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    Mellrichstadt

    Georg Stock: Der Mann, der Weltgeschichte beschrieben hat

    Georg Stock, der ehemalige Lokalredakteur der Main-Post, hat vor 30 Jahren hautnah über den Mauerfall berichtet. Foto: Tobias Köpplinger

    Der Mann hat Geschichte beschrieben, Weltgeschichte zumal – und das als Lokalredakteur. Nicht jeder Journalist kann von einem derart dichten Arbeitspensum berichten, wie es Georg Stock im November 1989 und die Monate und Jahre danach erlebt hat. sto, so sein Kürzel, war unser Mann vor Ort, unser Mann in Mellrichstadt, als die Mauer fiel und sich die Grenze öffnete.

    Von der Gemeinderatssitzung zur Weltgeschichte

    "Ich hatte Glück gehabt", bekennt Stock, mittlerweile seit fünf Jahren im Ruhestand. Glück, weil er damals seinen Job als Lokalredakteur auch bis tief in die Nacht wahrgenommen hat. Er hatte am 9. November 1989 eine Gemeinderatssitzung in der Rhön besucht, dort sollten Unregelmäßigkeiten einer Amtsperson zur Sprache kommen. Nichts dergleichen passierte. Er setzte sich dennoch zu nachtschlafender Zeit zuhause hin und hämmerte seinen Text in die Schreibmaschine.

    Dokument der Zeitgeschichte: Georg Stock fotografierte als erster Journalist in den Morgenstunden des 10. November an der Schanz bei Mellrichstadt, wie sich der erste Trabi aus dem Nebel seinen Weg in den Westen bahnt. Foto: Georg Stock

    Dann passierte doch Unerwartetes. Und das kündigte ein Kollege aus Würzburg per Telefon an. "Schau mal hoch zur Grenze, da tut sich was!" Praktisch ohne Schlaf setzte er sich ins Auto und fuhr nach Eußenhausen an die Schanz. "Ich war der erste und einzige Journalist an der Grenze, als der erste Trabi kurz nach 3.40 Uhr in den Westen kam", erinnert sich Schorsch Stock. 

    Eiserner Vorhang war Lebenswirklichkeit

    "Solche Weltgeschichte erlebst du als Lokalredakteur normalerweise nicht", sagt der 70-Jährige. Bis zum 9. November war die deutsch-deutsche Grenze für ihn Lebenswirklichkeit. Aufgewachsen war Stock in Hendungen (Lkr. Rhön-Grabfeld), nur wenige Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt. "Als Kind kann ich mich noch schwach an Verwandtschaftsbesuch aus Suhl erinnern. Danach aber war die Grenze zu. Und wir orientierten uns nach Westen." Abitur machte Stock in Bad Neustadt, studierte in Würzburg und volontierte schließlich bei der Main-Post in den Redaktionen Bad Kissingen, Gemünden und Bad Neustadt.

    Schon bald führte ihn sein Berufsweg aber wieder nach Mellrichstadt, in seine Heimat "mit all den infrastrukturellen Nach- und Fördervorteilen des Zonenrandgebietes", lacht er im Rückblick. "Für mich war damals der Umgang mit der Grenze nichts Fremdes, das gehörte einfach dazu", sagt er. Und beschreibt das Engagement des damaligen Mellrichstädter Bürgermeisters Oskar Herbig. Der Rathaus-Chef war noch in Meiningen zur Handelsschule gegangen, deshalb empfing er die Ost-Rentner, die den Grenzübergang Eußenhausen ohne Probleme passieren durften, gerne in der Wärmestube des Pründner-Spitals, der jetzigen Kreisgalerie. "Und den Kaffee bezahlte der Össer aus eigener Kasse!"

    Kamera in den Osten geschmuggelt

    Geschichten, die im Lokal-Teil ihren Platz fanden. Aber auch überregional berichtetet Georg Stock über die Verhältnisse im Nachbar-Staat. 1983 war er mit dem Arbeitskreis innerdeutsche Kontakte (AiK) im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs in Thüringen. Er schmuggelte eine Kamera mit ins sozialistische Sperrgebiet. "Bei der Ausreise wurde ich zwar gefilzt, doch ich geriet offensichtlich an einen wohlwollenden Beamten. Der ließ mich augenzwinkernd wieder ausreisen. Samt Film und Kamera." Seine Erlebnisse und Bilder füllten danach eine Magazin-Seite.  

    Stock kann sich bei diesem Besuch noch genau an einen jungen Kellner erinnern, der als glühender Club-Fan nur einmal nach Nürnberg zum Spiel wollte, "ich komme auch sicher wieder zurück", hatte er ihm hinter vorgehaltener Hand im Schloss Landsberg zugeflüstert. Diese Begegnungen bestärkten Georg Stock in seiner Meinung: "Ich erlebe es noch, dass diese Grenze aufgemacht wird!"

    Georg Stock: Wie ein Sechser im Lotto

    Zunächst, das gibt der rührige Journalist offen zu, war es eher eine Aussage, um sich abzugrenzen: "Ich wollte einfach anders reden als die Alten!" Doch im Laufe seines Berufslebens und mit den zunehmenden Kontakten in den Osten verstärkte sich dieses Bauchgefühl. "Für mich, der wirklich fest an die Grenzöffnung geglaubt hat, war das wie ein Sechser im Lotto!" 

    In den folgenden Tagen erinnert sich unser Mann vor Ort, Georg Stock, an seinen Sechser im Lotto, die Tage im November vor 30 Jahren. Er schreibt Geschichten zur deutsch-deutschen Geschichte, die er damals als Redakteur hautnah erlebt hat, in seinem Online-Blog unter mainpost.de

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