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    WOLLBACH

    So nötig wie beim ersten Mal

    Ein letztes Zusammensein war an der „Wollhalla“ angesagt, bevor es am Samstag wieder auf große Fahrt in ihre Heimat nach Weißrussland geht. 41 Kinder und ihre Betreuer hatten sich wie stets durch die Organisation des Vereins „Kinder aus Shitkowitschi“ zum Erholungsurlaubs in der Region aufgehalten. Der Aufenthalt ist nach wie vor ein Geschenk für die Jungen und Mädchen, denn an ihrer Lage hat sich nun schon 32 Jahre nach der Katastrophe im Atomkraftwerk nicht viel verändert, erzählt Karl Fiedler, langjähriger Mitstreiter des Helferteams.

    Glücklich sehen die Kinder aus, als sie zum Abschiedsfest ihre einstudierten Tänze und Lieder vorführen. Längst haben sich die Darbietungen an die neue Zeit angepasst und folkloristische Stücke verdrängt. Nur in einem Lied, das die Freundschaft der Länder und die Schönheit der Heimat beschwört, klingt die Sehnsucht nach einer besseren Welt an.

    Doch es ist zum Kopf schütteln, bedauert Fiedler, ehemaliger Bürgermeister von Wollbach, der schon oft im Land des Reaktorunglücks gewesen ist. „Fortschritt ist nicht gewünscht“, hat er das Gefühl. Fiedler räumt ein, dass das Land aber auch durch seine topografische Beschaffenheit schwierige Ausgangsbedingungen für eine wirtschaftliche Entwicklung besitzt.

    Noch deutlicher ist aber Stefan Zehfuß, seit 27 Jahren Vorsitzender des Vereins: „Präsident Lukaschenka unterdrückt alles, was an seinem autoritären System kratzen könnte“.

    Auch der Verein bekomme die Abneigung des kommunistischen Apparats gegenüber dem Westen zu spüren. Früher seien die Vorgänge am Zoll reine Formalität gewesen und im Nu erledigt, inzwischen müsse ein ausufernder bürokratischer Aufwand betrieben werden, wenn die Kinder die Grenze passieren.

    Doch auch durch Entwicklungen im Umfeld des Vereins werden die Arbeitsbedingungen erschwert. Das größte Handicap sei, dass es immer schwieriger wird, Gasteltern zu finden. Früher haben bis zu 100 Kinder auf einmal an den Erholungsaufenthalten teilgenommen, jetzt konnten mit Mühe und Not Betreuer für die 41 Kinder gefunden werden.

    Dabei ist dann auch eine Frau, die seit Anfang an Kinder aufnimmt. Und auch eine 95-jährige Dame ist mit von der Partie, die zwei Kinder betreut. „Die Menschen haben immer weniger Zeit“, glaubt Zehfuß. Andererseits sei die Betreuung auch eine immense Herausforderung, da man drei Wochen lang mehr oder weniger rund um die Uhr für die kleinen Gäste da sein muss, obwohl der Verein mehrere ganztägige Ausflüge mit den Kindern unternimmt.

    Diese aufopfernde Hilfe findet jedoch an „höherer“ Stelle Anerkennung. So fanden sich zur Abschiedsfeier auch Staatsministerin Dorothee Bär und Landtagsabgeordneter Steffen Vogel ein, die den Gasteltern ausdrücklich für ihr Engagement Dank sagen.

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