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    Fladungen

    Fladungen: Vierbeinige Präzisionsarbeiter

    Auf dem kleinen Parcours demonstrierte Jens Nattermann wie präzise und zielgenau die Pferde die Holzstämme rücken. Foto: Eva Wienröder

    Auf großes Interesse bei den Besuchern stieß der „Kaltblüter“-Aktionstag im Fränkischen Freilandmuseum am vergangenen Sonntag. Dabei konnte man aus erster Hand von Jens Nattermann mehr über das Pferd als Arbeitstier erfahren und auch, dass die alte Methode des Holzrückens mit Pferden in Zeiten des Klimawandel wieder mehr und mehr gefragt ist.

    Jens Nattermann hatte mit seinen beiden Thüringer Kaltblütern Lucas und Vina sein Quartier auf der großen Festwiese aufgeschlagen. Und dort konnte man bei Vorführungen die faszinierende Arbeit der Tiere erleben. Der Forstmann aus Springstille bei Schmalkalden in Thüringen wurde 2012 Deutscher Meister im Holzrücken, bei der Europameisterschaft 2015 belegte er den dritten Platz, 2018 war er Thüringischer Landesmeister im Einspänner und Zweispänner. Er ist einer der Wenigen seines Berufsstandes. Der Endvierziger hat, wie er sagt, sein ganzes Leben nichts anderes gemacht, als im Wald mit Pferden zu arbeiten

    Harte Arbeitstage für Mensch und Tier

    Zu DDR-Zeiten war er beim staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb beschäftigt und war seinerzeit mit 18 Jahren der jüngste Gespannführer des Landes. Gleich nach der Wende hat er sich selbständig gemacht. 2014 hat er sich dann einem größeren Betrieb angeschlossen, der das „Gesamtpaket“ mit Pferd- und Maschineneinsatz im Wald anbietet. Und das ist sehr gefragt, wie Nattermann erzählte. Inzwischen besinne man sich gerade in Thüringen wieder mehr auf die Arbeit mit den Vierbeinern, der Freistaat fördere seit 2018 diese waldschonende Bewirtschaftung im Staatsforst sogar mit 100 Prozent. Für Nattermann und seine Tiere – Lucas, Hans und Vina -  bedeutet dies viel Arbeit. Sie sind das ganze Jahr über, im Sommer wie im Winter, im Wald unterwegs. Und das sind richtig harte Arbeitstage, wenn es über teils unwirtliches Gelände, Hänge, über Stock und Stein geht. „Wir sind schon mit Leistungssportlern zu vergleichen“, merkte Nattermann an.

    Zweispänner sind acht bis neun Stunden, ein Einspänner vier Stunden am Tag im Einsatz. Pausen sind gesetzlich vorgeschrieben – wie beim Menschen auch – und die drei Pferde wechseln sich ab. Von ihnen bleibt jeden Tag eines Zuhause, um sich auszuruhen, wie der Gespannführer berichtete. An den Hitzetagen im Sommer geht es schon morgens kurz nach vier Uhr aus dem Haus. Aufgestanden wird noch früher, schließlich müssen die Pferde zwei Stunden vor ihrem Einsatz gefressen haben.

    Viel aus dem Leben eines Holzrückers und über die tägliche Arbeit mit den Kaltblütern im Wald konnte Jens Nattermann am Sonntag den Besuchern im Fränkischen Freilandmuseum erzählen. Foto: Eva Wienröder

    Pferde sind oft wirtschaftlicher als Maschinen

    Das Holzrücken mit Pferden sei zum einen schonender für den Wald, sagt der gelernte Landwirt. Der Untergrund werde nicht zerstört, wie es bei großen Rückeschleppern oder Erntemaschinen der Fall ist, und es müssten keine großen Schneisen geschlagen werden. Zum anderen sei es in vielen Bereichen auch wirtschaftlicher, auf die Pferdestärken zu setzen. Gerade jetzt, wo der Borkenkäferbefall immens ist und das Käferholz auch aus kleinen Teilflächen geholt werden muss. Da käme man mit den großen Maschinen oftmals gar nicht bei oder es wäre für einzelne Bäume ein zu großer Aufwand, mit großem Gerät anzurücken. Nattermann mit seinen Arbeitstieren hingegen kann auch in schwer zugänglichen Beständen eingreifen und einzelne, im Wald verstreute Bäume hinausbefördern. Das seien dann manchmal nur fünf oder sechs Festmeter, was für einen Einsatz der Maschinen völlig unrentabel wäre, so Nattermann.

    Mit großem Interesse verfolgten die Museumsbesucher die Vorführungen des erfahrenen Holzrückers Jens Nattermann mit seinem Pferde-Gespann. Foto: Eva Wienröder

    Werbung für schonende Waldarbeit

    Die Ausbildung tut allerdings Not. Es gibt kaum noch Pferderücker und Arbeitspferde für den Forst. Zu DDR-Zeiten seien es im Bereich Suhl noch mehr als 65 Pferde gewesen, heute nur noch drei und den klassischen Lehrberuf gebe es auch nicht mehr, so Nattermann. Er selbst wirbt seit Jahren für die schonende Waldarbeit mit Pferdestärken und dafür, dass die Zunft nicht ausstirbt. Derweil hofft er, dass seine Söhne einmal in seine Fußstapfen treten, denn die seien schon emsig bei der Arbeit mit den Pferden dabei.

    Selbst der Lärm einer Motorsäge kann die Kaltblüter nicht aus der Ruhe bringen. Foto: Eva Wienröder

    Nattermann zeigte dann mit Lucas und Vina eindrucksvoll die Zusammenarbeit von Mensch und Tier. Dazu hatte er einen kleinen Parcour aufgebaut, durch den das Zweiergespann die Stämme manövrierte. Die Zuschauer konnten da nur staunen, wie ruhig und harmonisch das Zusammenspiel von Gespannführer und den Pferden ablief, wie die intelligenten Tiere auf die kurzen Kommandos hörten und wie präzise und akkurat sie ihren Dienst verrichteten. Die gutmütigen Tiere lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Selbst eine laufende Motorsäge störte sie nicht.  Man merkte einfach, Jens Nattermann und seine Pferde sind ein eingespieltes Team und da schwingt viel gegenseitiges Vertrauen und Respekt mit.  

    Selbst der Lärm einer Motorsäge kann die Kaltblüter nicht aus der Ruhe bringen. Foto: Eva Wienröder
    Auf dem kleinen Parcours demonstrierte Jens Nattermann wie präzise und zielgenau die Pferde die Holzstämme rücken. Foto: Eva Wienröder