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    Mellrichstadt

    Meiningen: Schießbefehl und Zwangsaussiedlung

    Zeitzeugen berichteten über das Leben an der Grenze. Von links: die ehemaligen Grenzkompanieangehörigen Uwe Reitzner und Fritz Müller sowie Ralf Luther, Gerhard Müller aus Birx und der einstige Beamte der bayerischen Grenzpolizei, Detlef Deutsch. Foto: Hanns Friedrich

    Informationen aus erster Hand, wie es war, als es die DDR noch gab, erhielten die Gäste bei einer Podiumsdiskussion im großen Saal des Landratsamtes in Meiningen. Da erfuhr den Wortlaut des Schießbefehls, und dass die Staatssicherheit, getarnt als Grenzsoldaten, natürlich auch an den Grenzübergängen, so in Eußenhausen-Henneberg, präsent war. Zunächst aber stand an diesem Abend die emotional ergreifende Performance "Mauersegler trauern nicht" des Ensembles aller Schauspielkurse der Christophine  Kunstschule Meiningen unter Leitung von Elke Büchner an. Die musikalische Gestaltung lag in den Händen des Polizeimusikkorps Erfurt.

    Kreisarchivarin Angelika Hoyer ging kurz auf die Vorbereitung der Podiumsdiskussionsrunden ein. Ein gutes dreiviertel Jahr hätten immer wieder Treffen und  Vorgespräche mit dem Moderator, Rhön-Grabfelds Kreiskulturreferent Hanns Friedrich, stattgefunden. Gemeinsam habe man sich für vier Abende entschieden, um die Geschichte der DDR bis hin zur Grenzöffnung  und schließlich die Zeit danach aufzuarbeiten. "Warum ist es wichtig, sich zu erinnern?" Veranstalter und Besucher vermissten bei der Podiumsdiskussion vor allem Jugendliche, die sich für diese deutsche Geschichte interessieren sollten. Alle Schulen seien angeschrieben worden, auch habe man Flyer verteilt, so Hoyer.

    Schießbefehl und Selbstschussanlagen

    Als Ansprechpartner vor Ort waren die ehemaligen Grenztruppenangehörigen Uwe Reitzner und  Fritz Müller, Ralf Luther, der seinen Wehrdienst unter anderem an der Grenze bei Henneberg absolvierte, Gerhard Müller aus Birx und der ehemaligen Angehörige der bayerischen Grenzpolizei Detlef Deutsch. Sie berichteten über ihren Alltag an der Grenze, von Minen und Selbstschussanlagen ebenso wie von Grenzübertritten, auch von westlicher Seite. Uwe Reitzner berichtete von stets vorhandener Kontrolle. Die Soldaten seien an der Grenze in zwei Gruppen eingeteilt worden. In der Gruppe A waren diejenigen, die schon länger Dienst taten, und in der Gruppe B waren die, die neu waren. Stets sei in einer Gruppe jemand aus der Abteilung A gewesen. Auch der Schießbefehl war Thema an dem Abend. Die ehemaligen Grenzsoldaten seien froh, nie die Schusswaffe gebraucht zu haben. Uwe Reitzner wusste die Formulierung des Schießbefehls, in dem unter anderem die Rede davon war, Republikflüchtlinge auf jeden Fall  am Übertritt in die BRD zu hindern, notfalls zu vernichten. Auf die Frage des Moderators, ob das Wort "vernichten" wirklich gebraucht wurde, bekam er die Antwort: "Genau so war es."

    Fritz Müller war diensthabender Offizier an der GÜST Meinigen. "Die DDR-Grenztruppen an der Grenzübergangsstelle Henneberg/Eußenhausen spielten im normalen Ablauf der Grenzkontrollen eine eher untergeordnete Rolle, denn die Staatssicherheit hatte hier das Weisungs- und Kontrollrecht," sagte er. Dass auch Ralf Luther als Fotograf der Grenzsoldaten nicht einfach an die Grenze konnte, berichtete er. Neben ihm seien Offiziere gestanden, die geladene Pistolen in der Tasche hatten.  

    Minentote und Schwerverletzte

    Wie war das, als Nachbarn plötzlich zwangsausgesiedelt wurden? Dazu sagte Gerhard Müller, Bereichsleiter für Tier- und Pflanzenproduktion in Frankenheim, dass dies sehr schlimm gewesen sei, man aber nichts habe unternehmen können. Von Minentoten und Schwerverletzten an der einstigen DDR-Grenze berichtete Detlef Deutsch, der einst bei der bayerischen Grenzpolizei in Bad Königshofen und Mellrichstadt war. Er war später Sachbearbeiter für DDR-Fluchten und Beobachter an der Grenze zur DDR.

    Ein Besucher berichtete, wie ein geflüchteter DDR-Soldat beschossen und damit am Grenzübertritt gehindert worden sei.  "Man hat ihn schwer verletzt und ihn an Händen und Füßen zurück gezerrt", sagte der Gast. Eine Begebenheit, die Hanns Friedrich bestätigen konnte, der dies als Rundfunkreporter einmal mit Augenzeugen erforscht hatte. So konnte er auch eine Frage dahingehend beantworten, dass der zweite Grenzzaun von Westdeutschland über Schweden in die DDR eingeführt und dort aufgebaut worden sei.

    Interessante Einblicke in das Leben an der Grenze

    Der Abend gab interessante Einblicke in das Leben an der Grenze. Der nächste Podiumsabend findet am kommenden Mittwoch, 20. November, ab 19 Uhr statt. Das Thema: „Kerzen – Gebete – Demonstrationen, der Umbruch in der DDR". Weitere Termine: 27. November: "Die Grenze ist offen – Freudentaumel und Euphorie in Ost und West" und am 4. Dezember heißt es: "Die Kinder der Wende – Unser Land heute". Veranstaltungsort: Landratsamt Schmalkalden-Meiningen, Obertshäuser Platz 1 Haus 3.

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