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    Bad Königshofen

    PAUL ist der Lebensretter in Katastrophengebieten

    Im Kulturarsenal Darre in Bad Königshofen stellten Professor Dr. Frechen und die Bad Königshofener Ärztin Birgit Kirsch (vorne rechts)  'PAUL - den Wasserrucksack' vor. Veranstalter des Abends war der Lions Club Bad Königshofen.
    Im Kulturarsenal Darre in Bad Königshofen stellten Professor Dr. Frechen und die Bad Königshofener Ärztin Birgit Kirsch (vorne rechts) "PAUL - den Wasserrucksack" vor. Veranstalter des Abends war der Lions Club Bad Königshofen. Foto: Hanns Friedrich/Birgit Kirsch

    Paul bringt 23 Kilogramm auf die Waage, ist blau, gleicht einer Tonne, hat zwei Tragegurte und ist ein Rucksack. Aber ein ganz Besonderer, denn er wird in Katastrophengebieten zum Filtern von Wasser genutzt. Entwickelt wurde er von Professor Dr. Ing. Franz-Bernd Frechen von der Universität Kassel. Eingesetzt wurde PAUL unter anderem in Nepal, als dort 2015 das große Erdbeben war, das auch die Bad Königshofener Ärztin Birgit Kirsch hautnah mit erlebte (wir berichteten). Seit 2002 Jahren fährt sie jährlich mindestens einmal für vier Wochen nach Nepal und arbeitet dort freiwillig und unentgeltlich im Amppipal Hospital in Kathmandu. Durch sie kam auch ein interessanter Vortragsabend im Kulturarsenal Darre in Bad Königshofen zustande, zu dem der Lions Club Bad Königshofen eingeladen hatte.

    Renate Knaut, derzeit Präsidentin des Lions Club Bad Königshofen, begrüßte die Gäste, vor allem den Referenten Professor Dr. Franz-Bernd Frechen von der Universität in Kassel. Zu Birgit Kirsch sagte sie, dass diese seit vielen Jahren in Nepal als Ärztin bei Nepalmed ehrenamtlich ist und selbst das Erdbeben 2015 miterlebte. Daraus sei eine Hilfsaktion entstanden, bei der auch der Lions Club Bad Königshofen aktiv wurde und 2.000 Euro gespendet hat. Damit konnten zehn Membranfilter für PAUL bezahlt werden. Ihr Dank galt beiden Referenten für ihre Ausführungen, die zeigten, dass die Lions Club Spende sehr gut angelegt ist. Professor Dr. Frechen sagte eingangs, dass in vielen Teilen der Welt Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen oder auch Wirbelstürme immer öfter auch die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung gefährden. Medikamente, Decken, Zelte, vor allem aber trinkbares Wasser, werden dann dringend und schnell benötigt, um die Verbreitung von Krankheiten, meist Durchfallerkrankungen, oder sogar das Ausbrechen von Seuchen zu verhindern.

    Der Referent sagte, dass die Entwicklungsvorgaben der Vereinten Nationen darauf zielen, bis 2030 allen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu gewährleisten. Aktuell haben 700 Millionen Menschen weltweit kein sauberes Trinkwasser. Vor allem betroffen sind die ländlichen Regionen. Professor Dr. Frechen erläuterte den Begriff PAUL. Dies steht für "Portable Aqua Unit For Lifesaving". Also eine tragbare Wassereinheit zur Lebensrettung. PAUL ist ein Wasserrucksack mit einer tragbaren Wasserfiltereinheit zum Einsatz in Not- und Katastrophensituationen. Dort versorgt er Menschen mit sauberem Wasser. Die Anlage ist für den Fall gedacht, wenn aufwendigere Techniken samt Personal nicht oder nicht schnell genug die Hilfsbedürftigen erreichen. Wichtig war es bei der Entwicklung, dass das Gerät in Katastrophengebieten über unwegsames Gelände "über Stock und Stein getragen werden kann," betonte der Professor bei seinem Vortrag in Bad Königshofen.

    Er sagte, dass der Wasserrucksack natürlich nicht zum Transport von sauberem Wasser gedacht ist, sondern um eine Aufbereitung verunreinigten Wassers vor Ort ohne weitere technische Hilfsmöglichkeiten. Es ist ein einfaches Gerät, ohne Chemikalien, das "auch Analphabeten" bedienen können. Da genügt dann die Bildsprache. PAUL kann bis zu 400 Menschen in Katastrophengebieten ausreichend mit gefiltertem Wasser versorgen. Die tägliche Filtermenge liegt bei rund 1.200 Liter Wasser. Beim Filtersystem handelt es sich um einen Membranfilter, der nicht nur Schmutz, sondern auch Bakterien mit einem Wirkungsgrad von über 99,999 Prozent und Viren zu über 99,9 Prozent aus dem Wasser entfernt. Der Druck des eingefüllten Wassers presst das Rohwasser durch die Membran und filtriert es somit. "Danach kann man sofort am Ablaufschlauch gereinigtes Wasser entnehmen." Befüllt wird der Rohwassertank mit 120 Eimer Wasser. Er kann aber auch an eine Pumpe angeschlossen werden. Notwendig ist noch ein Filterwassertank, in dem das aufbereitete Wasser gesammelt wird. Eine Station kann übrigens 50 Haushalte versorgen.

    Die ersten Prototypen wurden vor 2010 im Fachgebiet Siedlungswasserwirtschaft im Fachbereich Bauingenieurwesen der Universität Kassel unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Franz-Bernd Frechen für die Grundversorgung von 200 bis 500 Personen entwickelt. Die ersten fünf Geräte kamen im September 2010 in Pakistan zum Einsatz. Aktuell sind an die 3.000 weltweit ausgeliefert. 328 in Nepal, 264 in Pakistan, 261 in Vietnam und unter anderem 171 auf den Philippinen. Auch in Deutschland sind einige bereits zu finden. Schließlich kann damit zum Beispiel Regenwasser gefiltert und trinkbar gemacht werden. Außerdem kann man Wasser aus Flüssen entnehmen und zu Trinkwasser aufbereiten. Einen Nebeneffekt hat die Anlage weiterhin, sie dient der Wertschöpfung vor Ort und schafft Arbeitsplätze. "Wurde früher das Trinkwasser in Plastikbehältern von der Bevölkerung gekauft, so kann man es nun in haushaltsüblichen Gefässen abfüllen," sagte der Referent. Er berichtete von einer Indienreise mit einer Delegation des Fachgebietes Siedlungswasserwirtschaft nach Kanyakumari (Region Tamil Nadu in Südindien). Hier wurden zusammen mit dem Kinderhilfswerk terre des hommes drei Stationen zur Frischwasserdauerversorgung mit dem Wasserrucksack PAUL erfolgreich in Betrieb genommen. Zusammengebaut wird PAUL in den Kasseler Behindertenwerkstätten. Der Wasserrucksack Paul filtert in zehn Jahren zwischen fünf bis zehn Millionen Liter Wasser. Der Wasserpreis bewegt sich damit unter 0.1 Cent pro Liter. Die Kosten für die Erstellung und den Betrieb über diesen Zeitraum bezifferte Professor Dr. Frechen zwischen 3.000 und 5.000 Euro.

    So wird der Wasserrucksack in die Katastrophengebiete transportiert
    So wird der Wasserrucksack in die Katastrophengebiete transportiert Foto: Hanns Friedrich/Birgit Kirsch
    PAUL - der Wasserrucksack im Einsatz in Nepal
    PAUL - der Wasserrucksack im Einsatz in Nepal Foto: Hanns Friedrich/Birgit Kirsch
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