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    Bad Neustadt

    Leidenschaftlicher Appell zum Kampf gegen Antisemitismus

    Dr. Josef Schuster (Mitte), Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hielt auf Einladung des evangelischen Dekanatsbezirks einen Vortrag im Alten Amtshaus. Außerdem trug er sich im Beisein von Bürgermeister Bruno Altrichter (rechts) und Dekan Dr. Matthias Büttner ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Karin Nerche-Wolf

    Mit Dr. Josef Schuster durfte der evangelische Dekanatsbezirk Bad Neustadt den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland zu einem Empfang im Alten Amtshaus begrüßen. Mit gespannter Aufmerksamkeit und höchstem Respekt verfolgten geladene Gäste sowie Gastgeber Dekan Dr. Matthias Büttner und Hausherr Bürgermeister Bruno Altrichter die Ausführungen, die Schuster zum Thema "Jüdisches Leben heute in Deutschland" machte.

    Am konkreten Beispiel Bad Neustadts verdeutlichte Schuster zunächst, dass jüdische Geschichte hier bereits im 13. Jahrhundert begann und einen wechselvollen Verlauf nahm bis zur letzten Deportation im Jahr 1942. Damit wandte er sich gegen die Fokussierung auf die Jahre 1933 bis 1945, die im allgemeinen Bewusstsein häufig vorgenommen wird, wenn es um Juden in Deutschland geht.

    Religion den Mitbürgern näherbringen

    Heute leben rund 100 000 Menschen jüdischen Glaubens in 105 Gemeinden in Deutschland und bemühen sich auf vielfältige Weise, ihre Religion den Mitbürgern näherzubringen. Speziell dafür vorbereitete Jugendliche erklären beispielsweise in Schulen Gleichaltrigen, was jüdisches Leben ausmacht.

    Bei der Beurteilung der aktuellen Situation für Juden in Deutschland sprach Schuster von einer momentanen Schieflage. Antisemitismus sei durch körperliche Angriffe und Hetzparolen in den sozialen Netzwerken verstärkt spürbar . Schwierig sei die Lage vor allem dadurch, dass die muslimischen Flüchtlinge aus Ländern kämen, in denen Antisemitismus häufig zur Staatsräson gehöre und dadurch eine feindliche Einstellung zu Israel bestehe. Die Flüchtlinge müssten in Deutschland lernen, dass hier das Grundrecht der Religionsfreiheit herrsche und ihr mitgebrachtes Juden-Bild mit Fehlern behaftet sei. Ein erster Schritt dabei müsse unbedingt ein Antisemitismus-Kurs innerhalb der Integrationskurse sein. Nachdem die jüdischen Gemeinden in Deutschland selbst ab 1990 jüdische Zuwanderer aus Osteuropa integrierten, war sich Schuster bewusst, dass dieser Prozess eine ganze Generation lang anhalten wird.

    Warnung vor der AfD

    "Ich warne davor, sich an die AfD zu gewöhnen", sprach Schuster einen weiteren Träger antisemitischen Gedankenguts an, den es aus den Parlamenten wieder zu verbannen gelte. Zuversichtlich stimme ihn hingegen die demokratische Aufbruchstimmung im Land, die sich für Toleranz einsetze. Insgesamt schätzte Schuster die deutsche Demokratie stabil genug ein, die momentane Schieflage beheben zu können, in der mancher Jude zwar nicht tatsächlich ans Auswandern denke, aber doch wieder ein wenig das Gefühl habe, auf gepackten Koffern zu sitzen.

    Auch die Kirchen könnten ihren Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus leisten, ging Schuster auf den christlich-jüdischen Dialog ein, der erst nach dem Grauen der Shoah in Gang gekommen sei. Als konkretes Zeichen lobte er die Entschlossenheit, AfD-Vertreter vom evangelischen Kirchentag in Dortmund auszuschließen. Gemeinsam sei Christen und Juden angesichts der Austritte das Bemühen, das zeitlose Angebot ihrer Religion den Menschen zu vermitteln und dabei nicht zu verwässern.

    Eintrag ins Goldene Buch der Stadt

    Die Fassungslosigkeit, die das Geschehen während der Shoah noch heute bei einem Christen auslöst, brachte Dekan Dr. Matthias Büttner bei seiner Begrüßung zum Ausdruck. Ein ergreifendes Beispiel, das 70 Jahre später Versöhnung und Annäherung möglich machte, regte dazu an, auf diesem Weg weiterzugehen.

    Hochkarätig wie die ganze Veranstaltung fiel auch der musikalische Part aus, den Markus Zitzmann am Saxophon und Kirchenmusikdirektorin Karin Riegler am Klavier mit Latin-Jazz übernahmen, der passenderweise Klezmer-Assoziationen weckte.

    Dr. Josef Schuster, der die Einladung nach Bad Neustadt gerne angenommen hatte, bekundete dies zudem durch seinen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt.

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