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    Bad Neustadt

    Im Grabfeld tut sich etwas

    Mit Leader-Projekten wird der ländliche Raum gefördert. Diese führen eindrucksvoll vor Augen, was sich mit Bürgerbeteiligung alles umsetzen lässt.
    Der Kunstrasenplatz in Strahlungen wird bald eingeweiht. Dann können hier Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam trainieren. Foto: Björn Hein

    Alex Becker ist sichtlich gerührt. Oft sind es kleine Dinge, die die Menschen zusammenbringen, so wie in seinem Fall. Seit einigen Wochen spielt er nämlich im Dartverein Strahlungen mit und ist dort sehr glücklich. Hier ist Inklusion nicht eine leere Floskel, sondern sie wird gelebt. Dem Maria Bildhäuser macht es Spaß, mit seinen Freunden – Behinderte wie Nichtbehinderte – beim Darten eine schöne Zeit zu verbringen. Möglich gemacht wurde das etwas sperrig klingende "Kooperationsprojekt landkreisübergreifende Inklusion durch Sport am Standort Strahlungen" durch eine besondere Art der Förderung. Genauer gesagt durch ein so genanntes Leader-Projekt, ein Finanzierungsinstrument der Europäischen Union, mit dem der ländliche Raum gefördert werden soll.

    Inklusion durch Sport wird in Strahlungen groß geschrieben. Von links: Kevin Nöth, Bürgermeisterin Karola Back, Alex Becker. Foto: Björn Hein

    Ohne Eigeninitiative geht nichts

    Brüssel scheint für viele weit weg zu sein. In den Leader-Projekten zeigt sich aber, dass Europa nicht irgendeine abstrakte Konstruktion ist, sondern seine Bewohner diesen Staatenzusammenschluss im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben füllen. Lokale Aktionsgruppen, so genannten LAGen, werden hier aktiv, in Bayern agieren sie gemäß dem Motto "Bürger gestalten ihre Heimat". Dass dem wirklich so ist, zeigen viele Projekte im Landkreis Rhön-Grabfeld, in denen Bürgerbeteiligung umgesetzt wird, denn ohne Eigeninitiative und -leistung geht nichts. Die Lokales Aktionsgruppe Rhön-Grabfeld hatte zu einer Besichtigungsfahrt zu aktuellen Leader-Projekten im Landkreis eingeladen. Kurz vor den Europawahlen wollte man die Gelegenheit nutzen, die Vorteile von EU-Programmen für den ländlichen Raum aufzuzeigen.

    Die Fördermittel schieben eher die Prozesse an, die von den Bürgern dann mit Leben gefüllt werden. So wie im Fall von Alex Becker und dem FC Strahlungen. Hier probieren die Ehrenamtlichen gemeinsam Neues aus, lernen und leben das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung im Vereinsbetrieb und auf dem Sportgelände. Doch nicht nur das: Mit dem Umbau eines Hartplatzes zu einem Kunstrasenspielfeld hat der Verein sein Angebot erweitert. Die Kosten von fast einer halben Million Euro brutto hierfür wurden mit Leader-Mitteln in Höhe von fast 220 000 Euro gefördert.

    Gelebte Inklusion

    Sichtlich stolz auf das in Strahlungen Geleistete ist Strahlungens Bürgermeisterin Karola Back. Man habe sich ihren Worten nach im Bereich der Inklusion engagieren wollen. "Ich stieß hierbei gleich auf offene Ohren. Der Vorsitzende des FC, Horst Hein, gab gleich grünes Licht", sagt sie im Rückblick. Am Anfang hatte man schon etwas Berührungsängste, wie Kevin Nöth aus dem Vorstand des Dartvereins zugibt: "Vorher hatten die meisten so gut wie keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen. Man wusste nicht so recht, was durch die Inklusion auf einen zukommt." Mit diesen Vorbehalten war es aber spätestens dann vorbei, als man zum ersten Mal gemeinsam Dart spielte. "Eigentlich haben uns die Menschen mit Behinderung gezeigt, wie man wirklich miteinander umgeht. Wir haben hier sehr viel gelernt", so Nöth. Die Offenheit der Maria Bildhäuser sei sehr berührend. Offen und ehrlich würden sie immer sagen, was sie denken und wollen. Kevin Nöth und seine Darter haben sie ins Herz geschlossen, gemeinsam geht man nun dem Sport nach. Ebenso wie bei den Alte Herren und dem Kegelverein, bei denen die Menschen mit Handicaps regelmäßig mitspielen.

