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    Bad Königshofen

    Leben am Ätna: gefährlich und faszinierend zugleich

    Trotz der Gefahr durch den Vulkan kann sich eine gebürtige Trappstädterin keinen besseren Ort zum Leben vorstellen. Worin besteht die Anziehungskraft?
    Bedrohlich und gleichzeitig faszinierend wirkt das Szenario des Feuer spukenden Ätna oberhalb des Ortes Belpasso auf Sizilien, wo die Tochter von Hans-Witho von Ponikau lebt. Foto: Copyright Hans-Witho von Ponickau

    „Am hellichten Tag hüllt er sich auf einmal in eine schwarze Wolke. Gegen 17 Uhr, als es langsam dämmert, sieht man vom Garten meiner Tochter aus den speienden Vulkan. Je dunkler es wird, desto besser erkennt man die 200 bis 300 Meter hoch fliegende glühende Lava. Der Lavastrom fließt schnell wie eine Autobahn, dann stetig langsamer werdend, talwärts. Dann erkaltet die Oberfläche, wird schwarz und zunächst unsichtbar.“ So beschreibt der Trappstädter Hans-Witho von Ponikau das gespenstige Szenario am Fuße des Ätna.  Auf Sizilien lebt seine Tochter Manuela Russo (57), verheiratet mit Salvatore, in dem kleinen Ort Belpasso auf halber Höhe zwischen Catania und dem Gipfel des Ätna-Massivs.

    Skifahren und Baden an einem Tag

    Früh Skilanglauf auf den Flanken des Ätna ab 1800 Metern oder alpin - Lifte sind ab 1900 Meter im Einsatz, mittags Orangen-Pflücken auf Salvatores Feldern und nachmittags Baden im Mittelmeer wären theoretisch an einem Tag möglich. Die drei Enkel der von Ponickaus sind längst nach München ausgewandert. Für Manuela und Salvatore kommt das nicht in Frage, „die bringt nichts weg von hier.“

    Manuela Russo (links) und ihre Mutter Elise von Ponickau beim Orangen-Pflücken Foto: Copyright Hans-Witho von Ponickau

    Eigentlich ist Gesamt-Europa das Revier des 75-Jährigen. Zumindest alle Länder, die an der direkten Linie zwischen Norwegen, Trappstadt und Sizilien liegen. Dazu kommen die baltischen Staaten, Polen, Tschechien und Österreich, die Benelux-Länder, Frankreich und Spanien. Erfahren in doppelter Bedeutung hat sie der pensionierte Förderlehrer in den letzten 45 Jahren mit diversen Wohnmobilen, dem ersten Marke Eigenbau. Norwegen und Sizilien gehören seit rund 40 Jahren zum Basis-Jahresprogramm seiner Reisen: Norwegen inzwischen durchschnittlich vier Mal im Jahr, weil er sich dort einen „Hütter“, ein Ferienhaus am Fjord in kompletter Eigenleistung gebaut hat und „immer mal nach dem Rechten schauen muss.“

    Jeder Mensch des Grabfelds, der zwischen 1972 und 2001 die Volksschule Bad Königshofen besuchte, kennt den Herrn von Ponickau. Als er noch als Förderlehrer im aktiven Schuldienst war, erfreute er seine Kollegen jeweils am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien mit zentnerweise selber gepflückten Orangen, Zitronen und Olivenöl, ebenso wie nach den Sommerferien mit selber geräuchertem Lachs aus Norwegen. Diesen Service hat er auch aufrecht erhalten, seit er in Pension ist.

    40 mal zum Ätna und wieder zurück 

    Während Hans-Witho von seiner Frau Elise nicht auf allen Reisen begleitet wird, ist sie meistens, so auch diesmal über den Jahreswechsel hinweg, mit an Bord, wenn es auf die 2185-Straßenkilometer-Reise nach Sizilien geht. 39 Mal ist er sie bis zur „Stiefelspitze“ hinunter und nach der Fähre über die Straße von Messina bis Belpasso mit dem Wohnmobil gefahren. Beim 40. Mal gönnten sie sich hin und zurück die Fähre von Genua bis Palermo. 

