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    MEININGEN

    Noch heißer als Gulaschsaft

    Stan Meus in der Rolle des Baron Kolomán Zsupán und Camila Ribero-Souza als Gräfin Mariza.
    Stan Meus in der Rolle des Baron Kolomán Zsupán und Camila Ribero-Souza als Gräfin Mariza. Foto: Foto-ED

    Vergessen wir Viktor Orbán und den auferstandenen ungarischen Nationalismus und freuen uns, dass wir im Meininger Theater Gräfin Mariza und ihrem bunten Völkchen begegnen – einem Völkchen, das sich aus Künstlern aus mindestens einem Dutzend Ländern zusammenwürfelt, und zwar so, dass die Leidenschaft „noch heißer brennt als Gulaschsaft“. Also echt ungarisch.

    Beglücktes Durchatmen und ein Viertelstündchen euphorischer Applaus nach dieser Koproduktion mit dem Operettenfestival Bad Ischl und dem Landestheater Eisenach. Zweieinhalb Stunden Kurzweil und Pusztapaprikacsárdáswalzerseligkeit mit pfiffigem Humor und – nicht zu vergessen – mit poetischer Fantasie. Mit großen Stimmen, einer wohlgelaunten Hofkapelle unter Mario Hartmuth, mit einem Chor – Leitung: Martin Wettges -, der die Puszta-Lerchen aus Varasdin blass aussehen lassen würde und Tänzerinnen und Tänzer der Eisenacher Compagnie – Choreografie: Andris Plucis -, die durch die Steppe springen als seien sie direkte Nachfahren des fahrenden Volkes.

    FIFA und Wahrhaftigkeit

    Wie anders sollte man eine Operette, wie die von Emmerich Kálmán, genießen können, die mit der Wirklichkeit so viel zu tun hat wie die FIFA mit der Wahrhaftigkeit? Sollten wir uns etwa an einem radioaktiv verseuchten Wolfgangsee ergötzen, wie im „Weißen Rössl“ annodazumal auf der Meininger Bühne? Oder mit einer nostalgischen Reminiszenz ans Katzbuckeln der niederen Stände vor den höheren, wie in braven Operetteninszenierungen immer wieder vorgeführt? Nein, es muss einen dritten Weg geben, und der Wiener Regisseur Wolfgang Dosch, - ein versierter Kenner der Operette und selbst Sänger und Schauspieler –, beschreitet ihn mit seinem Team souverän.

    In einem spielerisch-fantastischen Bühnenbild von Helge Ullmann – zu dem Kostümbildnerin Annette Mey teils noble, teils folkloristische Gewänder beisteuert – verfolgen wir das Geschehen durch verschieden große Zierbilderrahmen. So öffnen sich Räume und Landschaften unserer naiven (nicht die komplizierteren!), gleichwohl gut gepflegten Sehnsüchte nach all den schönen, vergänglichen Dingen des Lebens, die sich auf Rosenblüh'n, Liebesglüh'n, Leidenschaft und Gulaschsaft reimen.

    Es tut einfach gut, nicht hinter jeder Ecke einen Orbán zu vermuten oder einen liebdienerischen Hans Moser. Dafür begegnen wir wunderbar disponierten und komödiantischen Sängern und Sängerinnen. Vor allem natürlich Camila Ribero-Souza als Gräfin Mariza (alternierend mit Sonja Freitag) und Daniel Szeili als Tassilo, dem Gutsverwalter und baldigem Geliebten der Gräfin. Da möchte man doch Mäuschen spielen. Dann der Operettenbuffo par excellence, Stan Meus, der als falscher Baron von der Strauß'schen Operettenwelt per Schwein auf Rädern ins Pusztauniversum Kalmáns fahren und sich dabei gleich noch selbst persiflieren darf. An seiner Seite: die gewitzte Monika Reinhard als Tassilos Schwester.

    Selbst die Nebenrollen werden unter diesen Umständen zu kleinen bis mittelgroßen Schmankerln: Thomas Lüllig gibt als selbstverliebter Fürst einen veritablen zweiten Buffo, Chorsängerin Sylvia Hofmann die resolute Tante Tassilos und Lars Kretzer ihren Springinsfeld von Diener, der als ehemaliger Souffleur ständig Zitate aus dem Welttheater auf den Lippen trägt. Um dem Ganzen noch eine Extraportion magischen Paprika zu verpassen, liest Carolina Krogius als Zigeunermädchen den Leuten die Zukunft aus den Händen und die Violinistin Alexandra Pop (alternierend mit Johannes Hupach) bringt als einsam geigender Zigan die letzten Seelenkrusten zum Schmelzen, während über der Puszta natürlich der vollste aller vollen Vollmonde aufgeht.

    Es ist ein Fest der Sinne, das wir Zuschauer erleben, schwelgerisch in Form und Farbe und Fantasie, aber nicht mit Krimskrams überfrachtet. Alle Teilchen verbinden sich zu einem harmonischen Ganzen – musikalisch, dramaturgisch, choreografisch – und lassen uns Zaungäste staunend zurück in der süßen sehnsuchtsvollen Illusion eines Glücks für den Augenblick, das das Augenzwinkern nicht vergisst. „Es jó móka volt!“, wie der universale Ungar in uns sagt, „das hat Spaß gemacht.“

    Nächste Vorstellung: 1. Juli, 19.30 Uhr. Karten: Tel. (0 36 93) 451 222, www.das-meininger-theater.de

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    sis

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