• aktualisiert:

    Bad Neustadt

    Prävention: Sollte Alkohol beim Kinderfasching verboten werden?

    Eine Ausstellung in Bad Neustadt macht Werbung gegen das "Komasaufen". Doch was kann man sonst dagegen tun? Der Vorschlag einer Mutter stieß im Faschingsverein auf Widerstand.
    Gegen "Komasaufen": Unter dem Motto "bunt statt blau" wird derzeit eine Wanderausstellung mit 32 Plakaten im Landratsamt gezeigt. Foto: Corbinian Wildmeister

    Besinnungslos treibt die rothaarige junge Frau auf dem Plakat in einer Flasche Wodka – sie droht zu ertrinken. Doch es gib Hoffnung: Ein bunter Rettungsring schwimmt auf der Oberfläche des Hochprozentigen; er steht für die Alternative zum hemmungslosen Trinken, für die Hilfe von Freunden und für Spaß ohne Alkohol. Daneben die Botschaft: "Blau ist nur als Farbe schön."

    Kontrollverlust, Sucht und Tod: Wer die Plakate der DAK-Wanderausstellung "bunt statt blau" im Foyer des Landratsamtes Rhön-Grabfeld betrachtet, wird mit den drastischen Konsequenzen von übermäßigem Alkoholkonsum konfrontiert. Die Idee hinter der Präventionskampagne: Jugendliche sollen sich bei der Gestaltung von Plakaten kreativ mit den Gefahren des Rauschtrinkens beschäftigen – und so auch ihre Altersgenossen zum Nachdenken anregen.

    Zehn Prozent der Jugendlichen trinken einmal pro Woche Alkohol

    Immer noch  ist "Komasaufen" ein besorgniserregendes Phänomen unter jungen Menschen. Nach Angaben der DAK müssen jährlich rund 22 000 Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Wie eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt, tranken 2018 fast zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal in der Woche Alkohol; 14 Prozent der Jugendlichen berichteten von mindestens einem Vollrausch innerhalb des Monats vor der Befragung. Von den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren hatten sich sogar rund 39 Prozent in diesem Zeitraum betrunken. Die gute Nachricht der Studie: Insgesamt hat der regelmäßige Alkoholkonsum unter Jugendlichen in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen.

    "Was hat Alkohol beim Kinderfasching verloren?"
    Eberhard Helm, Allgemeinmediziner

    Doch wie kommen junge Menschen überhaupt dazu, sich zu betrinken? "Wenn die Jugendlichen bei Erwachsenen sehen, dass Alkohol zu jedem Fest dazugehört, dann probieren sie es natürlich auch aus", sagt Hedwig Heinisch, Mitarbeiterin der Caritas-Suchtberatung Rhön-Grabfeld. Andere Ursachen für das Rauschtrinken seien Gruppenzwang und der Wunsch junger Menschen, ihre Grenzen auszutesten. Gelegentlich sei ein Rausch auch nichts Schlimmes, so Heinisch. "Doch wenn das Rauschmittel immer wieder eingesetzt werden muss, weil man seine Probleme sonst nicht mehr aushalten kann oder das Gefühl hat, ohne Alkohol keinen Spaß haben zu können, ist das gefährlich."

    Der Blick durch die bunte Brille: dieses Plakat hat den DAK-Plakatwettbewerb gewonnen. Foto: Corbinian Wildmeister

    Jugendliche reagieren laut Heinisch auch empfindlicher auf Alkohol als Erwachsene. Dieser beeinträchtige nämlich die physische und psychische Entwicklung der jungen Menschen. Außerdem sei erwiesen, dass das Risiko einer Suchterkrankung höher ist, wenn man schon früh anfängt, Alkohol zu trinken, erklärt Heinisch. Damit Heranwachsende einen verantwortungsvollen Umgang mit Bier, Schnaps und Wein lernen sei es wichtig, dass Eltern dieses Thema mit ihren Kindern besprechen und selbst als gutes Vorbild vorangehen, so Heinisch.  

    "Mit so einem massiven Gegenwind habe ich nicht gerechnet."
    Annette Rabenstein, Sondernauer Narrengesellschaft

    Diese Vorbildfunktion hatte auch Annette Rabenstein im Sinn, als sie vor vier Jahren der Sondernauer Narrengesellschaft vorschlug, zukünftig beim Kinderfasching auf den Ausschank von alkoholischen Getränken völlig zu verzichten. "Mit so einem massiven Gegenwind habe ich nicht gerechnet, ich war perplex", erinnert sich Rabenstein, die sich damals als zweite Vorsitzende in dem Verein engagierte. Nachdem ihr Anliegen  "auf taube Ohren" gestoßen sei, habe sie ihren Posten in der Faschingsgesellschaft abgegeben. 

    Faschingsgesellschaft sah keinen Grund für Alkoholverbot

    Rabenstein habe anregen wollen, dass über ein gewisses Maß und Grenzen beim Alkoholkonsum nachgedacht wird. Sie verstehe zwar, dass sich diejenigen angegriffen gefühlt haben, die "ihren Konsum im Griff haben", andererseits sollten beim Kinderfasching aber tatsächlich auch die Kinder im Mittelpunkt stehen, meint die Mutter eines 13-Jährigen. Stattdessen werde die Veranstaltung teilweise als Vorwand genutzt, um sich im Nachgang zum Fasching noch einmal auf ein Bier zu treffen, so Rabenstein.  

     "Wir haben den Vorschlag wohlwollend diskutiert", schildert Helmut Thalheimer, Vorsitzender der Sondernauer Narrengesellschaft. Letztlich sei man aber zu dem Schluss gekommen, dass man kein Alkoholverbot einführen will. Die Begründung: Auch Erwachsene besuchen die Veranstaltung und diese könnten selbst entscheiden, ob sie Alkohol trinken wollen, so Thalheimer. "Was hat Alkohol beim Kinderfasching verloren?", wundert sich hingegen der Allgemeinmediziner Eberhard Helm aus Ostheim. Wenn Erwachsene bei solchen Gelegenheiten auf alkoholische Getränke bestehen, sei etwas faul. 

    Strengere Alterskontrollen beim Kauf von Alkohol

    Für Helm ist es dennoch wichtig, Alkohol nicht grundsätzlich zu tabuisieren. Um "Komausaufen" vorzubeugen sei es wichtig, dass in der Schule und im Elternhaus offen darüber gesprochen wird, sagt der Mediziner, der sich schon seit einigen Jahren mit Sportveranstaltungen gegen Drogen stark macht. Die Hauptgefahr bestehe aber darin, dass Alkohol überall verfügbar ist, sagt Helm. Man brauche daher strenge Alterskontrollen, sowohl auf Seiten des Einzelhandels als auch von Seiten der Polizei. 

    Georg Bieberich, Leiter der Polizeiinspektion Bad Neustadt, findet, dass es ein "gemeinsames, konsequentes Handeln der Verantwortlichen" brauche, um Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen einzudämmen. Dafür müssen aber zum Beispiel nicht nur Gastwirte oder Veranstalter sorgen. Vor allem die Eltern seien verantwortlich dafür, dass Jugendliche keinen Zugang zu Alkohol haben, meint Bieberich. 

    Die Plakate der Ausstellung "bunt statt blau" sind noch bis Freitag, 29. November, im Landratsamt in Bad Neustadt zu sehen. Die Ausstellung ist täglich zu den Öffnungszeiten des Landratsamtes für Besucher kostenlos zu besichtigen.

    Kommentare (21)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!