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    Wechterswinkel

    Lesung von Maria Knissel: Über das Leben mit einem behinderten Bruder

    Einen Abend voller Gefühle und Erfahrungen erlebten die Besucher der Lesung von Maria Knissel, die vom Saxophonisten Stephan Völker noch aufgewertet und bereichert wurde. Foto: Klaus-Dieter Hahn

    Einen vielfach geäußerten Wunsch hat die Kreiskulturagentur aufgegriffen: Im Konzertsaal des Klosters Wechterswinkel hatte man nach längerer Zeit wieder einmal zu einer Lesung eingeladen. Mit dem Buch "Drei Worte auf einmal" hat die in Kassel lebende Maria Knissel ein Werk geschaffen, das man eigentlich nicht mehr aus der Hand legen möchte.

    Im kleinen, fast intimen Kreis stellte sie ihren bereits 2012 erschienenen Roman im Kloster Wechterswinkel vor. Begleitet wurde die Autorin, die bereits vier Bücher geschrieben hat, dabei von Saxofonist Stephan Völker. Das besonders Interessante an dieser Veranstaltung: Maria Knissel hat in diesem Buch die literarische Adaption der Beziehung zwischen Stephan Völker und seinem schwer behinderten Bruder geschaffen, zwar keine Dokumentation, aber einen Roman mit dem überwiegenden Anteil an reellen Begebenheiten. "Alle Äußerungen von Klaus in dem Buch sind tatsächlich so getätigt worden", versicherte die Autorin.

    Berührend, lesenswert, mitreißend

    Und es ist ein wirklich lesenswerter, berührender, ja mitreißender Roman,  der in einer Sprache geschrieben ist, die nicht nüchtern das Geschehen einfach nur wiedergibt, sondern lebendig ist, den Leser einbezieht, mitfühlen lässt und ihn die beschriebenen Situationen praktisch selbst erleben lässt.

    Drei Jahrzehnte lang lässt Maria Knissel ihren Chris alias Stephan sein Leben beschreiben, beginnend am 5. September 1977. An diesem Tag hat die RAF damals Arbeitgeber-Präsident Hans-Martin Schleyer entführt – ein trauriger Tag für die damalige Bundesrepublik, besonders erschütternd aber für den damals 13-jährigen Chris und seine Eltern, denen die Nachricht vom schweren Motorradunfall ihres 20 Jahre alten Sohnes Klaus überbracht wird. Der Unfall macht aus dem 1,95 Meter großen, unternehmungslustigen "Lebemenschen" (so Stephan Völker) einen auf rund um die Uhr angewiesenen Pflegefall, der im Rollstuhl sitzt, gefüttert und gewickelt werden muss und der auch noch epileptische Anfälle hat.

    Schwerer Unfall stellt Familie vor große Schwierigkeiten

    Für die Eltern bricht eine Welt zusammen. Sprachlosigkeit, Traurigkeit und Verzweiflung greifen in der Familie um sich. Der Alltag mit Klaus fällt Chris anfangs sehr schwer. Er reagiert genervt und ist sauer auf die Ärzte, "die ja doch nichts ändern". All die, die vorgeben, Chris' Situation verstehen zu können, "haben ja keine Ahnung" Doch als Chris seine Rolle akzeptiert und feststellt, dass Klaus auf positive Signale reagiert, er offensichtlich Spaß am gemeinsamen "Fußballspiel" in der Wohnung findet, ändert sich seine Einstellung.

    Chris, der seinen ungeliebten Job bei Opel in Rüsselsheim aufgibt und stattdessen 1995 ein Studium im Bereich Jazz-Saxophon aufnimmt, wird zur großen Stütze und "besten Freund" seines Bruders. Mit den Jahren – Klaus arbeitet in einer Werkstätte für Behinderte und wohnt zusammen mit anderen in einer Tagesstätte – kümmert sich Chris liebevoll um ihn. Zwischen einem vermeintlich aggressiven Pferd und Klaus entwickelt sich eine Freundschaft.

    Aus veränderten Situationen das Beste machen

    Aus der Schweiz erwirbt Chris ein vierrädriges Fahrrad mit zwei Sitzplätzen nebeneinander, das nun gemeinsame Fahrradausflüge ermöglicht, die "total Spaß machen". Klaus blüht neben seinem Bruder auf. Besonders auch an jenem heißen Sommerabend, als die beiden in einem Biergarten mit einer Biker—Clique zusammensitzen und Klaus im Sonnenuntergang am Rheinufer zur Kellnerin sagt: "Die Brüder haben sich lieb".

    Und Chris sieht ein, das alles unumkehrbar ist, das Rad der Zeit nicht zurückgedreht werden kann, man veränderte Situationen annehmen und das Beste daraus machen muss. "Eigentlich habe ich meinen Bruder erst lange nach seinem Unfall richtig kennengelernt", gesteht Stephan Völker ein. 2009 ist sein Bruder gestorben. Wie wichtig ihm sein Bruder war, kommt an diesem Abend im "Kloster Wechterswinkel" auch durch die vielen Eigenkompositionen zum Ausdruck, die Stephan seinem Bruder gewidmet und deren Titel er mit dessen Aussprüchen verziert hat.

    Saxophon-Musik untermalt den Abend stimmungsvoll

    Die mal nachdenklich, träumerisch, melancholischen, dann auch mal swingenden, lebendigen und temperamentvollen Töne aus dem "rauchigen" Saxophon unterstreichen die Stimmung, malen tolle Klangbilder und zeugen vom Innenleben des "besonderen Menschen", wie Behinderte in Brasilien treffend bezeichnet werden.

    So tragen die Werke Titel wie "Wohin dann ?", "Weil ich kei Lust hab" , "Ab geht's" , "In Gedanken viel weiter" und "Hau ab" – alles Original-Aussagen von Klaus, der kurz und markant damit spezielle Situationen beschrieben hat. "Ich habe durch die Erfahrungen und Erlebnisse mein Leben positiv gestaltet", betont Stephan Völker am Ende. "Ich bin durch das Leben mit meinem Bruder reicher geworden."

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