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    Meiningen

    Stimmen und Melodien trösten die wunden Seelen

    Popsongs im symphonischen Gewand gab es im Großen Saal des Meininger Theaters.
    Popsongs im symphonischen Gewand gab es im Großen Saal des Meininger Theaters. Foto: RN Schütze

    Die Theaterkantine in fortgeschrittener Stunde – ein ideales Biotop für das Wachstum von Ideen, die das Zeug dazu haben, irgendwann auf der Bühne aufzublühen. Dass dabei aus sentimentalem Austausch von Lieblingssongs der Mitarbeiter so etwas wie ein etwas anderes Konzertprogramm entstehen kann, wissen wir seit dem Erfolg der Meininger Musikrevue „Liebesperlen“, die in den 1990ern zu unzähligen Schunkel- und Klatschorgien des Publikums führte.

    Nein, so läuft es dieses Mal nicht. Das immergrüne deutsche Schlagerwesen muss sich im Fernsehen mit Florian Silbereisen begnügen, während im Großen Saal  des Meininger Theaters „Symphonic Pops – Klassiker der Rock- und Popmusik“ den Raum bis in die hintersten Winkel des dritten Rangs verwirbeln.

    Popsongs im symphonischen Gewand

    Das Arrangement der Popsongs im symphonischen Gewand besorgte der Impulsgeber Thomas Kässens. Peter Leipold steht am Pult der Hofkapelle, die in voller Besetzung die Bühne bevölkert und eine leidenschaftliche Liaison mit einer Band (Virginia Breitenstein, Stefan Gross, Andreas Buchmann und Thomas Kässens) eingeht. Vier erfahrene Sänger-Schauspieler - Michael Jeske, Renatus Scheibe, Christine Zart und Sven Zinkan - samt drei Background-Sängerinnen (Marie-Sophie Weidinger, Marina Pechmann, Mirjam Baur) werden ins Rampen- und Discokugelglitzerlicht gesetzt, um ihre Botschaften in den bis auf den letzten Platz besetzten Saal zu senden - Songs, die unser Alltagsleben einst für Augenblicke buntklecksiger gemalt haben und heute noch malen, egal ob wir die Texte jemals verstanden haben oder nicht. Hauptsache, die Stimmen und Melodien trösten für kurze Zeit die wunden Seelen.

    Das waren die Songs

    Songs von (bitte kurz Luft holen!) Peter Gabriel, Sting, Queen, David Bowie, James Brown, Simon and Garfunkel, Paul McCartney, den Beatles, Coldplay, Metallica, Robbie Williams, Elton John, Whitney Houston, Aretha Franklin, Randy Crawford, Meatloaf, den Temptations und Led Zeppelin am laufenden Band. Zwei Stunden. Mit einer Erholungspause. Und dann weiter, hinauf zum Mond über der Bourbon Street (Sting). Von dort aus schließlich mit der „Stairway to Heaven“ (Led Zeppelin) weiter Richtung Sternenhimmel, wo die Taschenlampensternchen der Fangemeinde im dritten Rang ihren Weg in die niederen Gefilde des Parketts finden. Dort nicken vor allem die Damen im reiferen Alter heftig, als Soulpoprockbluesröhre Christine Zart Aretha Franklins „Natural Woman“ mit aller Macht und Mimik in Richtung Gemüt schleudert.

    Es donnert und schallt

    Das ist der Preis dafür, wenn ein mächtiger Klangkörper in einem fassbaren Raum auf enorme sängerische Resonanzkörper stößt. Weniger die konzertante Interpretation von Popsongs ist das Problem, sondern das allseits Mächtig-Gewaltige, das sich gelegentlich sogar gegenseitig zu überbieten sucht, um Gehör zu finden. Es donnert und schallt und wallt inbrünstig und lässt den zarten Tönen oder gar einer zerbrechlichen Liedpoesie kaum eine Chance.

    Die „Bridge over troubled water“ (Simon and Garfunkel) eignet sich so eher zum Einsturz als zur Überquerung von Abgründen. Schön, dass es dazwischen immer wieder Augenblicke des leisen Staunens gibt, zum Beispiel, wenn Andreas Kowalczyk mit seinem Sopransaxophon den „Moon over Bourbon Street“ umschmeichelt oder Gitarrist Stefan Gross Metallicas „Nothing else matters“ mit seinem Solo ein i-Tüpfelchen aufsetzt. Das Publikum scheint jedoch mehr denn je geneigt, sich vom Mächtig-Gewaltigen davontragen zu lassen. Als würde angesichts der unheilen Welt da draußen nur „Full Power“ die eigenen Empfindungen zum Schwingen bringen und die bösen Geister vertreiben.

    Begeisterungsbereites Publikum

    An einem solchen Abend spielen leise Töne keine tragende Rolle. Da geht es um Verwandlung von individueller Sentimentalität in kollektive Stimmung. Insofern passen „Symphonic Pops“ ganz prächtig in einen Theatersaal mit einem begeisterungsbereiten Publikum. Sie schaffen es im Handumdrehen die heilige Halle mit juchzendem Leben zu füllen.

    Nur an der szenischen Dramaturgie sollte gebastelt werden. Schließlich weiß man seit Wittenbrinks „Sekretärinnen“ oder den Meininger „Comedian Harmonists“ wie das geht. So aber tritt die halbfertige Bauanleitung eines spontanen Kantinenprojekts häufiger als nötig zu Tage, zum Beispiel, wenn Renatus Scheibe seine Moderationstexte teilweise am Smartphone ablesen muss.

    Unwahrscheinlich, dass es – wie geplant – nur bei einer weiteren Aufführung bleibt, am 18. April um 19:30 Uhr. Kartentelefon: 03693-451 222.

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