    Dass die Eigeninitiative wichtig ist, erfuhren die rund 35 Teilnehmer der Fahrt, darunter Landrat, Kreisräte, Bürgermeister und Mitglieder der LAG Rhön-Grabfeld, auch an anderen Orten. Das Besondere an den Leader-Projekten sei, dass sie sehr offen sind und sich von Initiativen umsetzen ließen, die sonst wohl an den finanziellen Mitteln scheitern würden, betonte Regionalmanagerin Ursula Schneider, die während der Busfahrt die einzelnen Projekte erläuterte.

    Klaus Lemmer (Vorsitzender Anlagen Großbardorf, rechts) erläuterte bei der Projektbereisung das Fußball-Förderzentrum Rhön-Grabfeld in Großbardorf. Foto: Björn Hein

    Nachwuchsarbeit im Fokus

    Für langfristige und nachhaltige Unterstützung von Jugendlichen im Landkreis wurde beispielsweise das Fußball-Förderzentrum Rhön-Grabfeld in Großbardorf gebaut. Wie der Vorsitzende der "Grabfeld-Gallier", Klaus Lemmer, sagte, werden am Ende die Projektkosten wohl an die 460 000 Euro betragen, an Leader-Mittel flossen hier 180 000 Euro. Mit Hilfe dieser Fördermittel wurde ein Kunstrasenspielfeld mit knapp 60 x 60 Metern errichtet, inklusive Flutlichtanlage. Dieses erfreut sich seit Herbst 2018 großer Beliebtheit. Nebenan ist man gerade noch dabei, einen Jugendzeltplatz anzulegen. Die Blockhäuser, die als Unterkunft dienen, müssen erst noch errichtet werden, bis zur offiziellen Einweihung der Anlage Anfang September wird man aber mit den Arbeiten fertig sein. "Wir haben enorm viel Eigenleistung erbracht, im Gegenwert waren das rund 100 000 Euro", so Lemmer. Das gehe natürlich nur, wenn im Verein alle an einem Strang ziehen. Wie das in Großbardorf auch der Fall ist. "Man merkt, was mit Liebe und Herzblut auf die Beine gestellt werden kann und wenn alle mitmachen", lobte Regionalmanagerin Ursula Schneider das Projekt.

    Die Bienen fühlen sich im Apiairtherapiezentrum in Bad Königshofen mindestens genauso wohl wie die Besucher. Foto: Björn Hein

    Wo es summt und brummt

    Nach dem Mittagessen ging es dann weiter nach Bad Königshofen, wo das Apiairtherapiezentrum Rhön-Grabfeld besucht wurde. Dieses Projekt verursachte Kosten in Höhe von rund 92 000 Euro, es gab im Ausgleich dafür eine Leader-Förderung in Höhe von rund 45 000 Euro. Der Vorsitzende des Imkervereins, Markus Gütlein, und sein Stellvertreter, Johannes Gräter, luden die Besucher dann zu einem Rundgang ein. Über einen Beamer konnte man live sehen, wie sich Bienenlarven entwickeln. "Der Gedanke soll in die Bevölkerung gebracht werden: die Biene ist wichtig", beschrieb Gräter einen Impetus des Vereins.

