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    STOCKHEIM

    Sendemast gefährdet den dörflichen Frieden

    Dr. Cornelia Waldmann-Selsam (2. von links), Referentin beim Informationsabend zum geplanten Sendemasten in Stockheim, m... Foto: Brigitte Gbureck

    Am Ende herrschten beinahe tumultähnliche Zustände: Eine Informationsveranstaltung von Gegnern eines geplanten Sendemasten der Telekom in Stockheim geriet am Freitagabend zu einem hitzigen Schlagabtausch.

    Veranstaltungsleiter Jürgen Geyer von der Bürgerinitiative gegen diesen Masten hatte in der voll besetzten Dorfschänke in Stockheim die Besucher begrüßt. Nur etwa ein Drittel der Besucher stammte aus Stockheim, so die Einschätzung von Bürgermeister Martin Link am Ende des Abends.

    Kampf gegen Mobilfunkstrahlung

    Referentin des Abends war Dr. Cornelia Waldmann-Selsam. Sie war praktische Ärztin in Bamberg und ist Mitinitiatorin des Bamberger Appells, in dem vor Jahren 130 Ärzte einen Ausbaustopp der Mobilfunktechnologie forderten. Die Mobilfunkgegnerin praktiziert nicht mehr als Ärztin, sondern hat sich dem Kampf gegen die Mobilfunkstrahlung verschriebnen. Auf Seiten der Mobilfunkgegner ist sie eine gefragte Referentin, gleichwohl wird ihr von Kritikern mitunter unwissenschaftliches Arbeiten unterstellt.

    Die Referentin berichtete vom Ausbau der UMTS-Technik 2004 in Bamberg. Dagegen habe sich eine Bürgerinitiative gegründet. Aus ganz Bayern seien Rückmeldungen gekommen, in denen Patienten ihre Geschichten über angebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen geschildert hätten. Mitte der 1990er Jahre berichteten Ärzte von Menschen mit Herzrhythmusstörungen und anderen Symptomen.

    Kranke Bäume durch Mobilfunk?

    Sie selbst habe über 2000 Familien besucht. Nicht immer bestand eine freie sicht zum Sendemasten. Aber die schnurlosen Telefone hätten im Dauerbetrieb Hochfrequenzstrahlung abgegeben. Als sie die Bäume bei diesen Hausbesuchen besah, habe sie festgestellt, dass die Blätter der Bäume, die dem Sender zugewandt waren, vorzeitig braun wurden und abfielen. Intensiv haben Mitstreiter die beschädigten Bäume dokumentiert.

    Im zweiten Teil ihres Vortrags berichtete sie von ihren Besuchen in Rhön-Grabfeld, in Bad Neustadt, in Oberelsbach, auf der Rother Kuppe und zeigt dazu eine Karte des Landesvermessungsamtes. In Mellrichstadt stehe eine Antenne auf der Baywa, eine weitere am Altenheim. Auch hier seien geschädigte Bäume in Sichtachse zum Sender zu beobachten. Auf der Rother Kuppe würden die Buchen Schäden aufweisen. „Was soll aus dem Biosphärenreservat werden, wenn die Buchen absterben?“ fragte Cornelia Waldmann-Selsam.

    Statement der Bürgerinitiative

    Silas Weigand und Alexander Bauer verlasen anschließend ein Statement der Bürgerinitiative. Sie erwähnten die Weltgesundheitsbehörde (WHO), die davon ausgehe, dass schon bei sehr schwacher, weit unter den Grenzwerten liegender Mobilfunkstrahlung gesundheitliche Risiken beim Menschen entstehen können. Auch der Europarat fordere eine Reduzierung der Strahlenbelastung durch elektromagnetische Felder.

    Unterschiedliche Grenzwerte

    Weiter erwähnten sie die unterschiedlichen Grenzwerte zum Beispiel in Deutschland, Österreich oder im Vergleich zu EU-Empfehlungen. Das Argument, dass ein Mast in der Ortsmitte weniger strahlt, wurde als nicht richtig dargestellt. Damit sei die Selbstbestimmung des Menschen gestört, weil der Sendemast immer mit voller Leistung strahlt. Die Gegner erwähnten noch, dass die langen Nutzungsverträge der Telekom den weiteren Zubau von Anlagen auf dem Mast ermöglichen würden. Mit der Internetgeschwindigkeit habe der geplante Mast gar nichts zu tun, dazu bedürfte es des Ausbaus des Glasfasernetzes. Deshalb sollte dieser Ausbau forciert werden.

    Kritik an der Referentin

    Andreas Balling meinte, zur Referentin gewandt, dass sie viele Thesen und Behauptungen aufgestellt habe. Es hätte alles sehr in Stein gemeißelt geklungen. Wie könne sie sich aber erklären, dass sie in einem hoch technisierten Land wie Deutschland keinen Wissenschaftler findet, der ihre Thesen unterstützt? Warum musste sie nach Spanien gehen, um jemanden zu finden, der die ganzen Bilder und Thesen bestärkt? Er erklärte sie schlicht für befangen.

    Sie sei leider ein paar Wochen zu spät, die Stockheimer Kulturwochen seien immer im Juli, da hätte ihre Veranstaltung hingepasst, frotzelte der Stockheimer Bernd Ulrich, der ihren Vortrag absolut unwissenschaftlich nannte. Dafür erntete Ulrich Buh-Rufe von einem Großteil der Besucher.

    Hin und Her der Argumente

    Andreas Balling brachte ins Spiel, dass die Referentin nicht mehr als Ärztin praktiziere. Gehe es nur um Information, oder auch um den Verkauf ihrer Bücher, fragte er. Ein Besucher erntete Beifall mit dem Einwurf, dass vor 50, 60 Jahren kein Mensch etwas von Glyphosat gehört habe. Dann wurde festgestellt, dass es hochgiftig ist.

    Peter Schumacher, Absolvent der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, unterstützte die wissenschaftliche Arbeit der Anti-Mobilfunk-Kämpferin. Einer Ärztin zu sagen, sie arbeite nicht wissenschaftlich, spreche für sich, so Schumacher unter dem Applaus vieler Besucher.

    Martin Link: Nur Halbwahrheiten

    Bürgermeister Martin Link hätte sich gewünscht, dass die Veranstaltung Für und Wider zulässt. Es hätten nur Halbwahrheiten im Raum gestanden. Für den 10. Oktober habe er einen, seiner Meinung nach, unabhängigen Fachmann eingeladen und bat alle Stockheimer, dann auch zu kommen. Er möchte keinen Krieg im Dorf.

    Langsam artete die Diskussion in einen Tumult aus, die Stimmung war aufgeheizt, wobei die Regeln des Anstands und des Respekts bei gegensätzlichen Meinungen im Umgangston nicht immer eingehalten wurden. Der Bürgermeister wollte eine sachliche Diskussion. Es sei aber klar, dass Emotionen dazu gehörten, stellte der Moderator Jürgen Geyer fest.

    bgb

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