöne Nebeneffekt der gesamtdeutschen Wurmsatire. Weil Benedikt seiner Zeit einen Tick zu weit voraus war, konnte aus ihm leider kein Multimillionär werden, der seinen Reichtum dem Aufbau eines Imperiums von Zuchtfarmen für Euromehlwurm-Delikatessen verdankte. Dafür wurde er Ingenieur.

    In der Rückschau: Viele Zeitzeugen West, wenige Zeitzeugen Ost

    Da auch im Jahre 2019 die Beziehungen zwischen Mensch und Wurm nicht hinreichend erforscht sind, verbietet sich weiterhin jede Übertragung der Lebensweisen des Tenebrio molitor auf das Verhalten des Homo sapiens germanicus. Ähnlichkeiten müssen als rein zufällig eingestuft werden, inspirieren jedoch zu der Frage, warum manch heutige Darstellungen der Ereignisse im Umfeld des Mauerfalls aus westlicher Sicht keinen Vergleich mit dem forschen Verhalten des Mehlwurms West von damals zu scheuen brauchen.

    Neulich, zum Beispiel, war ich zu einer Veranstaltung (West) geladen. Zeitzeugen (West) der Ereignisse im November 1989 sollten am Podium über ihre Erfahrungen berichten. Zeitzeugen (Ost) wurden dabei nicht gesichtet. Und so entstand der Eindruck, als seien wir - Journalisten und gesamtdeutsch engagierte Bürger (West) - damals die wahrhaftigen Interpreten des Geschehens gewesen. Waren wir etwa die Helden an vorderster Front? Schließlich berichteten  wir live von den Schauplätzen, nahmen nach Mitternacht die ersten grenzüberschreitenden Trabbis ins Visier, folgten in den kommenden Monaten unermüdlich den Wahnsinnsbekundungen und legten weiterhin die Unmenschlichkeit des DDR-Grenzregimes offen.

    Warum kommt das Aufbegehren mutiger Menschen in der DDR oft zu kurz?

    Natürlich gehörte damals und gehört heute eine umfassende Dokumentation aller Facetten des Bankrotts eines Unrechtsstaates zu einer wahrhaftigen Geschichtsschreibung. Die ehrenwertesten Elemente der Veränderung jedoch – das Aufbegehren mutiger Menschen in der DDR und das Geschehen hinter den sichtbaren Ereignissen - kommen dabei häufig zu kurz, besonders in lokalen Adabei-Berichten. Die Attraktionen hingegen und der unverhoffte Bedeutungszuwachs westlicher Beobachter geraten übermäßig in den Vordergrund.

    So kam es bei dieser Gedenkveranstaltung hinter der Bühne unter Podiumsteilnehmern zu einem regelrechten Wettbewerb über das Ausmaß der über sie verfassten Stasiakten. „Ich hab 250 Seiten.“  „Und ich 500.“ „Was, nur 500? Bei mir sind's 1500 Seiten!“ Oder, noch so ein Beispiel für Selbstüberschätzung (West): Die Geschichte des Skulpturenparks an der ehemaligen Übergangsstelle Eußenhausen/Henneberg. Obwohl es wahrlich genügend exzellente bildende Künstler links und rechts der Landesgrenze gibt, nutzt seit Jahr und Tag nur ein Ausnahmekünstler West den Ort zur Selbstdarstellung seiner schier unerschöpflichen Vereinigungssymbolik.

    Ein Beispiel vom Aufbauwerk Ost, die Sektion Meininger Theater 1990. Foto: Siggi Seuß

    Kein Wunder also, dass die Erinnerungen an die Abende im Meininger Theater der frühen 1990er-Jahre wie Balsam auf der Seele wirken. Trotz Glücksrittern und Spekulanten, die sich nach dem Mauerfall Richtung Osten aufmachten, um die Dinge nach ihren Interessen zu richten - trotz der überwältigenden Dominanz westlichen Know-Hows - blieb das Meininger Theater einige Jahre so etwas wie ein Versuchslabor für ein Dritter-Weg-Experiment, in dem die Erfahrungen der Theaterleute aus dem Osten mehr als nur wertgeschätzt wurden. Mit schwer sentimentalem Zungenschlag beschrieb ich denn auch zehn Jahre danach die erinnerte Theateratmosphäre Anfang der 1990er-Jahre:

    Zweitaktergemisch und das Aroma der Braunkohle lagen in der Luft

    „Ich sehe ein graues Gebäude an einem nebelgrauen Herbsttag, rieche Minol und Zweitaktergemisch und das Aroma der Braunkohle, die haufenweise auf Einlagerung wartet. Ich spüre, rieche und höre mehr als ich sehe. Ich spüre die Kälte draußen, die Wärme drinnen, das Knistern in der Luft – das Theater als bedrohlicher und bedrohter Ort: Dort, wo Narren wenigsten einige Wahrheiten über Herrscher und Untertanen offen aussprechen konnten. Ich rieche Düfte in den Gängen, Treppenhäusern, Sälen: Schweiß und Staub und Mottenkugeln und Parfüm und Lysolreiniger und Bohnerwachs und irgendwoher auch Plaste und Elaste. Ich rieche den Duft von Bratfett, der sich in den Ritzen der Holzpaneele in der Kellerkantine festgesetzt hat. Ich höre ein Gewirr von Geräuschen draußen, die Trabis und Wartburgs und Motorräder, die auf der August-Bebel-Straße vorbeiknattern, drinnen plaudernde Stimmen von Premierengästen, ein paar Lacher dazwischen, Gläserklingen. Ich höre jazzige Klavierrhythmen in der verrauchten Kantine, lautstarkes Gelächter, Verbrüderungsgespräche im fortgeschrittenen Stadium, Visionen, ausdiskutiert bis zum letzten Becher Wein. Wenn das hier unten die Wirklichkeit von dort oben hätte sein können – das Theater und sein Staat wären schon vor dem Herbst 1989 andere gewesen.

    Es sind Tage, in denen nicht nur Aufbauhelfer, Abwickler, Glücksritter und Blender von West nach Ost unterwegs sind, sondern auch neugierige Kulturtouristen. Sie finden hinter den sieben Bergen ein prachtvolles Theater mit bewegter Geschichte. Sie finden ums Überleben kämpfenden Theaterleute und einen permanent optimistischen Hausgeist, der immer irgendwo herumspukt, wo man ihn nicht vermutet. Der flüstert jedem Vorübereilenden ins Ohr: „Jetzt erst recht! Die Leute finden das Theater und sie besetzen es nach und nach mit Freude.“

    Siggi Seuß in der Bühnenbildnerei des Meininger Staatstheaters mit seiner Reportagen-Sammlung zum Wunder von Meiningen. Foto: Dominika Mitrovic

    Als eine von ganz wenigen bedeutenden ostdeutschen Institutionen blieb das Meininger Theater in Regie gelernter DDR-Bürger, künstlerisch und geschäftlich. Und als sich mit der Zeit der Große Saal des Hauses mit Theaterfreunden aus Thüringen, Franken und Hessen füllte und die Abozahlen in ungeahnte Höhen schnellten, begann das, was die nationalen Medien „Das Wunder von Meiningen“ nannten. Der Kern dieses Wunders - und gleichzeitig sein Motor - war der anarchische Zustand draußen im Lande und drinnen im Haus. Chaos – kreativ oder auch nicht - allerorten. Unvergessen der Satz des damaligen Intendanten Ulrich Burkhardt: „Ich denke, wir werden uns an diese Jahre erinnern. Es werden die aufregendsten unseres Theaterlebens gewesen sein. Wenn dann alles wieder in seinen geregelten Bahnen ist, wenn es, zum Beispiel, einen Etat gibt, in dem vermerkt steht: 'Du darfst soundsoviel Geld ausgeben für Frauenruheräume und für die Anschaffung von Handtüchern' - na dann: Gnade uns Gott!“

    Und siehe da: Der Kannibalismus hielt sich in Grenzen

    So schlich sich tatsächlich ein wohliges Gefühl in die wiedervereinigten Theaterfreunde: „So soll es sein!“ Besonders dann, wenn es im Theatersaal dunkel wurde und das Spiel auf den Brettern Ost und West gemeinsam verzauberte. Damit näherte sich, wie's der Zufall wollte, das gemischte Theatervölkchen dem an, was bereits das vereinte Mehlwurmvolk auszeichnete: Selbstdisziplin und ein ausgeglichenes Verhältnis von Wurm, Puppe und Käfer. Und siehe da: Der Kannibalismus hielt sich in Grenzen.

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!