    Der Irmelshäuser See war bei der Projektbereisung die letzte Station. Foto: Björn Hein

    Letzte Station war dann der Irmelshäuser Badesee. Hier stellte Bürgermeister Michael Hey die Freizeitanlage und die Versorgungsstation vor, die dank der Leader-Förderung erneuert werden konnten. Die Freizeitanlage schlug mit Projektkosten von brutto rund 324 000 Euro zu Buch, Föderung erhielt man hier in Höhe von rund 140 000 Euro. Das zweite Teilprojekt, nämlich die Versorgungsstation, kostete rund 310 000 Euro brutto, hier flossen Leader-Mittel in Höhe von 65 000 Euro. Dabei seien laut Hey mehrere hundert freiwillige Arbeitsstunden geleistet worden.

    Lob von allen Seiten

    „Im Grabfeld tut sich etwas“ - dieses Schlusswort Werner Angermüllers aus der Vorstandschaft des LAG Rhön-Grabfeld fasste sehr gut den Eindruck zusammen, den die Besucher an diesem Tag von den Projekten gewonnen hatten.

    Leader-Projekte von 2014 bis 2020/2023 in Rhön-Grabfeld
    Apiartherapiezentrum Rhön-Grabfeld Bad Königshofen: Gesamtkosten: 92.322 Euro, Leader-Mittel Rhön-Grabfeld: 44.823 Euro (48,55 Prozent);
    Neuausrichtung Rhönmuseum: 1.511.125 Euro (Förderung: 260.000 Euro, 17,21 Prozent);
    Konzeption Mountainbikeregion Rhön: 130.424 Euro (Rhön-Grabfeld 44.800 Euro, Gesamt-Leader: 89.600 Euro, 68,70 Prozent);
    Radwege Unterfranken, LAG Haßberge federführend: 207.096 Euro (Rhön-Grabfeld: 23.883 Euro und Gesamtleader: 121.821 Euro, 58,82 Prozent);
    Fastnachtsakademie Kitzingen: 995.243,80 Euro (Rhön-Grabfeld: 18.870 Euro und Gesamtleader: 599.032 Euro, 60,19 Prozent);
    Ausbau Schranne Bad Königshofen: 146.610 Euro (58.688,40 Euro, 40,03 Prozent);
    Fußballförderzentrum in Großbardorf: 499.336 Euro (180.000 Euro, 36,05 Prozent);
    Inklusion durch Sport in Strahlungen: 455.928 Euro (Rhön-Grabfeld: 200.000 Euro und Gesamtleader: 220.000 Euro, 48,25 Prozent);
    Dorfhaus "Ein Haus für alle" in Langenleiten: 220.581 Euro (111.217,44 Euro, 50,42 Prozent);
    Internetgestützte Fachkräftesicherung Rhön-Grabfeld: 95.200 Euro (57.120 Euro, 60,0 Prozent);
    Neuausrichtung Badesee Freizeitanlage Irmelshausen: 320.105 Euro (140.000 Euro, 43,74 Prozent);
    Neuausrichtung Versorgungsstation Irmelshausen: 309.575 Euro (65.000 Euro, 21,0 Prozent). Gesamtkosten: 4.983.545,80 Euro, Gesamt-Leadermittel Rhön-Grabfeld: 1.204.401,84 Euro.
    Der neu entstandene Kunstrasenplatz in Großbardorf erfreut sich bei Alt und Jung großer Beliebtheit. Foto: Björn Hein
    Vorsitzender Markus Gütlein (links) gab in Bad Königshofen einen Einblick in die Apiairtherapie. Foto: Björn Hein
    Stellvertretender Vorsitzender Johannes Gräter (rechts) zeigte das professionelle Equipment, mit dem man im Bienenzentrum Bad Königshofen die Welt der emsigen Honigsammler im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe nehmen kann. Foto: Björn Hein
    Die Versorgungsstation am Badesee Irmelshausen lädt die Besucher zum Verweilen ein. Foto: Björn Hein

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