• aktualisiert:

    WILLMARS

    Jay Strauß: Amerikaner sucht seine Wurzeln in Willmars

    „Das ist ein Strauß!“ – 1976 kam Jay Strauss als junger Mann aus New York zusammen mit einem Freund als Rucksack-Tourist nach Willmars, um das Dorf zu sehen, in dem sein Vater Lothar geboren und aufgewachsen ist und das dieser zusammen mit Verwandten kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Richtung USA verließ, um dem Nazi-Terror und letztendlich den Gaskammern zu entfliehen.

    Auf der Dorfstraße kam dem jungen Mann damals eine Frau entgegen, die ihn eingehend musterte, und dann ausrief: „Das ist ein Strauß!“ Die Frau, das war die Mutter von Roswitha Trost. Ihre Mama hat als junges Mädchen bei der Familie Strauß im Haushalt geholfen. Selbst dann noch, als es den Deutschen verboten war, Kontakte mit Juden zu pflegen. Hinter dem Rücken des Bürgermeisters, der Parteimitglied war, schlich sie sich auf Umwegen zum Hintereingang des Strauß'schen Anwesens, um dort zu arbeiten.

    Reise in die Heimat der Vorfahren

    Als sie Jahre später Jay mitten im Dorf erblickte, erkannte sie in ihm die Gesichtszüge seines Vaters Lothar wieder. Sie lud die jungen Männer damals zu sich nach Hause ein.

    An diese Episode erinnerte sich Jay Strauss, als er dieser Tage zusammen mit seiner Frau Margie wieder zu Besuch in Willmars, der Heimat seiner Vorfahren, war. Jay war Radiologe und ist jetzt im Ruhestand. Der Vater zweier Töchter und Großvater mehrerer Enkelkinder wuchs in New York auf. Oma Selma sprach zu Hause in der Bronx Deutsch, deshalb versteht er die Sprache ein wenig.

    Jay zog nach Allentown, Pennsylvania, die Stadt, die durch Billy Joel's gleichnamigen Song weltberühmt wurde. Nun, da Jay im Ruhestand ist, beschäftigt er sich intensiver mit der Geschichte seiner Familie. In unregelmäßigen Abständen trifft Jay sich mit entfernten Verwandten, er nennt sie Cousins. Alle sind Nachfahren der aus Willmars stammenden Strauß-Familie. Sie leben jetzt verstreut in den USA, in Kanada und Holland.

    Stammbäume vervollständigen

    Für solche Treffen will er beim Besuch in Willmars Stammbäume vervollständigen – und er will wissen, wie das jüdische Leben in Willmars aussah, bevor es durch den Holocaust vollkommen ausgerottet wurde.

    Wie jüdisches Leben in Willmars vor und zur Zeit des Dritten Reichs aussah, das weiß Roswitha Trost von ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Und als sie nun Jay und dessen Frau Margie das Haus zeigt, in dem Lothar aufgewachsen ist, und mit den beiden durch die Straße geht, in der früher so viele jüdische Geschäftsleute lebten und arbeiteten, wird sie von Jay und Margie mit Fragen überschüttet. Viele kann Roswitha Trost beantworten, mache nicht. Das ärgert sie. „Man hat so viele Fragen und stellt sie zu spät. Wir hätten früher mehr nachfragen sollen.“

    Bürgermeister hatte viele Informationen

    Bürgermeister Reimund Voß hat dafür gesorgt, dass Jay und Margie Antworten bekommen. Im Vorfeld des Besuchs hat er gründlich in Archiven geforscht und für den Besuch aus Amerika Kopien von allen Urkunden gemacht, die das Leben der Familie Strauß dokumentieren.

    Nach einem herzlichen Empfang im Rathaus nimmt er sich Zeit: Er führte Jay und Margie zu den Geburtshäusern von dessen Großeltern Moses und Selma Strauß, die 1938 emigrierten. Er zeigt den Besuchern die ehemalige Synagoge, den jüdischen Friedhof und das Feuerwehrhaus – schließlich war einer von Jays Vorfahren ein bedeutendes Mitglied bei der Willmarser Feuerwehr.

    Misshandlungen und Demütigungen

    Vor der Synagoge berichtet der Bürgermeister über den Oktober 1938. Damals mussten die Juden die Synagoge komplett ausräumen. Es kam zu massiven Misshandlungen. Anschließend wurden die jüdischen Frauen unter dem Gejohle der Zuschauer gezwungen, die Synagoge mit ihren Jacken aufzuwischen. „Auch das sind Geschichten, die erzählt werden müssen“, sagt Voß.

    Der Bürgermeister hatte dafür gesorgt, dass beim Besuch der Gäste aus den USA weitere Experten vor Ort waren: Elisabeth Böhrer ist eine intime Kennerin des jüdischen Lebens in Unterfranken. Sie arbeitet zurzeit zusammen mit Altbürgermeister Gerhard Schätzlein an dem Teil der Gemeinde-Chronik Willmars, die das jüdische Leben dokumentiert.

    Elisabeth Böhrer: Ein Quell des Wissens

    In akribischer Weise hat Elisabeth Böhrer Stammbäume und das Schicksal zahlreicher jüdischer Familien in Unterfranken recherchiert und dokumentiert. Das sind Informationen, die Jay bei der Vervollständigung seines Stammbaums gut gebrauchen kann.

    Darüber hinaus ist Böhrer ein wahrer Quell des Wissens, wenn es darum geht, in welchen Archiven oder unter welchen Internetadressen weitere Informationen abrufbar sind. Im Vorfeld des Besuchs ist es ihr gelungen, den Standort von Strauß'schen Grabstellen auf dem jüdischen Friedhof auf der Anhöhe zwischen Willmars und Neustädtles ausfindig zu machen. Diese zeigt sie den Gästen, die beeindruckt darüber sind, wie gepflegt der Friedhof ist.

    Schätzleins Chronik

    Hilfreiche Informationen gab es auch von Altbürgermeister Gerhard Schätzlein. Er arbeitet gerade an einer umfassenden Chronik der Gemeinde. Das jüdische Leben in Willmars nimmt dort breiten Raum ein. Auf die Idee, das Kapitel „Jüdisches Leben im Sulzgau“ zu verfassen, kam er während seiner Zeit als Bürgermeister. Damals führte er viele jüdische Bürger, die auf den Spuren ihrer Vorfahren waren, durchs Dorf. Gerade das Schicksal der weitverzweigten Familie Strauß ist dort sehr gut dokumentiert.

    Überarbeitung vor der Veröffentlichung

    Zurzeit ist Schätzlein damit beschäftigt, das Layout für die neue Publikation zu erstellen. Das Kapitel über das jüdische Leben im Sulzgau wird er noch einmal überarbeiten müssen. Er hat von Jay Strauss so viele Informationen über den Verbleib von Familienmitgliedern, über Geburts- und Sterbedaten bekommen, die müssen alle eingearbeitet werden. „Wenn ich diese Daten nicht in die Chronik aufnehme, dann sind die Informationen für immer verloren“, sagt er.

    Mittlerweile sind Jay und Margie wieder daheim in Allentown. In einer E-Mail an ihre Gastgeber bedanken sie sich für den warmherzigen Empfang in Willmars und versprechen, dass sie bei dem nächsten Strauß-Treffen an diesem Wochenende fleißig Daten sammeln werden, um den Chronisten in Willmars weiterhin mit Informationen zu füttern.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!