• aktualisiert:

    BAD KÖNIGSHOFEN

    Bittlinger-Premiere: Argumentieren, nicht etikettieren

    Der erhobene Zeigefinger ist nicht seine Art, die Zuhörer anzusprechen, er verpackt seine Botschaften lieber in treffende Bilder und Musik. Clemens Bittlinger bei seinem Auftritt im Großen Kursaal in Bad Königshofen Foto: Silke Kurzai

      

    Bis auf den letzten Platz besetzt war der Große Kursaal: Menschen aller Altersgruppen kamen auch von weiter her, um den Pfarrer und christlichen Liedermacher Clemens Bittlinger zu hören. Er eröffnete die deutschlandweite Tournee zur Vorstellung seines neues Albums „Bleibe in Verbindung“ an diesem Abend  in Bad Königshofen.

    Georg Leupold, Organisator der Veranstaltung, konnte die gut 400 Zuhörer also zu einer Premiere begrüßen. In bewegten Worten wies Leupold in seiner Begrüßung auf die vielschichtige Bedeutung des Begriffs „Verbindung“ hin: Mit der Natur eins sein, mit anderen Menschen, mit sich selbst. Er deutete an, wie verhängnisvoll die Konsequenzen seien, wenn man, wie mancher Politiker heute, die Verbindung zur Basis verliere.

    Musiker-Freunde

    Mitgebracht zu dieser Premiere hatte Clemens Bittlinger den Schweizer Musiker und Komponisten David Plüss, mit dem er seit 37 Jahren zusammenarbeitet. Mit dabei auch David Kandert (diverse Perkussionsinstrumente) und Sybille Fritz (Cello und Flöte), die für die lyrische Untermalung der Songs sorgte.

    14 neue Lieder hat Bittlinger auf seiner CD eingespielt, der 13. seiner Laufbahn. Als Ergänzung dazu hat Bittlinger ein Buch verfasst, das in der für ihn typischen Art Denkanstöße gibt. „Sieh im Fremden den Bekannten, sieh im Dunkeln schon das Licht!“, singt er und hebt hervor, wie wichtig es ist, offen zu sein für neue Begegnungen. In seinen Reflexionen über die Zeit, die so kostbar ist, spielt er mit dem doppeldeutigen Begriff „endlich“.

    Lieder vom Vertrauen

    Im neuen Album enthalten ist auch das Lied des evangelischen Kirchentags 2019 mit seinem Motto: „Was für ein Vertrauen“. Nur wer anderen vertraut, kann selbst Vertrauen gewinnen. In einem bewegenden Song schildert Bittlinger, wie ein kleines Mädchen im Vertrauen auf den Vater von einer Mauer springen will. Sie weiß, er wird sie auffangen! Dieses Vertrauen hat Bittlinger als Pfarrer und Seelsorger in Gott.

    Aber dieses Gottvertrauen wird eben oft erschüttert. Aus dem Alten Testament wählte Bittlinger die Geschichte von Abraham, der auf das Geheiß Gottes seinen Sohn opfern soll. Der Liedermacher verblüfft seine Zuhörer mit der Überlegung: „Ich stell mir vor, ich wär' der Sohn!“ Das verleiht dem Song eine hochdramatische Wirkung. Wie soll man einem Gott vertrauen können, der solch ein Opfer verlangt?

    Amazing Grace

    Auch „„Amazing Grace“ erklingt. Bittlinger hat den Text neu gefasst, die Aussage bleibt gleich: Der Gnade Gottes können wir vertrauen, so, wie es der Augustinermönch Martin Luther getan hat, für den diese Gnade die Essenz des christlichen Glaubens ist.

    Zu den Themen seiner CD gehört auch ein Song über Transgender-Menschen. Dieses Lied, bekennt Bittlinger, habe ihn eine Einladung gekostet bei einer Gemeinde: Solche Aussagen seien hier nicht erwünscht, wurde ihm mitgeteilt. Betroffen reagieren die Zuhörer. Sie spüren, ein Ausgrenzen anderer, sei es aufgrund von Hautfarbe, Glauben oder sexueller Orientierung, birgt keine Lösung.

    Wider die Ausbeutung

    Aufrüttelnd ist auch ein Song, in dem der Liedermacher dem Sprichwort „Kleider machen Leute...“ eine neue Aussage gibt, indem er den Satz einfach weiter führt mit „...die wenig verdienen“. Wie könnte man das Problem der Ausbeutung armer Länder treffender an den Pranger stellen?

    In Verbindung zu bleiben, bedeutet für den Liedermacher nicht nur Verbindung zu halten mit Menschen, die ihm wichtig sind. Es bedeutet vor allem, andere wahrzunehmen, sich in sie hinein zu fühlen. Diese Empathie ist für Bittlinger lebensnotwendig. „Stell Dir vor, Du wärst es, der ausgegrenzt wird, der auf der Flucht ist“. Eine der zentralen Aussagen von Bittlingers Texten: Es ist leichter zu etikettieren, als zu argumentieren.

    Ernsthaft und humorvoll

    Bittlingers Auftritt im Kursaal war beeindruckend. Er war nicht nur von Ernsthaftigkeit geprägt, sondern es durfte auch gelacht werden. Dazu ist der Pfarrer Bittlinger zu sehr auch ein Entertainer. Gerne lässt er mal einen Witz einfließen, eine Anekdote. Er vertraut auf die Wirkung seiner Musik. Seine Zuhörer lädt er deshalb immer wieder zum Mitsingen ein, er weiß, das löst nicht nur die Zungen, es öffnet auch die Herzen.

    skz

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!