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    Meiningen

    Am Ende war alles Musik

    „Mein Leid, so drückend.“ Clara Schumann, Johannes Brahms und ihr Alter ego: Anne Ellersiek, Carolina Krogius, Giulio Alvise Caselli und Ondrej Šaling (von links). Foto: Marie Liebig

    Die ersten Rauchschwaden aus der Nebelmaschine wabern über die Bühne. Wir schreiben Sommer 1885. Auf dem Bahnhof des steirischen Provinznests Mürzzuschlag wartet Johannes Brahms auf seine große, ungelebte Liebe Clara Schumann, hin- und hergerissen von Wunsch und Wirklichkeit.

    So beginnt eine Zeitreise zweier Liebender, die nie so zueinanderfanden, wie sie es sich in ihren Fantasien wünschten. Und so beginnt mit dem Titel „Herzschrittmacher“ ein Liederabend in den Meininger Kammerspielen, der den Kritiker und seinen ihn begleitenden Freund erst einmal voneinander entfernt, bevor sie sich wiederfinden.

    Denn der Schreiber zückt, während die Schwaden bereits das Publikum umhüllen, seinen Stift, um sich ein paar Worte aus den folgenden achtzehn Liebeslied-Walzern und fünfzehn Neuen Liebesliedern von Brahms zu notieren. Schließlich möchte er verstehen, von welchem Herzensleid die Liebenden geplagt werden. Die Sopranistin Anne Ellersiek (Clara), die Altistin Carolina Krogius (Claras Alter ego), der Tenor Ondrej Šaling (Johannes) und der Bass Giulio Alvise Caselli (Johannes' Alter ego) werden die Lieder in einer szenischen Fassung von Operndirektorin Corinna Jarosch zu Gehör bringen. Virginia Breitenstein und Henri Bonamy begleiten die Szenen vierhändig am Flügel, während Peter Bernhardt als Erzähler die kurze, intensive Begegnung mit Klaus Funkes Novelle „Am Ende war alles Musik“ untermalt.

    Herz und Verstand im Widerstreit

    Während der Kritiker sich also bemüht, dem Sinn der Worte nachzuspüren, lehnt sich der Freund zurück und lässt sich vom Wohlklang des Gesangs berauschen und von den bewegten Bildern, die Johannes und Clara, samt ihrem Alter ego, auf der Bühne in stetig wechselnden Konstellationen lebendig werden lassen. Der Kampf um das Verständnis der Worte geht bald verloren. Obwohl die Sänger direkt vor dem Publikum agieren, sind nur vereinzelte Satzfetzen zu verstehen: „Mein Leid, so drückend … die Welt, so voller Lust.“

    Der Schreiber ist gerade dabei, das zu verpassen, was seinen Begleiter fasziniert, der nicht auf Worte hört, sondern dem steten Wechsel der Gemütsstimmungen auf der Bühne folgt. Clara und Johannes lassen in diesen wenigen Stunden des Zusammenseins ihr Lieben über Jahrzehnte Revue passieren – auch ihre Liebe zu Robert Schumann. Corinna Jarosch hat die Facetten dieser Beziehung in schlichter, lichtspielerischer Ausstattung von Helge Ullmann, in zwölf Szenen gefasst, in denen sie die begleitende Erzählung mit den Liebesliedern verknüpft. So werden in Gesten, in Mimik und Bewegung und in der Tönung des Gesangs die Stimmungen sichtbarer als in den Worten der Liebeslieder: die Hoffnung, die Sehnsucht, das Zerrissensein, Zweifel und Selbstzweifel, die Angst vor den eigenen dunklen Seiten, vor der Zukunft, vor dem Tod – und immer wieder diese verzehrende Sehnsucht.

    Der große Trost am Ende: „Worte sind es nicht – es ist die Musik.“ All das, was sich nicht in Worten und Taten leben ließ, findet sich in der Musik dieser Geistesgeschwister. „Heilen könnet die Wunden ihr nicht, die Amor geschlagen; aber Linderung kommt einzig, ihr Guten, von euch“ heißt es in der letzten Szene, der Brahmschen Vertonung eines Goethegedichts. So getröstet reist Brahms mit seiner Vierten Sinfonie in der Aktentasche zur Uraufführung nach Meiningen.

    Nächste Vorstellungen: 31. Mai und 14. Juni, jeweils 19:30 Uhr. Kartentelefon 03693-451 222. www.meininger-staatstheater.de

    „Mein Leid, so drückend.“ Clara Schumann, Johannes Brahms und ihr Alter ego: Giulio Alvise Caselli, Anne Ellersiek, Carolina Krogius, und Ondrej Šaling (von links). Foto: Marie Liebig

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