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    Wegfurt

    Grandiose Theatertruppe macht Wegfurt zum Mittelpunkt Europas

    Grundstücksverhandlungen: Pfarrgemeinderätin Magdalena (Totten) (links) lässt sich von Bürgermeister Matthias (Tratt) und Landrätin (Helga von Garrel) wegen des Kirchengrundstücks nicht über den Tisch ziehen. Foto: Manfred Zirkelbach

    Die Theaterabende in Wegfurt haben in der oberen Rhön inzwischen schon Kultstatus erreicht. Drei Mal war die Geisfürsthalle an den beiden ersten Adventswochenenden bis auf den letzten Platz besetzt, die Erwartungen der Gäste aus der gesamten Region waren dieses Mal allerdings auch besonders hoch.

    Und das lag vor allem an der Auswahl des Stückes, das mit viel Sorgfalt von Spielleiter Egon Sturm und der Leiterin der Theatergruppe, Tamara Räder, ausgesucht wurde. Es sollte wohl dieses Mal nicht eine sogenannte „Allerweltskomödie“ sein, die regelmäßig mit vielen Gags und überraschenden Wendungen für allgemeine Belustigung sorgt, sondern ein Stück, das sich an aktuellen, aber nicht minder erheiternden Themen abarbeitet. Die Entscheidung hat sich gelohnt, von allen Seiten gab es viel Lob und nach jeder Vorstellungen lang anhaltendem Schlussbeifall.

    Gefundenes Fressen

    „Mie senn Europa“, der Titel allein musste schon neugierig machen. Was in aller Welt sollte so wichtig in einem kleinen Rhöndorf sein, um einen solchen selbstbewussten Anspruch zu rechtfertigen. Und genau das war beabsichtigt. Die Wegfurter nahmen geschickt den Ball auf, den der Autor des Stückes Stefan Mirbeth für seine Heimatgemeinde in der Oberpfalz in bewundernswerter Ironie initiiert hat, nämlich Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und daraus schließlich Kapital schlagen zu wollen. Für Kommunalpolitiker ein nahezu „gefundenes Fressen“. Und was für die Oberpfalz gut ist, warum sollte das nicht für die Rhön gelten. „Alles richtig gemacht, das habt ihr schon richtig sauber hingekriegt“, lobte stellvertretende Landrat Peter Suckfüll nach dem letzten Vorhang dann auch Spieler und Spielleiter.

    Natürlich stand wie immer in der Geisfürsthalle der Wegfurter Dialekt im Vordergrund. Mit viel Liebe zum Detail waren die Texte von Egon Sturm und Tamara Räder entsprechend umgearbeitet worden, was allen Schauspielern bei ihren Aktionen auf der Bühne entgegenkommt. Man spürt, alle, ob es die etablierten oder die noch jungen Akteure sind, sie sind mit der Mundart aufgewachsen. Egon Sturm ist da besonders eigen und auch ein wenig Stolz schwingt da mit, wenn er sagt:“ Sprache und damit die regionale Mundart gehört zu unserer Identität, der Dialekt ist darüber hinaus ein Stück Heimat“. Deshalb legt er auch besonderen Wert darauf, den ureigenen Dialekt der Wegfurter nicht aus dem Auge zu verlieren und ihn, wo es auch immer geht, weiter zu vermitteln.

    Dreigespann der Extraklasse

    Alfred Mölter, ein Theaterhaudegen der Sonderklasse, ist natürlich auch bei diesem Stück in seinem Element. Als persönlicher Bleistift spitzender Referent des Bürgermeisters überzeugt er immer wieder durch seine Spontaneität. Mit unübertroffener Mimik und Gestik ist er immer wieder für Überraschungen gut, was freilich auch für Karin Korb als leicht „zickende“ Vorzimmerdame und in gleichem Maße auch für die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Magdalena Totten gilt. Sie bilden ein Dreiergespann der Extraklasse. Mattias Tratt ist zwar noch nicht ganz so lange auf der Bühne, aber er macht als Bürgermeister in seiner ersten Hauptrolle nicht nur eine souveräne Figur, er lebt seine Rolle mit großem Selbstbewusstsein aus.