    Nicht nur wegen der Fähre war die 40. Sizilien-Reise etwas besonderes. Als er unlängst zurückkam, hatte er mehr zu erzählen als sonst. Dass der von den Sizilianern so geliebte und gefürchtete Vulkan Ätna, „der ja immer ein bisschen raucht und brodelt“, zum ersten Mal seit 1992 in diesen Dimensionen wieder aktiv geworden war, das wussten die von Ponickaus schon bei ihrer Anreise. „Dass wir fahren würden war klar. Entweder Manuela hat Probleme und wir können irgendwie helfen oder sie sind wieder mal verschont geblieben. Vom Wintereinbruch in den Alpen“, als sie schon unten waren, „haben wir kaum was mitbekommen.“

    "Die Leute hier sind ihre Ohnmacht vor den Naturgewalten gewohnt. Viele suchen Hilfe im Gebet. Es ist schon tief beeindruckend, wenn die Frühmessen in überfüllten Kirchen stattfinden“, sagt von Ponikau. „Will man einen Sitzplatz, muss man sehr früh da sein. Eine Situation, von der die Pfarrer in Mittel- und Nordeuropa nur träumen.“ In den deutschen Medien erscheine der Ätna eh nur dann, wenn es nichts Besseres zu berichten gebe. „Das bedrohlich Aussehende ist gar nicht das Problem, sondern die einhergehenden Erdbewegungen. Man weiß halt nie, wo der nächste Ausbruch stattfindet.“

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    Der Ätna hat sich schon rund 3000 Ausbruch-Stellen ausgesucht. Die Sizilianer sagen, „er ist wie eine Schlange unter dem Kissen“, und dass bei ihnen der Schnee doch nicht weiß, sondern schwarz ist. Wer früh zu seinem Auto kommt, den Scheibenwischer einstellt oder den Belag der Langlaufskier reinigt, weiß, was sie meinen. Aschestaub gibt es das ganze Jahr: „Schlecht für das Blattgemüse.“ Manche Touristen, hauptsächlich Asiaten, laufen mit Mundschutz herum. Oft sind die Dachrinnen verstopft. 

    Die Lust, auf Sizilien zu bleiben, ist größer als die Angst  

    Die Angst der Bewohner ist geringer als die Lust zu bleiben. Auch Manuela hat sich längst akklimatisiert, will und wird bleiben. Dies, obwohl ihr bekannt ist, dass Geologen berechnet haben, dass die Südost-Flanke des Vulkans jährlich zwei bis drei Zentimeter ins Meer rutscht mit fatalen Folgen. Dass sie eines Tages kollabieren, der Vulkan in sich zusammenbricht und einen Tsunami verursachen wird. Wie viele Zentimeter der am Heiligabend begonnene große Ausbruch verursacht hat, wurde noch nicht berechnet, weil die Serie der davon ausgelösten Erdbeben mit der Stärke von bis 4,8 noch anhält.

    Hans Witho von Ponickau beim Skilanglauf, im Hintergrund der rauchende Vulkan. Foto: Copyright Hans-Witho von Ponickau

    „Wenn die Lava kommt, können wir weglaufen“, sieht´s Manuela Russo, „wenn die Erde wackelt, nicht.“ Die Sizilianer lieben und fürchten den Ätna. „Zur Zeit ist er böse. Er grollt und speit wieder“, sagen sie zu dem spektakulären Naturschauspiel um den mythenhaften, gefährlich schönen Vulkan. Dennoch: Es sind Häuser unbewohnbar geworden, 400 Menschen wurden obdachlos, Dutzende leicht verletzt.  So weit die gefährliche Seite. Die schöne erklärt, warum die Menschen dort den 3300 Meter hohen Berg, den größten Vulkan Europas, lieben. Von Ponikau ist überzeugt, dass „die schönste Jahreszeit rund um den Ätna im Winter“ ist. „Da hat man Sommer und Winter in direkter Nähe.“ Das heißt für ihn, „früh raus aus den Federn, einige hundert Höhenmeter nach oben zum Skilanglauf unter der Sonne Siziliens. In Sichtweite das Szenario mit dem rauchenden Krater.  

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