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    Bad Neustadt

    Leben in der DDR: Im Strudel des Untergangs

    Peter Picciani erzählte als Interviewpartner von Eva Warmuth über seine Politisierung in der einstigen DDR. Foto: Eckhard Heise

    Viel berichtet wird in diesen Tagen von Ereignissen und Menschen, die zum Ende der DDR beitrugen. Authentischer und anschaulicher werden die Schilderungen, wenn sie aus erster Hand, von einem Zeitzeugen geliefert werden. Peter Kähler, der Geburtsname von Peter Picciani, war ein Mosaiksteinchen im geschichtlichen Ablauf zum Fall der Mauer. In den Räumen des Bad Neustädter Kunstvereins erzählte der in Ipthausen lebende Künstler aus seiner Vita.

    Die Bildhauerin Eva Warmuth hatte dazu mit Picciani  im Vorfeld ein Interview geführt, das als Video aufgezeichnet und nun gezeigt wurde. Diese Form war bewusst im Hinblick auf den Jahrestag des Mauerfalls gewählt worden. "Meine Erinnerung ist ein Zeitdokument, welches nicht verloren gehen sollte", begründete Picciani das Projekt.

    Nüchterne und sachliche Beschreibung

    Nüchtern und sachlich, ohne jegliches Opferpathos, beschreibt Picciani den Werdegang eines "unschuldigen" und ahnungslosen jungen Menschen hin zum politischen Widerstandskämpfer und damit unweigerlichen Feindes des Regimes und seiner Handlanger. Es beginnt mit der bewussten Ablehnung in einem Rüstungsbetrieb zu arbeiten, was direkt dazu führt, das er überhaupt keine Arbeit mehr findet und ins gesellschaftliche Abseits gedrängt wird. Dort begegnet er weiteren kritisch denkenden Menschen, die sich schließlich zu einer Friedensgruppe zusammenschließen und den Weg in die Öffentlichkeit suchen.

    Die Konfrontation mit der Staatsmacht war unausweichlich und folgte auch bald. Da die Gruppe allerdings schon eine gewisse Popularität erreicht und im Westen für Aufmerksamkeit gesorgt hatte, "konnte sie nicht einfach aus dem Verkehr gezogen werden". Dulden wollte der Staat seine Gegner aber auch nicht, so dass 1983 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Abschiebung in die Bundesrepublik folgte, "in die ich eigentlich nicht wollte".

    Die Bundesrepublik sei keine politische Alternative gewesen. Er habe die sozialistische Gesellschaftsform stets als die bessere betrachtet. Allerdings habe er auch den Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit gesehen. Aus diesem Grund sieht er aus der zeitlichen Distanz von 30 Jahren die Wiedervereinigung auch nicht als "Glücksfall", sondern als das Vergeben einer Chance, die durchaus vorhandenen positiven Errungenschaften zu übernehmen.

    Diskussion nach der Vorführung

    Nach der einstündigen Vorführung stellte Picciani in der anschließenden Diskussion außerdem ein wenig in Abrede, dass nur ökonomische Gründe die Menschen haben neidisch in den Westen blicken lassen. Als er die radikale Beseitigung der Betriebe geißelte, erntete er Widerspruch mit Hinweisen auf völlig veraltete Technik, aber auch Zustimmung für die Behauptung, dass rücksichtslos funktionierende Strukturen zerstört worden sind.

    Die lebhafte Diskussion zeige, dass das Thema längst nicht ausreichend aufgearbeitet ist, meinte Eva Warmuth abschließend in der dicht gefüllten Unterkunft des Kunstvereins. Einig waren sich die Teilnehmer, dass das Bildmaterial Schulen zur Verfügung gestellt werden sollte, zumal es ein Beispiel der Unzufriedenheit und der daraus resultierende Folgen dokumentiert.

     

     

                                            

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