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    Mellrichstadt

    Autonomes Fahren: Mellrichstadt könnte profitieren

    Wie wird autonomes Fahren die Mobilität der Bürger in und um Mellrichstadt verändern? Bei der Vorstellung der wissenschaftlichen Arbeit der Studenten der Hochschule für Technik Stuttgart diskutierten die Bürger mit den jungen Leuten ihre Zukunftsvisionen. Foto: Simone Stock

    Die Menschen im Streutal setzen aufs Auto, wenn es um Fortbewegung geht. Ohne wird es ziemlich schwierig, allein schon, wenn eine Familie aus Mühlfeld nach Mellrichstadt ins Schwimmbad kommen möchte. Wer kein Auto hat, ist im ländlichen Raum leicht abgehängt. Hier könnte autonome Mobilität eine Zukunftsperspektive sein, sind die Freien Wähler Mellrichstadt mit ihrer Vorsitzenden Sabine Buß überzeugt.

    Um jetzt schon die Weichen zu stellen, wenn das autonome Fahren Schritt für Schritt Realität wird, haben die Freien Wähler mit Professor Lutz Gaspers einen Experten an der Hand, der sich an der Hochschule für Technik Stuttgart intensiv den Themen Mobilität und Verkehr widmet und an Lösungen mitarbeiten will. Gemeinsam mit einer Gruppe Studenten hat er mittel- und langfristige Szenarien ausgearbeitet zur Fragestellung: „Welche Auswirkungen hat die Einführung des autonomen Fahrens auf Mellrichstadt und Umgebung?“

    Würden Sie sich in ein Auto setzen, das selbstständig fährt?

    Im Frühjahr waren 19 Kommilitonen der Studiengänge Bauingenieurwesen und Infrastrukturmanagement drei Tage lang in Mellrichstadt und Umgebung unterwegs und haben eine Umfrage durchgeführt, die Aufschluss auf Fragen geben sollte wie "Wie oft nutzen Sie das Auto?" und "Würden Sie sich in ein Auto setzen, das selbstständig fährt?" Aufgeteilt in fünf Gruppen, stellten die jungen Forscher am Freitagnachmittag ihre Ergebnisse in der Markthalle vor und diskutierten am Ende lebhaft mit den Besuchern, wie die Mobilität auf dem flachen Land in der Zukunft aussehen könnte.

    Professor Lutz Gaspers von der Hochschule für Technik Stuttgart (links) überreichte Michael Kraus von den Freien Wählern Mellrichstadt den Entwurf der wissenschaftlichen Arbeit seiner Studenten zum Thema "Autonome Mobilität im ländlichen Raum". Das abschließende Manuskript soll folgen. Foto: Simone Stock

    Wohlgemerkt: könnte! "Wir sind keine Wahrsager", machte Lutz Gaspers gleich zu Beginn deutlich. Dennoch lohne sich ein Blick in die Zukunft. "Wir stehen vor einer vierten industriellen Revolution, mit der ein grundlegender Wandel in der Mobilität und im Siedlungswesen bevorsteht", ist sich der Professor sicher. Ob beim Einkaufen, in der Freizeit oder im Beruf: Welche Veränderungen könnten sich durch das autonome Fahren ergeben? Wie kann sich dadurch die Mobilität der Mellrichstädter verbessern?

    Mobil und flexibel ohne eigenes Auto

    Michael Kraus von den Freien Wählern gab ein Beispiel. "Ich muss zum Arzt und rufe ein Auto, das zwei Minuten später vor meinem Haus steht und mich zur Praxis bringt. Dabei zahle ich nur für das, was ich in Anspruch nehme." Man braucht also kein eigenes Auto mehr und ist in der näheren Umgebung mobil und flexibel. Das hört sich gut an. Doch nicht alle Zuhörer verstanden den Kern der Studie auf Anhieb. Fragen nach einer Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs wurden laut. Das jedoch steht auf einem anderen Blatt.

    "Das Projekt zielt darauf ab, die Leute aus den Dörfern mehr an die Stadt anzubinden", machte zweiter Bürgermeister Thomas Dietz deutlich. Autonomes Fahren soll ermöglichen, dass sich die Menschen auch ohne eigenes Auto treffen können, bequem und ganz nach individuellem Bedarf. Dass die Bürger dem recht offen gegenüberstehen, beweist die Umfrage, wonach sich 45 Prozent der Mellrichstädter in ein Fahrzeug setzen würden, das von selbst fährt. 

    Mellrichstadt will Modellstadt für autonomes Fahren werden

    Freilich ist das autonome Fahren heute noch Zukunftsmusik. Doch in 20 bis 30 Jahren könnte es Realität werden. Dass die Freien Wähler jetzt schon eine Studie angestoßen haben, hat einen Hintergedanken, der sich auszahlen könnte, wie Michael Kraus verriet. Wenn das Thema "Autonome Mobilität im ländlichen Raum" aktuell wird, will sich Mellrichstadt als Pilotprojekt bewerben, um Förderung zu erhalten und als attraktive ländliche Region zu punkten. "Hierfür soll die wissenschaftliche Arbeit eine Grundlage bilden", machte Kraus deutlich.

    "Man muss auch mal in andere Richtungen denken": Die Vorsitzende der Freien Wähler Mellrichstadt, Sabine Buß, bedankte sich bei den Studenten für ihre Untersuchungen zur Mobilität von morgen in und um Mellrichstadt und die Denkanstöße für die Zukunft. Foto: Simone Stock

    Die Studentengruppe, die sich dem Thema Mobilität und Freizeit gewidmet hatte, brachte auf den Punkt, was derzeit Realität ist: Nahezu jeder junge Mensch hier ab 18 hat ein eigenes Auto, um unabhängig mobil zu sein. Dies wird sich auch bei teil-autonomen Angeboten nicht ändern, so die Studenten. Sobald es jedoch voll-autonome Fortbewegungsmittel gibt, sähe die Sache anders aus: "Dann gibt es Bewegungsfreiheit für alle."

    Weckt autonomes Fahren eine neue Lust aufs Land?

    Ähnliches Bild bei der Arbeitsgruppe Soziales: Wer zum Arzt oder zu einer Behörde will, fährt derzeit zumeist selbst mit dem Auto hin. Ebenso beim Einkauf: Die Mellrichstädter sind laut Studie mit dem Angebot an Einkaufsmöglichkeiten in ihrem Raum zufrieden, würden es aber auch annehmen, wenn sie künftig via App bei einem Lieferdienst bestellen könnten, der die Einkäufe bequem nach Hause bringt. Beim Schulverkehr könnten autonome Busse etwa bei Freistunden für einen flexiblen Schülertransport sorgen. Und für Pendler böte das autonome Fahren eine Entlastung, da der Fahrer seine Aufmerksamkeit nicht mehr dem Verkehr widmen muss.

    Klar ist dabei aber auch: Für das voll autonome Fahren in der weiteren Zukunft sind hohe Investitionen in den Ausbau einer störungsfreien Kommunikations-Infrastruktur, Stichwort 5G, sowie in Straßen, Markierungen und Ampeln nötig. Sind diese Voraussetzungen gegeben, sieht Professor Lutz Gaspers eine große Chance für den ländlichen Raum: "Autonomes Fahren könnte den Zuzug auf Land fördern, eine neue Landlust wecken", ist er überzeugt. 

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