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    MERKERSHAUSEN / ROTHAUSEN

    Ein letztes Fässchen Bier mit den Freunden

    Nicht nur in den Großstädten, wie Berlin oder München ging schon im Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Kriegsangst um. In der in Herbstadt von Valentin Reichert über Jahrzehnte hinweg geführten Chronik ist bereits 1913 nachzulesen: „Nichts wie Kriegsfurcht und deshalb keinen Unternehmungsgeist.“

    Unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stand ganz Unterfranken im Juni/Juli 1914 im Zeichen des 100. Jubiläums der Zugehörigkeit zu Bayern. Der seit 1912 regierende König Ludwig III. weilte zu den Feierlichkeiten am 28. Juni 1914 in Würzburg. An einem Trachtenumzug, dem der König vom Balkon der Residenz beiwohnte, nahm auch die Singschule Bischofsheim/Rhön teil. Ihr sollte zudem eine besondere Ehre zuteil werden, denn die Bischofsheimer waren zu einer Huldigung vor dem König zugelassen.

    Nach dem zwei Stunden dauernden Festzug, warteten sie zusammen mit den Würzburger Küfern auf dem Sanderrasen vergeblich auf den König. Ein Kurier meldete mit tonloser Stimme: „Seine Majestät erhielt soeben die Nachricht, dass der serbische Student Prinzip in Sarajewo den Erzherzog und Thronfolger von Österreich erschossen hat. Es müssen alle weiteren Veranstaltungen abgebrochen werden.“ In die betroffene Stille der Menge platzte die Meinung des Volkes: „Das bedeutet Krieg!“ Die Veranstaltung wurde abgebrochen. Enttäuscht fuhren die Bischofsheimer zurück in die Rhön. König Ludwig sagte den für den kommenden Tag geplanten Besuch in den unterfränkischen Städten Schweinfurt und Kitzingen ab und kehrte an den Münchener Hof zurück. Extrablätter verbreiteten die Nachricht vom Mord am Peter- und Paulstag, an dem keine Zeitung erschien.

    Von einer Kriegsgefahr war allerdings Mitte Juli 1914 in Bad Neustadt noch nichts zu spüren. Viele glaubten überhaupt nicht an die Möglichkeit eines großen Krieges. Andere meinten, dass Österreich mit dem kleinen Serbien schon fertig werden würde. Die wehrdienstpflichtigen Soldaten kamen auf Ernteurlaub, also schien alles in Ordnung zu sein.

    Am Abend des 14. Juli wurde nach längerer Zeit wieder eine festliche Illumination der Salzburg veranstaltet. Raketen stiegen in den nächtlichen Himmel empor und im Kurgarten von Bad Neuhaus spielte die Kapelle Haase muntere Weisen, ist in der 1988 erschienenen Stadtchronik von Dr. Ludwig Benkert nachzulesen. Mit dem österreichischen Ultimatum an Serbien vom 23. Juli 1914 spitzte sich die Lage jedoch zu. Die Wehrpflichtigen erhielten nun den Befehl zum Einrücken zu ihrem Truppenteil. Zusätzlich wurden Reservisten telegrafisch einberufen. Die Zeitungen waren voll von beunruhigenden Nachrichten. Zahlreiche Neustädter Bürger eilten zur Sparkasse und hoben aus Furcht vor Enteignung oder Sperrung ihr Sparvermögen ab.

    Am 28. Juli 1914 verbreiteten Extrablätter die Kriegserklärung Österreichs an Serbien. Am 31. Juli 1914 verhängte König Ludwig III. als oberster Kriegsherr über Bayern den Kriegszustand. In der „Kriegschronik“ der Gemeinde Merkershausen, geführt von Lehrer Urban Albert, wird mitgeteilt: „Obwohl sich schon Tage vorher in jeder Gasse die Ortseinwohner zusammen stellten, so war doch gerade heute, als es öffentlich bekannt gegeben wurde, dass der Kriegszustand verhängt sei, der Auflauf ganz ungeheuer. Alles, Groß und Klein, lauschte und war erregt, und alle hatten die gleiche Frage: Kommt es wohl wirklich zum Kriege? Mit Spannung erwartete man den nächsten Tag, der die Entscheidung bringen sollte.“ Der Zeitzeuge Gustav Hey aus Rothausen im Milzgrund hielt fest: „Es war am Sonntagmorgen, als uns unser Feuerhorn zu einer Feuerwehrübung zusammen-rief. Da kam ein Kamerad und sagte, Österreich habe Serbien den Krieg erklärt. Sofort eilte alles zum Gasthaus von Adalbert Amthor, wo das Telegramm ausgehängt war. Es wurde dann viel gesprochen über einen Krieg, in den auch Deutschland verwickelt werden könnte.

    Doch verlief dieser Sonntag noch ruhig und ohne Aufregung – bis zum Abend. Nun kamen zwei weitere Telegramme. Russland werde sich Serbien anschließen und dadurch Deutschland an Österreich. Es lag jedem wie Blei auf der Brust. Wir Burschen gingen dann in die Gaststätte und tranken ein Fässchen Bier miteinander. Wie oft sagte mancher: Vielleicht das letzte Mal.

    1. Weltkrieg im Grabfeld

    In einer sechsteiligen Reihe widmet sich Kreisheimatpfleger Reinhold Albert den Begebenheiten im Rhön-Grabfeld während des 1. Weltkrieges. Albert beschreibt darin unter anderem Kriegshysterie, Begeisterung, Ängste sowie die Versorgungslage und zitiert aus Feldpostbriefen. Als Quellen dienten ihm Aufzeichnungen von Zeitzeugen, wie sie etwa in der Kriegschronik Merkershausen festgehalten sind.

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