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    Bad Neustadt

    Thomas Frings: Was bleibt noch von Kirche und Katechese?

    Thomas Frings, Priester und Buchautor aus Köln, referierte in Bad Neustadt über die Krise in der Kirche. Foto: Michael Nöth

    Der Mann hat was zu sagen. Und er tut es auch. Thomas Frings war am Wochenende in Bielefeld, am Montag in Bad Neustadt und am Dienstag in Altötting. Sein Thema: Die Krise in der Amtskirche, im Glauben und in den Kirchengemeinden. Frings ist einer, der sich mit den momentanen Gegebenheiten nicht abfindet. "Dass kein Geistlicher mehr in einem 5000-Seelen-Dorf ist, lässt mich nicht kalt", sagt er. Obwohl der Großneffe vom damaligen Kölner Erzbischof und Kardinal Joseph Frings vor drei Jahren genau das Gegenteil gemacht hat zu dieser seiner Aussage.

    Nach Abitur 1980, anschließendem Theologie-Studium und Profess 1987, war er 30 Jahre in der Seelsorge tätig; war Pfarrer in kleineren und größeren Gemeinden, zuletzt gar im erzkatholischen Münster in Westfalen; hat in dieser Zeit erleben müssen, dass einerseits die Geistlichen, andererseits die Gläubigen immer weniger werden in seiner römisch-katholischen Kirche. "Wenn wir an die Struktur gehen und aus drei toten Gemeinden eine Scheintote mit 10 000 Gläubigen machen, haben wir nichts gewonnen!", sagt er beispielsweise aus Erfahrung. Dass Messen gestrichen werden, Gotteshäuser profanisiert und neue Herangehensweisen an die Sakramente ausprobiert werden, hat er alles erlebt. Und in seiner klaren, ehrlichen und mit westfälischem Humor angereicherten Sprache den rund 80 interessierten Zuhörern aus dem gesamten Dekanat unter die Haut gebracht. 

    Kein Amts-Pfarrer mehr

    Im Februar 2016 hatte Frings für sich einen Schlussstrich gezogen. "So kann ich kein Pfarrer mehr sein", sagte er sich, postete das mit tiefer Argumentation auf Facebook, zog sich in ein Benediktinerkloster nach Holland zurück. Und dachte dort weiter  über den dringend notwendigen Transformationsprozess in Kirche und Glauben nach. Zwei Bücher sind seither erschienen. "Aus, Amen, Ende?" und "Gott funktioniert nicht".

    "So kann ich kein Pfarrer mehr sein"
    Facebook-Post von Thomas Frings

    "Das Amt als Pfarrer habe ich bewusst aufgegeben, nicht meine Berufung als Seelsorger", erklärt er. Seither arbeitet er in einer Pfarrei in Köln als Priester - und kommt in ganz Deutschland als Vortragsreisender herum. Frings, schon mal als das Gesicht der Kirchen-Krise bezeichnet, erlebt in seiner Tätigkeit viele unterschiedliche Erwartungen, die Kirche und Gläubige an die Seelsorge haben. "Wenn ich beispielsweise Kinder auf die Erstkommunion vorbereite, und die mitsamt Eltern nicht am Sonntagsgottesdienst teilhaben, sondern nur für das große Fest ausgestattet werden wollen, ist das so, wie wenn ich ein Seepferdchen mache, nie ins Wasser gehe, sondern es nur male oder beschreibe!" Diese prägnanten Vergleiche sitzen bei den Zuhörern.

    Perspektivwechsel tut gut

    Oder: "Wenn wir immer weniger Seelsorger haben, die Gemeinden deshalb zusammengelegt werden müssen, dann machen Sie mal einen Perspektivwechsel. Setzen Sie sich mal vor zu mir: Dann sehen Sie in den Kirchenbänken auch Mangelware!" Für ihn bleibt die Frage: Muss sich das geistliche Bodenpersonal ändern oder die beharrlichen Ansprüche der in der Kirche Engagierten? Frings selbst sieht die Ursachen der Kirchen-Krise fifty-fifty, verteilt auf genau diese Pole. In der Vorabendmesse zu Fronleichnam zählte er in Kölns drittgrößter Kirche St. Michael neun Besucher. "Offenbar haben nicht alle Menschen Bock darauf, in lebendigen Gemeinden ihren christlichen Glauben leben zu können", sagt der Westfale dazu.

    Er habe sich gewandelt, hinterfragt, ausprobiert - gerade, was Beichte und Erstkommunion betrifft. Seine Erfolge waren eher bescheiden, wie er auf eine Frage aus dem Bad Neustädter Publikum antwortet. Dennoch weiß er, dass es ihn in seinem Glauben nährt, die Messe zu lesen. "Das macht mich fromm, das ist ein Wert an sich. Nur: Das wird nicht von jedem Gläubigen so empfunden!" Und fragt provokant: "Mal ehrlich, wer bekreuzigt sich noch vor dem Essen, und das vielleicht gar im Biergarten?" Drei Hände gingen zaghaft hoch im Neustädter Pfarrsaal.

    Gemeinwohl-Studie: römisch-katholische Kirche auf Platz 102

    Hat die Kirche ein Glaubwürdigkeitsproblem, ist eine weitere Frage aus dem engagiert mitdenkenden Publikum. Frings antwortet darauf mit der Gemeinwohl-Studie in Deutschland. Da wurden 137 Institutionen für eine Prioritätenliste abgefragt. Auf Platz 1 steht die Feuerwehr, unter den ersten zehn sind Diakonie und Caritas eingeordnet. Die evangelische Kirche landet auf Platz 19, Youtube ist auf Rang 101, die römisch-katholische Kirche auf 102, direkt vor dem DFB - "immerhin", lacht Frings. Und zieht einen Vergleich zur Bewegung Maria 2.0. "Es könnten gerne 30 Prozent der Leitungspositionen in der Amtskirche Frauen übergeben werden. Das nützt aber nichts, denn ein Geweihter hat immer mehr zu sagen als diese Frauen!", weiß Frings.

    Und schiebt aber auch gleich ein positives Beispiel nach von Bischof Franz Jung. Der habe seit seiner Zeit in Speyer regelmäßig Ruhe bei einer kleinen Benediktiner-Gemeinde in Köln gesucht. Dort habe Frings ihn unlängst gesehen, als er zwar am Altar mitzelebrierte, sich aber im Rang eines Bischofs wohltuend an der Seite ein- und unterordnete.

    Dekan Andreas Krefft bedankte sich nach anregenden zwei Stunden bei Thomas Frings. Er forderte ihn auf, mutig zu bleiben und die Kirchen-Themen anzusprechen, die unter die Haut gehen. Einen Tipp hatte er aber auch für alle Zuhörer parat: "Wenn Sie ein Buch von Thomas lesen, dann nicht vor dem Einschlafen. Das hat mir schon oft den Schlaf geraubt!" 

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