    Ganz anders dagegen seine Mitspielerin Helga von Garrel als Landrätin , die sich nicht nur mit vornehmer Art und mit ihrer norddeutschen Sprachfarbe hervorhebt, sondern sich auch in der Art ihrer Bewegungen von der Mentalität des Rhöners unterscheidet, wobei das Spiel weiter am Leichtigkeit gewinnt. Ob gewollt oder ungewollt, Egon Sturm hat mit dieser Besetzung noch einmal für mehr Spannung und vergnüglicher Unterhaltung gesorgt. Dann sind da noch die zwei „Jungspunde“, Eva Härter und Jonas Griebel, die zwei „Zeitungsfritzen“, welche unbekümmert und mit viel Freude am Spiel den unterhaltsamen Rahmen komplettieren. An diesen beiden Supertalenten wird das Wegfurter Theaterpublikum in den nächsten Jahren noch viel Freude haben.

    Wegfurt mitten in Europa

    Eigentlich geht es in diesem komödiantischen Vierakter um ein Gemeindefest und damit um die Anschaffung eines Funkmikrofons für die Kirche, das Pfarrgemeinderätin Magdalena von der Gemeinde gesponsert haben möchte. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, als Landrätin Helga dem Bürgermeister die Sensation mitteilt. Das Dorf wird nach Berechnungen einer hohen EU-Behörde nach dem angekündigten Brexit zum Mittelpunkt Europas erklärt. „Mie senn Europa“, diese Ankündigung bringt das Rathaus in helle Aufregung. Sogar Alfred, der eigentlich die Ruhe weg hat, wird von der Begeisterung angesteckt, der Regierungspräsident kündigt sich persönlich an, sogar der Ministerpräsident ist auf dem Weg in die Rhön. „Mie spille jetz Tschämbienslig“, kündigt Bürgermeister Matthias in einer Presskonferenz mit Eva und Jonas von den beiden Lokalzeitungen an.

    Ende gut, alles gut. Wenn schon kein Mittelpunkt Europas und damit auch kein Eurocenter, dann eben die Umgehungsstraße. Da sind sich alle Wegfurter einig. Von links: Magdalena (Totten), Eva (Härter), Jonas (Griebel), Matthias (Tratt), Helga (von Garrel), Karin (Korb), Alfred (Mölter). Foto: Manfred Zirkelbach

    Ein Europacenter muss her, Magdalena, zunächst als Dorftratschtante betitelt, wird so ganz nebenbei zur Europäischen Nachrichtenagentur befördert. Im Zuge der Ämterverlagerung soll ein Landesamt für europäische Angelegenheiten installiert werden. Aber das schönste und größte Grundstück, das hierfür geeignet erscheint gehört der Kirchengemeinde. Und da kommt dann wieder das Funkmikrofon von Magdalena ins Spiel, für den Bürgermeister bei einer solch epochalen Entwicklung nur noch Peanuts. Schließlich wird man ja zu einer europäischen Leuchtturmgemeinde. Um für den Ministerpräsidenten alles herzurichten tauscht Sekretärin Karin auch die Bilder im Bürgermeisterbüro aus, die Hektik ist mit Händen fassbar.

    Die Kapelle spielt

    Im Publikum wird nun gerätselt und getuschelt: „Wer spielt eigentlich jetzt den Ministerpräsidenten?" Das Rätsel wird sogar über die letzte Pause hinübergeheimnist, um die Spannung zu halten. Auch Peter Suckfüll im Publikum ist gespannt, wer da wohl als „Markus“ auftaucht. Doch es kommt wie es kommen muss. Ein Rechenfehler der EU-Beamten in Brüssel lassen den Hype vom Mittelpunkt Europas platzen. Das Rhöndorf geht leer aus, die Musikkapelle für den Ministerpräsidenten kann abbestellt werden, der Besuch wird abgeblasen. Was bleibt? Die Wegfurter haben ja Gott sei Dank ihre Umgehungsstraße und die Magdalena ihr neues Funkmikrofon.

    Die Musikkapelle hat trotzdem gespielt. Sie hat unter der Leitung von Thomas Rockenzahn in den Pausen mit Polkas, Walzer und Marschmusik zur guten Stimmung beigetragen. Als Souffleuse stand einmal mehr Burgl Manger hinter dem Vorhang, für die Maske war Carina Weikard verantwortlich und für die notwendige Licht- und Tontechnik Niklas Horbelt und Christian Straus. Gekonnt im Wegfurter Dialekt hatte die Leiterin der Wegfurter DJK-Theatergruppe Tamara Räder die Gäste begrüßt und zum Abschluss die Akteure mit humorvollen Worten vorgestellt.

    Pressekonferenz. Staunend nehmen die beiden Reporter Jonas (Griebel) und Eva (Härter) die Ankündigungen zum Neubau des Eurocenters entgegen. Foto: Manfred Zirkelbach

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