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    Bad Königshofen

    Stolpersteine: Warum es in Bad Königshofen keine gibt

    So werden die Stolpersteine verlegt. Während in anderen Städten diese Art des Gedenkens an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus gepflegt wird, hat sich der Stadtrat von Bad Königshofen schon vor einigen Jahren dagegen ausgesprochen. Hier erinnert man auf Gedenktafeln. Foto: Thomas Obermeier

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten der jüdischen Mitbürger in den Gemeinden und Städten zu Gedenken, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. Die so genannten Stolpersteine sind eine besonders auffällige, weil kaum übersehbare Variante. Die kleinen Metallplatten werden vor der letzten frei gewählten Unterkunft der einstigen jüdischen Mitbewohner im Boden befestigt und geben Auskunft über Namen, Geburtsjahr und Todestag der betreffenden Personen. In Bad Königshofen, wo 1933 noch 94 Juden gelebt hatten, findet man keine dieser Stolpersteine, was immer mal wieder zu Diskussionen führt. Wie unlängst auf der Facebook-Seite "Bad Königshofen und Umgebung", wo die Userin Doris Regnam durch einen geteilten Post eine ganze Reihe von unterschiedlichen Reaktionen hervorgerufen hat.

    Bereits vor einigen Jahren hatte Jane Hartmann-Zeilberger den Stadtrat mit der Bitte kontaktiert, vor dem ehemaligen Wohnhaus ihrer Großeltern in Bad Königshofen Stolpersteine verlegen zu lassen. Die Anfrage war mit einem Schreiben vom Dezember 2012 von Bürgermeister Thomas Helbling abschlägig beschieden worden. Als Begründung führte Helbling damals aus, dass ein ähnlicher Antrag aus dem Jahre 2009 vom Stadtrat bereits abgelehnt worden sei, weil diese Maßnahme nicht nur Zustimmung finde.

    Gedenktafeln statt Stolpersteine

    So verwies Helbling auf Charlotte Knobloch, die neben vielen anderen bedeutenden Ehrenämtern auch von 2006 bis 2010 den Posten der Präsidentin des Zentralrats der Juden bekleidet hatte.  Charlotte Knobloch hatte sich mehrfach vehement gegen die Verlegung von Stolpersteinen in ihrem Wohnort München ausgeprochen, wie in mehreren Zeitungsartikeln nachzulesen ist.  Sie empfindet Stolpersteine, als würden die Opfer von einst erneut mit Füßen getreten. Außerdem machte Helbling in seinem Schreiben an Jane Hartmann-Zeilberger deutlich, dass am Judenfriedhof und am Standort der ehemaligen Synagoge  bereits seit langem Gedenktafeln auf das Leben der ehemaligen jüdischen Gemeinde hinweisen.

    Jane Hartmann-Zeilberger mit ihrer Enkelin Naomi, die mittlerweile drei Jahre alt ist. Foto: Hartmann-Zeilberger

    Eine Ansicht, die Helbling auch heute vertritt, wie er in einem Gespräch mit dieser Redaktion erklärte. Eine Reaktion, die die heute 71 Jahre alte Jane Hartmann-Zeilberger bedauert. Die Enkelin der Zeilbergers aus Bad Königshofen lebte bis 1971 in New York, bevor sie ihren deutschen Mann geheiratet hat, mit dem sie seither in Berlin wohnt. Dort betreibt sie heute noch eine kleine Praxis für Psychotherapie. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland betonte sie in einem Telefonat mit dieser Redaktion, dass sie selbst hier nie negative Erfahrungen gemacht habe. Ihre Tochter allerdings, die mit einem Israeli verheiratet ist, würde ihr Kind nicht auf eine Regelschule schicken, weil sie Angst vor Anfeindungen habe.    

    Dr. Josef Schuster (Würzburg), der Präsiden des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält Stolpersteine für eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa. Auch das Führungsgremium des Zentralrats habe dazu genererell eine positive Meinung. "Insbesondere in Zeiten wie diesen, in denen wir vermehrt Stimmen vernehmen müssen, die eine Änderung der Erinnerungskultur und sogar das Ende der Stolpersteine fordern", erklärt er  in einer  von seiner persönlichen Referentin Gila Baumöhl übermittelten Antwort auf eine Anfrage dieser Redaktion. "Derartigen populistischen und geschichtsrevisionistischen Tendenzen müssen wir durch ein würdiges Erinnern sowie eine resolute Bekämpfung von Antisemitismus und Intoleranz entgegentreten", so Schuster weiter

    Stolpersteine regen zum Nachdenken und Nachfragen an 

    Die Stolpersteine würden dazu einen maßgeblichen Beitrag leisten. Durch diese kleinen Messingplatten im Boden kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema „Holocaust“ unvorhergesehen in Berührung. Stolpersteine würden damit verdeutlichen, dass jene Menschen, die grausam ermordet wurden, mitten unter uns gelebt haben und dass ihre Entrechtung und Verfolgung vor aller Augen passiert ist. "Durch das Lesen der Messingsteine verbeugen wir uns wortwörtlich vor den Menschen, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen". Stolpersteine würden zum Nachdenken und Nachfragen anregen. Dass gerade viele junge Menschen sich dem Projekt in Form von Patenschaften annehmen, die dazugehörigen Biographien recherchieren und sich der Pflege der Steine widmen, hält Schuster für besonders lobenswert und für einen wichtigen Beitrag zur künftigen Gedenkkultur.

    Allerdings merkt Schuster noch an, dass Stolpersteine selbstverständlich nicht die einzige Form eines würdigen Gedenkens sind. "Das Anbringen einer Gedenktafel oder das Aufstellen von Stelen, wie beispielsweise in München, halte ich ebenfalls für adäquate Formen des Erinnerns.“

    Erfunden hat die Stolpersteine der Künstlers Gunter Demnig, der 1992 die ersten verlegte.  Mittlerweile gibt es die Stolpersteine angeblich in 23 europäischen Ländern. Bis Ende 2018 wurden demnach rund 70 000 Steine in Europa gesetzt, nur in Deutschland waren es rund 53 000 in 1099 Städten und Gemeinden.

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