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    Mellrichstadt: "Feind ist, wer anders denkt"

    Podiumsdiskussion mit dem ehemaligen Mellrichstädter Bürgermeister Helmut Will und Prof. Dr. Daniela Münkel (BstU) und Hanns-Friedrich als Moderator.
    Podiumsdiskussion mit dem ehemaligen Mellrichstädter Bürgermeister Helmut Will und Prof. Dr. Daniela Münkel (BstU) und Hanns-Friedrich als Moderator. Foto: Marion Eckert

    Wer in der DDR "anders dachte", wer frei leben wollte, wurde in den Augen der Sozialistischen Einheitspartei (SED) zur Gefahr und kriminalisiert. Die Betroffenen waren von einem Netzwerk aus Bespitzelung und Denunziation umgeben. Misstrauen, Kontrolle und politische Unterdrückung bestimmten die Politik der herrschenden (SED) gegenüber der DDR-Bevölkerung. Zentrale Stütze dieser Politik war das Ministerium für Staatssicherheit: die Stasi.

    "Feind ist, wer anders denkt" - die aktuelle Ausstellung in der Markthalle in Mellrichstadt befasst sich mit der Stasi-Vergangenheit. Sie ist bis 26. Oktober zu besichtigen.
    "Feind ist, wer anders denkt" - die aktuelle Ausstellung in der Markthalle in Mellrichstadt befasst sich mit der Stasi-Vergangenheit. Sie ist bis 26. Oktober zu besichtigen. Foto: Marion Eckert

    Doch wie erging es den Menschen in Ost und West, die ins Visier der Staatssicherheit der DDR gerieten? Mit welchen Methoden arbeitete die Stasi? Und wie präsent war die Geheimpolizei in der Bundesrepublik? Antworten auf diese und andere Fragen gibt die Wanderausstellung "Feind ist, wer anders denkt".

    Informationen über die DDR-Geheimpolizei

    Diese Ausstellung ist noch bis zum 26. Oktober in der Markthalle in Mellrichstadt zu sehen.  Sie informiert über Geschichte, Aufbau, Strategien und Methoden der DDR-Geheimpolizei, gegen Andersdenkende vorzugehen. Die Besucher erfahren, wie durch Überwachung, Bespitzelung und Unterdrückung von Menschenrechten die Macht der Staatspartei SED in der DDR gesichert wurde. Dabei ist die Ausstellung in drei Ebenen gegliedert, die durch Medienstationen ergänzt werden.

    In neun Themenfeldern werden Entstehung, Ideologie, Apparat und Spitzelsystem des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) beleuchtet. Auch die Auflösung des MfS durch couragierte Bürger wird dargestellt. Am Beispiel von 13 ausgewählten Biografien werden die Menschenrechtverletzungen der SED-Geheimpolizei veranschaulicht. Zu den Portraitierten gehören der Liedermacher Wolf Biermann, der Schriftsteller und Psychologe Jürgen Fuchs, die Künstlerin Gabriele Stötzer-Kachold und der Journalist Karl Wilhelm Fricke. Im dritten Teil  skizzieren ausgewählte Daten der deutsch-deutschen und internationalen Politik den zeitgeschichtlichen Rahmen.

    Für die Betroffenen war es brutale Alltagsrealität

    Eröffnet wurde die Ausstellung durch eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Daniela Münkel, zuständig für die Forschung beim BstU (Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik) sowie dem ehemaligen Mellrichstädter Bürgermeister Helmut Will als Zeitzeugen. Moderiert wurde die Gesprächsrunde, an der sich auch einige Stimmen aus der Zuhörerschaft beteiligten, von Hanns Friedrich, der als Journalist die DDR-Zeit und die Grenzöffnung aktiv erlebte. Begrüßt wurden die Gäste von Eberhard Clarenbach als Vertreter der Stadt Mellrichstadt.

    Der Satz "Feind ist, wer anders denkt" sei erschreckend und bedrückend, baue eine bedrohlich Kulisse auf, die für die Betroffenen brutale Alltagsrealität war, so Clarenbach. So umfassend die Ausstellung auch aufgebaut sei, das erlebte und erlittene Leid könne für Außenstehende durch nur Bruchstückhaft nachempfunden werden. Umso erdrückender seien die Fakten und Zahlen: 1989 arbeiteten rund 91 000 hauptamtliche und 189 000 inoffizielle Mitarbeiter für die Staatssicherheit. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde versucht, Akten zu vernichten, doch übrig blieben immer noch 111 Kilometer mit Akten. In den vergangenen 30 Jahren sei viele schon aufgearbeitet und bearbeitet worden, doch weitere 15 000 Säcke mit zerrissenen Akten seien gelagert. Daniela Münkel zeigte sich überzeugt, dass in diesen Säcken noch viele interessante Informationen lagern, doch erwartet sie keinen wesentlich neuen Erkenntnisse. Als eine "Flut an Überinformation" bezeichnete sie das, was die Mitarbeiter der Stasi zusammen getragen habe. In die Säcke seien zum Ende der DDR ganze Schreibtischinhalte gekippt worden, inklusive Zigarettenstummel und Apfelreste.  "Es ist eine nicht enden wollende Aufgabe." Zudem könne immer wieder mit neuem Fragestellungen das Material gesichtet werden.

    Die Besucher nahmen sich Zeit, um die Ausstellungsinhalte zu lesen.
    Die Besucher nahmen sich Zeit, um die Ausstellungsinhalte zu lesen. Foto: Marion Eckert

    Bezug zur Region wird hergestellt

    Die Wanderausstellung wird in Mellrichstadt zum 70. Mal gezeigt, der Regionsbezug wird auf drei eigenen Tafel hergestellt. So gab es 1988 in Bayern 400 inoffizielle Mitarbeiter der Stasi, in West-Deutschland waren es 3000. In Rhön-Grabfeld observierte die Stasi das "Hotel Sturm" in Mellrichstadt und eine amerikanische Militärgeheimdienststelle in Bad Neustadt. "Davon wussten wir nichts", kommentierte Helmut Will. Ebenso unbekannt war ihm bis zur Ausstellung, dass in Bad Neustadt der amerikanische Militärgeheimdienst eine Niederlassung gehabt haben soll.

    Die Zuhörer brachten ihre eigenen Erinnerungen ein: an den kleinen Grenzverkehr und den Besuch im Intershop bis hin zu dramatischen persönlichen Schicksalen. Ein Mann berichtete, wie er seine Frau in drei zusammen genieteten und innen ausgeschnittenen Koffern aus der DDR herausholte sowie von Versuchen der Stasi, ihn für ihre Zwecke einzusetzen.

    Von der Stasi und den bedrückenden Geschichten wurde die Diskussion zu einer teilweise verklärten Erinnerung der Tage im November vor 30 Jahre. "Ich  konnte es nicht glauben", erinnerte sich Helmut Will, an die Bekanntgabe, dass die Grenze offen sei. Was dann folgte ist legendär, vom erste Trabi, der in den Westen rollte und dem Ansturm in den folgenden Wochen. Eine Anekdote reihte sich an die andere von der Anzahl der Besucher bis hin zur Tour des damaligen Landrats Fritz Steigerwald zur Landesbank nach München und 150 000 Mark Bargeld in einer Plastiktüte im Auto unter dem Sitz, um genügend Begrüßungsgeld auszahlen zu können.

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